Reformationsorte in Mitteldeutschland: Naumburg Heikles Experiment mit dem Bischof

Das malerische Naumburg mit seiner über tausendjährigen Geschichte inmitten der Weinregion Saale-Unstrut: Hier steht der Dom mit seinen weltberühmten Stifterfiguren, darunter Uta von Naumburg. Hier findet sich auch eines der schönsten Marktensembles Mitteldeutschlands. Naumburgs Stadtkirche St. Wenzel beherbergt eine barocke Hildebrandt-Orgel, die Johann Sebastian Bach 1746 persönlich abgenommen hat. Und hier weihte Martin Luther in einem auch politisch zu sehenden Akt den ersten evangelischen Bischof.

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Dom - Blick vom Lettner

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Verheerender Brand im Jahr 1517

Martin Luther besuchte Naumburg ein erstes Mal im Jahre 1521 und predigte dort auch. Er befand sich auf dem Weg nach Worms, wo er vor Kaiser und Reichstag seine Thesen widerrufen sollte, was er bekanntlich nicht tat ("Hier stehe ich ...").

Der Augustiner aus Wittenberg fand damals eine Stadt vor, die sich noch nicht von einem verheerenden Brand vier Jahre zuvor erholt hatte. Um die Bürgerkirche St. Wenzel hatte sich seit dem 12. und 13. Jahrhundert unabhängig von der Domfreiheit eine eigenständige Bürgerstadt herausgebildet. Naumburg war ein regional bedeutsamer Handelsplatz.

Nach der Brandkatastrophe von 1517, dem Jahr des Thesenanschlags Luthers, wurden die meisten Fachwerkhäuser durch Steinbauten ersetzt. Diese im 16. bis Anfang des 17. Jahrhunderts entstandenen Renaissance-Bauten prägen bis heute die nach der Wende restaurierte Altstadt.

Reformation hatte viele Gesichter – und Gegner

20 Jahre nach seinem ersten Besuch kam Martin Luther wieder in die Stadt, diesmal in höchst bedeutsamer Mission. Luther weihte den ersten evangelischen Bischof. Zu seiner Begleitung gehörte Wittenberger Prominenz: Philipp Melanchthon, Georg Spalatin, Nikolaus von Amsdorf und Johannes Bugenhagen.

Die politische Vorgeschichte der Bischofsweihe war brisant. Die reformatorische Bewegung, die 1517 in Wittenberg mit Luthers Thesenveröffentlichung begonnen hatte, erfasste schnell auch das Bistum Naumburg. Es umfasste weite Bereiche Ostthüringens und Westsachsens mit Teilen des Vogtlands und des Erzgebirges.

Die reformatorische Bewegung selbst war – wie andernorts auch – nicht einheitlich und traf auch auf altkirchlichen Widerstand. Städte wie Zwickau, Altenburg und Schneeberg bekannten sich bereits in den frühen 1520er-Jahren mehrheitlich zum Luthertum. Ähnlich war es in den ländlichen Gebieten Kursachsens. Gleichzeitig gab es sehr aktive radikale Zirkel, vor allem in Zwickau. Im Hochstiftsgebiet Naumburgs und Zeitz‘ hingegen – im unmittelbaren Herrschaftsgebiet des Bischofs – hatten die alt-katholischen Kräfte das Sagen.

Kurfürst fühlt sich ausgegrenzt

In Naumburg stand das Domkapitel einer mehrheitlich lutherisch gesinnten Bürgerschaft gegenüber. Allerdings gab es einen entscheidenden Schwachpunkt. Und das war der Naumburger Bischof selbst. Seit 1517 stand der aus der Kurpfalz stammende Philipp von Wittelsbach, Bischof von Freising, als Administrator an der Spitze des Bistums Naumburg. Der Administrator ließ sich aber nur selten in seiner Diözese sehen. Frust staute sich an. Nach seinem Tod am 5. Januar 1541 sollten die Karten neu gemischt werden.

Das Domkapitel bestellte in kanonischer Wahl den Naumburger Domherren und Zeitzer Stiftspropst Julius von Pflug (1499-1564) in Abwesenheit zum Nachfolger. Das wiederum ärgerte den Schirmherrn des Naumburger Stifts, Kurfürst Johann Friedrich I. von Sachsen (1503-1554). Der wünschte einen reformatorischen Nachfolger und wurde wegen seiner lutherfreundlichen Einstellung von den Nachfolgeverhandlungen ausgeschlossen. So wurde die Angelegenheit zur Machtprobe.

Nikolaus von Amsdorf wird durchgeboxt

Am 18. Januar 1542 quartierte sich Luther zusammen mit Philipp Melanchthon, Georg Spalatin und Nikolaus von Amsdorf im Haus am Markt 3 ein. Es gehörte der Witwe des Stadtschreibers Ambrosius Dörffer. Das Haus steht heute noch und eine Gedenktafel erinnert an den hohen Besuch.

Am Abend des 18. Januar fand eine ungewöhnliche Ratssitzung statt. Anwesend war der Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen. Vor allem er drängte darauf, den Luther-Vertrauten Nikolaus von Amsdorf (1483-1565) als neuen Bischof einzusetzen. Von Amsdorf selbst war nicht wohl dabei, doch war seine Loyalität zu Luther größer als sein Bedenken.

Leucorea, die historische Universität von Wittenberg
Leucorea, die historische Universität von Wittenberg Bildrechte: IMAGO

Nikolaus von Amsdorf entstammte einer Adelsfamilie, studierte ab 1500 in Leipzig Theologie und wechselte 1503 als einer der ersten Studenten an die neugegründete "Leucorea" in Wittenberg. 1516 und 1517 schloss er sich endgültig der Reformationsbewegung um Luther an.

Die Zeit drängte. Schon zwei Tage später sollte die "Ordinierung" von Amsdorf im Dom St. Peter und St. Paul durchgezogen werden. Der Vorgang war beispiellos. Es gab zu diesem Zeitpunkt auch bei den Reformatoren noch gar keine klare oder gar niedergelegte Vorstellung davon, wie denn ein evangelischer Bischof zu weihen sei. Erst im Anschluss an Naumburg und das dortige Erlebnis verfasste Luther die Schrift ",Exempel, einen rechten christlichen Bischof zu weihen".

Luther mahnt zur Standhaftigkeit

Am Morgen des 20. Januar 1542 zogen der Kurfürst, Luther, von Amsdorf und ihre Anhänger in den Dom ein. Feierliche Gesänge begleiteten sie. Der Auflauf war enorm: Angeblich drängten sich mehr als tausend Menschen in dem Gotteshaus, um Zeuge des Schauspiels zu sein. Das Domkapitel, das einen anderen Bischof rechtmäßig gewählt hatte, musste zusehen.

Die Naumburger Stadtkirche St. Wenzel von innen mit Blick auf die Orgelempore
Blick in die Naumburger Stadtkirche St. Wenzel Bildrechte: MDR/Christiane Fritsch

Der Naumburger Stadtprediger Nikolaus Medler, erklärter Anhänger der Reformation, las einen Bibeltext vor. Es war der erste Brief an Timotheus, Kapitel 3, der die Aufgaben und Pflichten eines Bischofs beschreibt.

Medler war eine Schlüsselfigur der reformatorischen Bewegung in Naumburg. 1536 hatte er die Stelle des Superintendenten in der Stadtkirche St. Wenzel angetreten und damit die Aufsicht über 32 Kirchen erhalten. Im folgenden Jahr verfasste er nach Wittenberger Muster eine Kirchen- und Schulordnung, die von Luther ausdrücklich anerkannt wurde. Damit legte er die Grundlage für die reformatorische Entwicklung in Naumburg.

Nachdem Medler den Anwesenden im Dom Nikolaus von Amsdorf vorgestellt hatte, erhob sich Luther, gesundheitlich schon angeschlagen, um die Weihe vor dem Kreuzaltar des Ostlettners persönlich zu vollziehen.

Heikles und zweifelhaftes Unterfangen

Amsdorf kniete vor dem Altar und vor Luther nieder. Um die beiden herum standen der reformorientierte Abt des Naumburger Georgenklosters, Thomas Hebenstreit, sowie Georg Spalatin, Nikolaus Medler und Superintendent Wolfgang Stein aus dem Herzogtum Sachsen. Danach wurde Amsdorf unter den Gesängen von Chor und Anwesenden zum Bischofsstuhl geleitet.

Es folgte ,"eine sehr gewaltige und tröstliche Predigt" Luthers über die Verantwortung eines Bischofs nach der Apostelgeschichte, so der Chronist. Luther war klar, dass es sich bei der Ordination um ein heikles und zweifelhaftes Unterfangen handelte. Er ermahnte die Anwesenden, in den zu erwartenden Auseinandersetzungen standhaft zu bleiben: ,"Denn hiemit schlüg man dem Teufel aufs Maul, der würde gewisslich ergrimmen und zornig werden."

Antrittspredigt in Zeitz

Gegen 11 Uhr war die Zeremonie zu Ende. Umgehend ging die Reise weiter nach Zeitz. In Zeitz war der ursprüngliche Sitz des im Jahr 968 gegründeten Bistums. Wegen der unsicheren Grenzlage wurde der Amtssitz des Bischofs 1029 nach Naumburg verlegt. Gleichwohl blieb Zeitz "Bischofsstadt". Beide Dome wurden den Heiligen Petrus und Paulus geweiht und tragen deren Namen. In der Zeitzer Stiftskirche, dem heutigen Dom St. Peter und Paul, hielt Amsdorf am selben Tag seine Antrittspredigt. Vorn saßen Luther, Melanchthon, Spalatin und andere. Luther selbst predigte am Nachmittag in der Franziskaner-Klosterkirche.

Zum Naumburger Amts- und Wohnsitz Nikolaus von Amsdorfs wurde der Westflügel im sogenannten "Naumburger Schlösschen" am Marktplatz bestimmt. Es lag mitten in der lutherischen Ratsstadt und nicht im Bereich des katholischen Domkapitels, das die Einsetzung von Amsdorfs ablehnte. Wenn von Amsdorf in Zeitz war, residierte er im dortigen Bischofsschloss.

Flucht nach Eisenach

Amsdorf wurde mit dem "Naumburger Bischofsexperiment", wie viele den Vorgang nannten, nicht glücklich. Der Schmalkaldische Krieg warf seine ersten Schatten voraus. Nach der Niederlage der Protestanten 1546/47 musste Amsdorf aus dem Stiftsgebiet fliehen. Erst jetzt konnte der 1541 gewählte Julius von Pflug sein Bischofsamt antreten.

Luther erlebte das alles nicht mehr. Er war Anfang 1546 in Eisleben gestorben. Amsdorf starb am 14. Mai 1565 in Eisenach. In ihrer weiteren Entwicklung war die Reformation nicht mehr aufzuhalten und setzte sich im Jahr 1568 auch in ganz Naumburg endgültig durch.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR Sachsen-Anhalt Heute | Fernsehen | 07.09.2016 | 19:49 Uhr
MDR Sachsen-Anhalt | Radio | 13.12.2016 | 15:24 Uhr

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