Reformationsorte in Mitteldeutschland: Neustadt an der Orla und Orlamünde Orte des Widerstands und der Radikalisierung

In alter Kulturlandschaft zwischen Saalfeld und Gera liegt Neustadt an der Orla. Der als Ganzes denkmalgeschützte Ortskern geht aufs 12. Jahrhundert zurück. Um 1500 hatten nur fünf Prozent aller Städte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 2.000 bis 3.000 Einwohner. Mit 2.800 Bürgern um 1520 war Neustadt groß; heute ist es trotz seiner 8.200 Einwohner eher klein. In der Reformationszeit machte dort der Radikalreformer Andreas Bodenstein alias Karlstadt Furore, als er 1523 die nahe Pfarrei Orlamünde übernahm.

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Stadtkirche St. Johannis in Neustadt

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Luther macht sich auf nach Orlamünde, um die Auswirkungen des Bildersturms einzudämmen. Dabei kommt er auch nach Neustadt. Dort wird die Geschichte bei Spaziergängen lebendig.

MDR THÜRINGEN Di 09.08.2016 19:00Uhr 02:46 min

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Abschaffung der Heiligenverehrung

Die Ideen, die Andreas Bodenstein (1486-1541) im Mittleren Saaletal für eine Reformation umtrieben und die er durchführte, gingen weit über die Vorstellungen Luthers hinaus. Er wollte nicht nur, dass sich jede Gemeinde ihren Pfarrer selbst wählte, dass in der Kirche das Evangelium unverfälscht auf Deutsch gelehrt und die Heiligenverehrung abgeschafft wurde.

Nein, die Heiligenbilder sollten ganz aus der Kirche verschwinden, was ihm den Namen "Bilderstürmer" einbrachte. Darüber hinaus sollte jeder Christ erst dann getauft werden, wenn er reif genug sei, die Tiefe dieser Entscheidung zu überblicken. Damit geriet er in die Nähe der "Wiedertäufer".

Karlstadt, wie Bodenstein nach seinem fränkischen Herkunftsort gern genannt wurde, war Luthers Doktorvater. Doch ihm ging der Fortschritt der Kirchenreform nicht weit genug, nicht energisch genug und vor allem auch zu langsam voran. Beim Bilderverbot berief er sich auf das Alte Testament, genauer auf eine Stelle im 2. Buch Mose: "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen …" (20,4) Dies war ihm Gottes Gesetz und damit Auftrag. Alles andere hielt er für einen Bruch und eine Verkürzung der Lehre Christi.

"Fahr hin in Teufels Namen!"

In Orla und Orlamünde schien Bodenstein als Pfarrer freie Hand zu haben. Außerdem pflegte er Kontakt zu den Täufern und insbesondere zum sozialrevolutionär orientierten Pfarrer Thomas Müntzer. Diese anderen Gruppen hatten die Nähe zu ihm gesucht. Die Obrigkeit wie auch Luther waren zunehmend alarmiert über die unberechenbar erscheinende Eigenentwicklung.

Luther holte sich vom Kurfürsten eine Erlaubnis zur Visitation, die er im Sommer 1524 ausführte. Zuerst reiste er nach Jena, wo er in Anwesenheit Bodensteins dessen Anschauung in einer langen Predigt geißelte. Dann folgte er am 16. August einer Einladung zu einer Versammlung mit dem Rat und den Bürgern von Orlamünde. Es ging ihm darum, die Gemeinde wegen der vorangegangenen Bilderstürmerei zur Rechenschaft zu ziehen. Luther stieß hier aber auf Widerstand: Die Einwohner verteidigten ihren Pfarrer Karlstadt.

Der eigentlich wortgewaltige Reformator Luther war in Not geraten – sogar körperlich, wie er sich später erinnerte, denn die Orlamünder sollen ihm beim eiligen Aufbruch als "Segen" zugerufen haben:

"Fahr hin in tausend Teufels Namen, dass du den Hals brächest, ehe Du zur Stadt hinaus kömmst."

Nichtsdestotrotz: Auch wenn Andreas Bodenstein alias Karlstadt nur eine kurze Wirkungszeit in Orla und Orlamünde hatte, so hat er hier an der Weltgeschichte mitgeschrieben. In der Stadtkirche St. Marien in Orlamünde erinnert ein Gedenkstein an ihn und seine Zeit. "Karlstadt in Orlamünde" ist eine Dauerausstellung des Burgvereins in der dortigen Kemenate überschrieben.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR Thüringen Journal | Fernsehen | 09.08.2016 | 19:00 Uhr

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