Reformationsorte in Mitteldeutschland: Herrnhut Von einem kleinen Ort in die weite Welt hinaus

1722 gewährte Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf auf seinem Gut Berthelsdorf in der Oberlausitz mährischen Glaubensflüchtlingen Asyl. Seit der Gegenreformation im 16. Jahrhundert wurden protestantische Gemeinden im katholischen Habsburger Reich, insbesondere in Böhmen und Mähren, verfolgt. Einige von ihnen wanderten deshalb nach Sachsen aus. Die Niederlassung der ersten beiden Familien war Ausgangspunkt für die schnell wachsende Siedlung Herrnhut, die weltweite Ausstrahlung erlangte.

Die Herrnhuter Brüdergemeinde ist eine evangelische Kirche, die heute in mehr als 35 Ländern auf allen fünf Kontinenten vertreten ist und teils unter dem Namen "Evangelische Brüdergemeine" bekannt ist. (Es ist übrigens kein Tippfehler, Gemeine ist richtig. Das fehlende "d" ist dem früheren Sprachgebrauch geschuldet - bis heute.)

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Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine

Wer heute das Örtchen Herrnhut mit seinen 3.000 Einwohnern besucht, mag sich auf den ersten Blick an eine französische Residenzstadt erinnert fühlen. Geschlossene historische Häuserfassaden laufen sternförmig auf das Zentrum zu, in dem sich jedoch kein Schloss, sondern der große Gebetssaal der Herrnhuter Brüdergemeine befindet: ein rechteckiger Saalbau mit hohen Fenstern, schlicht-schmucklosen Wänden und weißen Holzbänken.

Dieser Große Kirchensaal der Brüdergemeine bildet den Mittelpunkt Herrnhuts. Das barocke Bauwerk wurde 1756/57 nach Plänen des am Dresdner Hof geschulten Siegmund August von Gersdorff erbaut. Mit seinem hohen Mansardendach und dem Dachreiter überragt es die Häuser des Ortes. Hinter den großen Bogenfenstern befindet sich ein lichter Saal. Anders als in einer lutherischen Kirche gibt es keinen Altar und keine Kanzel. In der Mitte steht vor einem Tisch der Stuhl des Liturgen. Die Brüder und Schwestern saßen früher getrennt voneinander auf schlichten Bänken.

Bemerkenswert ist außerdem der Vogtshof, der aus einem 1730 erbauten Wohnhaus hervorgegangen ist, das 1746 zu einer schlossartigen Dreiflügelanlage erweitert wurde. Ab 1756 war es Sitz der Vogtei, der Güterverwaltung des Grafen Nikolaus von Zinzendorf. Seit 1913 beherbergt der Vogtshof die Unitätsdirektion, die Kirchenleitung der Herrnhuter Brüderunität im kontinentalen Europa. Und hier im Sitzungssaal werden die bekannten "Herrnhuter Losungen" für Anhänger in der ganzen Welt zusammengestellt.

Außergewöhnliche konfessionelle Vielfalt

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MDR 1 RADIO SACHSEN Do 15.09.2016 11:59Uhr 03:10 min

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Herrnhut liegt im Gebiet des so genannten Oberlausitzer Sechsstädtebundes, der von 1346 bis 1815 bestand und die Städte Bautzen, Görlitz, Kamenz, Lauban, Löbau und Zittau umfasste. Diese und die Rittergutsbesitzer konnten in Religionsangelegenheiten weitgehend eigenständig entscheiden. Martin Luther ist zwar dort nie gewesen, doch setzten sich seine reformerischen Vorstellungen in der gesamten Region früh durch. Schon 1521 und 1540 wurden dort lutherische Prediger angestellt.

Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts war auch das flache Land weitestgehend lutherisch. Nur die Zisterzienserinnenklöster St. Marienstern und St. Marienthal, das Kloster der Magdalenerinnen in Lauban und das Domstift Bautzen widersetzten sich der Reformation und konnten auch ihre Untertanen überwiegend beim katholischen Glauben halten.

Das bedeutete auch, dass sich in der Oberlausitz eine außergewöhnlich aufgefächerte konfessionelle Vielfalt entwickelte: Lutheraner, Katholiken, mährische Brüder, Schwenkfelder, Herrnhuter. Es kam sogar zu einer bis heute bestehenden evangelischen Freikirche, die ihre Wurzeln in der Reformation Martin Luthers sieht.

Nach der Teilung der Oberlausitz 1815 folgte die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens der Lehre Luthers, während auf preußischer Seite lutherische und reformierte Traditionen in der unierten Kirche zusammengeschlossen wurden und heute in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz vereint sind.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR 1 Radio Sachsen | 15.09.2016 | 11:59 Uhr
MDR Sachsenspiegel | Fernsehen | 23.09.2016 | 11:37 Uhr