Reformationsorte in Mitteldeutschland: Seeburg Wo Luther kein Erbarmen kannte

Die Gegend um Seeburg am Süßen See zwischen Halle und Eisleben wirkt im Sommer fast mediterran. Herrlich ist der Blick von Schloss Seeburg. Erbaut wurde es auf einer in den See ragenden Halbinsel. Freizeit und Entspannung scheint das Motto zu sein, doch hier wurde auch Reformationsgeschichte geschrieben. Martin Luther predigte mehrmals in der Schlosskirche. Und das Thema seiner im Druck erschienenen Rede im Bauernkrieg von 1525 hatte es in sich: "Wider die räuberischen Rotten der Bauern."

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Schlosskirche

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"Ebenso ist der Landwein hier gut"

Wenn Luther von Eisleben nach Wittenberg zog, führte ihn der Weg durch eine der reizvollsten Gegenden seiner Heimat. Fast fünf Kilometer zieht sich der Süße See hin. Noch heute sind nördlich des Sees frühmittelalterliche Wüstungen erahnbar. Dort liegt auch eine Richtstätte, wo in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts sogenannte Fememorde begangen wurden – so nannte man politisch motivierte Morde.

Im Ausnahmeklima im Schatten des Harzes gedeihen nicht nur Äpfel, Aprikosen und Kirschen vorzüglich. Auch guter Wein wird hier produziert, vor allem im nahen Kessel bei Höhnstedt. Schon Luther vermerkte lobend: "Ebenso ist der Landwein hier gut."

Südlich der heutigen B80 lag zu Luthers Zeiten der Salzige See, drei Mal so groß wie der Süße See. Wegen der Auslaugung des Steinsalzes schmeckte das Wasser tatsächlich salzig. Aber das war einmal. Der Salzige See verschwand zum größten Teil 1893 binnen Wochen, als Wasser in unterirdische Gänge sickerte. Um den Bergbau zu schützen, wurde der Rest umgehend trockengelegt.

Zwar ist der Wasserspiegel seit der Einstellung des Bergbaus in den 1970er-Jahren wieder gestiegen, doch die Luther-Landschaft ist es nicht mehr. Wer hierher den Abstecher vom benachbarten Lutherweg macht, weiß nun jedenfalls, warum Röblingen am See oder Wansleben am See nur dem Namen nach "am See" liegen.

Ein Schlüsseldokument belastet das Bild Luthers

Im April und Mai 1525 durchreiste Luther zusammen mit Philipp Melanchthon die Gegend und machte Station in Seeburg. Seine Reise hatte er eigentlich wegen seiner und Melanchthons Ideen für eine Schulreform machen wollen. Doch die Lage hatte sich dramatisch verändert. Denn es herrschte Krieg.

Die Bauern hatten sich erhoben. Luther war wesentlich näher am Geschehen als sonst in Wittenberg. Allstedt, der Predigtort des Bauernführers Thomas Müntzer, war nicht sehr weit und auch nicht Frankenhausen, wo die Bauern niedergemetzelt wurden. Luther legte mehrere Städte in den thüringischen Unruhegebieten auf seine Reiseliste: Nordhausen, Stolberg, Erfurt, Weimar, Kahla, Jena.

Am zweiten Osterfeiertag 1525 predigte Luther in Seeburg in der Ortskirche. Die Predigt hatte historischen Rang und wurde zu einem Schlüsseldokument in der Auseinandersetzung um die Haltung Luthers zu den Bauernaufständen. Bis heute belastet sie das Luther-Bild und wird kontrovers gesehen. Der Titel sagt alles: "Wider die räuberischen Rotten der Bauern."

Vor Luthers Tod: Ein Brief an Katharina über Rissdorf

Der Weg mit der Kutsche von Seeburg nach Eisleben führte Luther durch Unterrissdorf. In dem Dorf kündigte sich im Februar 1546 sein baldiger Tod an. Luther war auf dem Weg nach Eisleben, um in einem Streit zwischen den Grafen von Mansfeld zu vermitteln. In einem Brief an seine Frau Katharina von Bora in Wittenberg schrieb er Worte, die heute noch auf mehrfache Weise bewegen:

"Ich bin ja schwach gewesen auf dem Weg hart vor Eisleben, das war meine Schuld. Aber wenn du wärest da gewest, so hättestu gesagt, es wäre der Juden oder ihres Gottes Schuld gewest. Denn wir mussten durch ein Dorf hart vor Eisleben, da viel Juden innen wohnen, vielleicht haben sie mich so hart angeblasen. So sind hie in der Stadt Eisleben itzt diese Stund uber funfzig Juden wohnhaftig. Und wahr ists, do ich bei dem Dorf fuhr, gieng mir ein solcher kalter Wind hinden zum Magen ein auf meinen Kopf durchs Parret (Barrett), als wollt mirs das Hirn zu Eis machen. Solchs mag mir zum Schwindel etwas geholfen haben. Aber itzt bin ich, Gottlob, wohl geschickt, ausgenommen, dass die schonen Frauen mich so hart anfechten, dass ich weder Sorge noch Furcht habe fur aller Unkeuschheit."

Noch heute wird dieser Punkt am Lutherweg als "Kalte Stelle" bezeichnet.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR Sachsen-Anhalt Heute | Fernsehen | 31.08.2016 | 19:42 Uhr
MDR Sachsen-Anhalt | Radio | 13.12.2016 | 15:20 Uhr

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