Reformationsorte in Mitteldeutschland: Kemberg Pilotprojekt der Wittenberger Reformatoren

von Franz Kadell

Die heutige Kleinstadt mit gut 10.000 Einwohnern liegt zwischen dem Nordrand des Naturparks Dübener Heide und der Elbe und fasst 28 Ortsteile zusammen. Ein Gang durch die Altstadt schafft schnell ein Gefühl dafür, wie der Kernort mit seinen damals rund 1.000 Einwohnern zu Luthers Zeiten gewesen sein muss. Beherrscht wird das Stadtbild von der Kirche St. Marien, in der auch Luther gepredigt hat, insbesondere vom augenfälligen Turm. Die Hallenkirche selbst ist spätgotisch und wurde von 1290 bis 1340 erbaut; der Turm wurde hingegen erst 1859 fertiggestellt.

Auf dem Marktplatz von Kemberg steht eine alte Postsäule. Sie gibt Entfernungen auf Schusters Rappen an: Nach Torgau dauert der Weg demzufolge neun Stunden, nach Halle 13 Stunden und nach Wittenberg – so rechnete man früher – 5/8 Stunden, also etwa 40 Minuten. Diesen kurzen Weg sind auch die Reformatoren gegangen, wieder und wieder.

Kemberg aus einer anderen Perspektive

Gründungsort des ersten evangelischen Pfarrhauses

Die Angaben zu Kemberg beschränken sich oft darauf, dass Luther hier mindestens 14 Mal gewesen sein soll und dass 1519 Studenten ihren Meister nach der "Leipziger Disputation" mit Johannes Eck südlich des Ortes abgeholt haben. An dieser Stelle wurde später ein "Luther-Stein" aufgestellt. Dann folgt oft die hübsche, wenn auch nicht belegte Geschichte, dass Luther im Garten des Kemberger Pfarrhauses, romantisch unter einer Linde sitzend, seine 95 Thesen mit Hilfe des Propstes Ziegelheim bearbeitet – vielleicht sogar ausgearbeitet habe.

Und es wird berichtet, dass Luthers Leichnam 1546 auf dem Weg von Eisleben nach Wittenberg eine Nacht in Kembergs Kirche St. Marien aufgebahrt wurde, wo heute eine Gedenktafel und eine Büste an den Reformator erinnern. Aber all das wird der Bedeutung Kembergs nicht annähernd gerecht.

Denn Kemberg war in mehrfacher Hinsicht der frühe und entschiedene Vollzug der Reformation. Heute würden wir vielleicht von einem "Pilotprojekt" oder einer "Vorreiterrolle" sprechen. In Kemberg war der erste Reformpfarrer außerhalb Wittenbergs tätig: Der Österreicher Bartholomäus Bernhardi (1487-1551) aus Schlims bei Feldkirch. Und er war es auch, der in dem kleinen Ort bei Wittenberg das erste evangelische Pfarrhaus begründete und als Pfarrer heiratete und sein Gelübde als Ordensbruder brach.

Außerdem festigte die sogenannte "Zweite Generation der Reformation" die Rolle Kembergs als Ort der Reformation: Matthäus Blöchinger und Johannes Bugenhagen der Jüngere – beide gingen als Pröpste und Superintendenten von Kemberg in die Geschichte ein.

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Über dieses Thema berichtete auch: MDR Sachsen-Anhalt | Radio | 13.12.2016 | 15:24 Uhr
MDR Sachsen-Anhalt Heute | Fernsehen | 24.08.2016 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2016, 17:15 Uhr