Reformationsorte in Mitteldeutschland: Leipzig Die Stadt, die der Reformation zum Durchbruch verhalf

Die erste Besiedlung Leipzigs führt 12.000 Jahre zurück in die Jungsteinzeit. Im Mittelalter wurde 1409 die Leipziger Universität gegründet, die "Alma Mater Lipsiensis" – eine der ältesten deutschen Universitäten. In Leipzig erschien 1650 die erste Tageszeitung der Welt, sechsmal in der Woche. Hier wurde 1693 eines der ersten Opernhäuser Europas eröffnet. 1813 wurde bei Leipzig in der Völkerschlacht Napoleons Untergang besiegelt. Der Name "Schrebergarten" geht auf den Leipziger Arzt Moritz Schreber zurück – auch wenn er nicht der Erfinder der Kleingartenbewegung war. 1989 trugen die Friedensgebete und Montagsdemonstrationen entscheidend zum Sturz des DDR-Regimes bei.

Und: Leipzig war eine für die Reformation höchst wichtige Stadt. Aber Martin Luther und die Stadt wurden nicht miteinander warm. Und das gar nicht einmal vorrangig wegen des Disputs mit seinem Gegner Johannes Eck im Jahr 1519. Schließlich hatte die Verlags- und Druckerstadt, seinerzeit eine der dynamischsten Städte der Welt, maßgeblich zur Verbreitung der Schriften Luthers beigetragen. Zwar predigte Luther 1539 in der Thomaskirche, aber die Stadtoberen blieben skeptisch. Luther antwortete mit gehässiger Polemik.

Schauen Sie sich um ...

Nikolaikirchhof Leipzig

 Luther in Leipzig 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Buchstadt war Leipzig wichtig für die Reformation. Luther war von der Messestadt dennoch nicht begeistert. Hier musste er sich einem Streitgespräch stellen - mit Konsequenzen.

Fr 23.09.2016 11:37Uhr 02:45 min

https://www.mdr.de/reformation500/video-49300_zc-0d15b43b_zs-2f2ad60b.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Eine Wechselbeziehung

Im 15. und 16. Jahrhundert war Leipzig geistig wie wirtschaftlich von zentraler Bedeutung. Dies galt für die Zeit vor der "Leipziger Teilung" 1485, die Jahrzehnte im Herzogtum Sachsen neben Kursachsen und ebenso für die Zeit nach der Erlangung der Kurwürde und weiterer Gebiete 1547 in Folge des Schmalkaldischen Krieges.

Hinsichtlich der Reformation war es eine Wechselwirkung: Leipzigs hoher Stand bei der Druckkunst war für die Verbreitung reformatorischer Schriften und evangelischer Gesangsbücher von Bedeutung, die reformatorische Bewegung schuf ihrerseits neuen Bedarf und verstärkte dadurch den Aufschwung der Stadt.

Ein paar Zahlen veranschaulichen das: 1517 war Martin Luther noch kein Star, sondern ein weitgehend unbekannter Mönch, der an der neuen Universität in Wittenberg eine Professur für Bibelexegese übernommen hatte. Bis 1519 wurden 45 lutherische Einzelpublikationen in insgesamt 259 Auflagen gedruckt, 110 davon in Leipzig. Da damals nicht einmal in Wittenberg so viele Luther-Schriften erschienen, nimmt Leipzig für sich in Anspruch, für den Durchbruch der Reformation entscheidend gewesen zu sein.

Allein der Leipziger Drucker Melchior Lotter gab im Laufe der Jahre mehr als 160 Schriften Luthers heraus. Neben Lotter zählten Wolfgang Stöckel oder Jacob Thanner zu den Erfolgsbetrieben im deutschsprachigen Raum. Sie gehörten auch zu den ersten, welche die 95 Thesen Luthers gegen den Ablass als Plakat druckten.

Kein Gastgeschenk für Luther

Inzwischen wurde Luther berühmt. Auf dem Wormser Reichstag 1521 wurde er mit der sogenannten "Reichsacht" belegt, doch Kurfürst Friedrich der Weise versteckte ihn als Junker Jörg auf der Wartburg. Dort übersetzte Luther das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Und die Reformation erfasste immer mehr Gebiete in Mittel- und Norddeutschland.

Auch in Leipzig schienen sich die Dinge im Sinne Luthers zu entwickeln. Kaum war Herzog Georg der Bärtige (1471-1539) – ein scharfer Gegner der reformatorischen Bewegung – gestorben, führte sein zum Protestantismus übergetretener Bruder Heinrich der Fromme (1473-1541) zu Pfingsten 1539 die Reformation ein. Zum offiziellen Festakt zur Einführung der Reformation reiste Luther nach Leipzig. Er predigte in der Kapelle in der Pleißenburg und hielt eine Festrede in der Thomaskirche – umrahmt vom Thomanerchor. Das war es aber auch.

Während die breite Bevölkerung sich für Luther interessierte und von seinen Schriften erfahren wollte, blieben die Stadtoberen und Kaufleute auf Distanz. Sie waren es über Jahrzehnte gewohnt, sich im politischen und taktischen Kalkül nicht festzulegen. Niemand von ihnen überreichte Luther, wie es der guten Sitte entsprochen hätte, ein Gastgeschenk.

Noch Jahre später ätzte Luther gegen die Oberen

Das war Luther übel aufgestoßen. Noch Jahre später erregte er sich in einer seiner Tischreden mit Blick auf die Disputation und seinen Besuch 1539: Eck sei die Herberge gezahlt worden, ihm und seinen Wittenbergern nicht. "Die Leipziger haben uns weder begrüßt noch besucht und wie ihre verhaßten Feinde behandelt. […] Was immer sie erdenken konnten, taten sie, um uns zu beleidigen", schimpfte der Reformator. Schärfer noch ätzte er:

Leipzig ist wie Sodoma und Gomorrah mit hurerey und wucher überschuttet, darumb kans ihnen nicht wohl gehen. Es geschieht ihnen recht, sie woltens nicht anders haben. Ich bin da gewest, will nicht mer hinkomen.

Martin Luther

Ganz gehalten hat er sich an die Aussage nicht. Letztmalig weilte er in Leipzig im August 1545, um die Universitätskirche als evangelische Kirche zu weihen.

Leipzig hat einen Reformationsbotschafter

Leipzig hat übrigens einen eigenen Reformationsbotschafter – in Texas. Es ist Reverend Dr. Robert Moore von der "Evangelical Lutheran Church in America" (ELCA) in Leipzigs Partnerstadt Houston. Er bekleidet das Amt bis 2019, wenn sich die "Leipziger Disputation" zum 500. Mal jährt. In den USA soll er für Leipzig als wichtigen Reformationsort werben. Darin wird er von der Stadt Leipzig, der Stiftung Bach-Archiv Leipzig, der Stiftung Chorherren zu St. Thomae, der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH, der Kirchgemeinde der Thomaskirche sowie weiteren Partnern unterstützt. Moore kennt und liebt Leipzig seit 1994, als er erstmals das Bachfest besuchte. Er war so begeistert, dass er seither amerikanische Gruppen zusammenstellt und nach Leipzig begleitet. "Ich habe eine Passion für Leipzig."

Wer mehr wissen will ...

Über dieses Thema berichtete auch: MDR Sachsenspiegel | Fernsehen | 23.09.2016 | 11:37 Uhr

Weiterführende Links