Reformationsorte in Mitteldeutschland: Jena Hier rechnete Luther mit seinem eigenen Doktorvater ab

Mit Jena verbindet sich der Gedanke an Jenoptik, die Erinnerung an Zeiss und Schott, an das beste Glas der Welt, an die große Tradition der Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie. Doch auch die Geschichte der Reformation hat viel in Jena zu erzählen. Zum Beispiel übernachtete Luther hier inkognito als Junker Jörg. Und hier hielt er eine harte Abrechnungspredigt ausgerechnet gegen seinen Doktorvater Andreas Bodenstein.

Die thüringische Großstadt Jena im Flusstal der Saale, umgeben von Muschelkalkfelsen, ist eine geschichtsträchtige Universitätsstadt und gleichzeitig eine moderne Bildungs- und Forschungsmetropole von internationalem Rang. Die fast 25.000 Studierenden an Universität und Fachhochschule verleihen der 100.000-Einwohner-Stadt ein jugendliches Flair. "Ja in Jene lebt's sich bene", heißt es in einem alten Studentenlied.

Geistesgrößen wie Goethe, Schiller, Hegel oder Fichte waren hier genauso zu Hause wie die Pioniere von Wissenschaft und Technik. Dafür stehen die Namen Abbe, Zeiss und Schott. Der Stolz ihrer Arbeiter fand im Wort vom "Stehkragenproletariat" seinen Begriff. Das beste Glas der Welt, es kam aus Jena.

Doch schon die Reformation im ausgehenden Mittelalter hat ihre Spuren in Jena hinterlassen, das seit 1423 zum Kurfürstentum Sachsen gehörte. Im Verlauf des 15. Jahrhunderts entwickelte sich Jena zu einer blühenden Gewerbe- und Handelsstadt. An den sonnigen Berghängen gedieh der Weinbau gut und ernährte einen beachtlichen Bevölkerungsanteil bis hinab zum Tagelöhner. Von 1490 bis 1542 wuchs die Bevölkerung von 3.880 auf 4.280 Einwohner.

Schauen Sie sich um ...

Marktplatz

Jena Markplatz
Bildrechte: MDR/Martin Jehnichen

Luther steigt inkognito im "Schwarzen Bären" ab

Logo MDR 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Martin Luther war zwischen 1522 und 1537 mindestens elf Mal in Jena. Das erste Mal betrat er die Stadt am 3. März 1522, allerdings inkognito als Junker Jörg. Er lebte damals unter dieser Tarnung auf der Wartburg, da er der "Reichsacht" verfallen war. Er war damals auf geheimer Mission auf dem Weg nach Wittenberg, wo die Reformation wegen verschiedener "Auswüchse" aus dem Ruder zu laufen drohte.

Unter falscher Identität übernachtete Luther im "Schwarzen Bären". Auch später suchte er die Herberge mehrmals auf. Im heutigen Gasthaus und Hotel am Lutherplatz erinnern ein Gemälde im Foyer sowie eine metallene Tafel an der Frontseite des Gebäudes an diese Zeit.

Meist waren Luthers Besuche in Jena und anderen Orten des Saaletales riskant und brisant. So auch im August 1524: Besonders hart und bitter wurde die Auseinandersetzung ausgerechnet mit seinem früheren Doktorvater und Verbündeten Andreas Bodenstein (1486-1541), genannt nach seinem Herkunftsort "Karlstadt". Karlstadt hatte Luthers gewaltfreien Weg der theologischen und kirchlichen Neuorientierung verlassen und die Bewegung radikalisiert. Es kam zu ersten Übergriffen auf Klöster.

90 Minuten am Stück predigte Luther am 22. August 1525 in der dicht gefüllten Kapelle der Stadtkirche. Darin rechnete er mit dem anwesenden Karlstadt ab. Im "Schwarzen Bären" wurde weiter diskutiert. An den verhärteten Standpunkten änderte sich nichts. Im Gegenteil, die Lage eskalierte. 1525 – es war eine nicht zuletzt durch die Bauernkriege aufgeheizte Zeit – wurde das Karmeliter-Kloster "Zum heiligen Kreuz" in Jena gestürmt und geplündert. Auch das Predigerkloster des Dominikanerordens blieb nicht verschont. Die meisten der 30 Mönche gingen nach Leipzig bzw. Erfurt. Im gleichen Jahr wurden nahe dem Röhrkasten auf dem Marktplatz am Bauernkrieg beteiligte Bürger und Bauern enthauptet.

1526 wurden auf kurfürstlichen Befehl die Kleinodien der Klöster – Kreuze, Kelche, Patenen, Teller usw. – untersucht, geschätzt und dem Rat zu Jena zur Verwahrung übereignet, sprich zum Verscherbeln. Ihr Wert soll sich auf einige Tausend Gulden belaufen haben.

Sie kommen wegen der Stadt und bleiben wegen der Forschung

Heute ist Jena wieder eine prosperierende, vitale Stadt. Forschung und Wirtschaft arbeiten eng miteinander, wie es schon das alte Erfolgsrezept von Zeiss und Schott gewesen war. Die Universität Jena hat sich auf Optik und Biotechnik spezialisiert. Sie zieht Forscher und Studenten aus der ganzen Welt an. Jeder vierte Einwohner in Jena studiert. Egal, wen man fragt, ob Studierende, Studienbetreuerinnen oder Professoren, sie alle sagen das Gleiche: Viele Studenten kommen wegen der Stadt und bleiben wegen der Forschung.

Für das Jubiläumsjahr 2017 will die Stadt Jena die Überreste des einstigen Karmeliterklosters auf Vordermann bringen. Dabei geht es vor allem um die Sakristei und den Kapitelsaal in gotischer Ausstattung. Diese Kleinodien sollen ebenso der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden wie das Nachbargelände am Theaterhaus, so dass der einstige Kreuzgang in seinen Umrissen erkennbar wird.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR Thüringen - Das Radio | 05.01.2017 | 20:50 Uhr
MDR Thüringen Journal | Fernsehen | 03.04.2017 | 19:00 Uhr

Wer mehr wissen will ...

Weiterführende Links