Reformationsorte in Mitteldeutschland: Torgau Vom Schloss aus wurde die Reformation gesteuert

von Franz Kadell

Torgau ist heute eine beschauliche Stadt mit etwa 20.000 Einwohnern. Zu Zeiten der Reformation jedoch war sie ein politisches Machtzentrum ersten Ranges: Hier wurde große Politik mit Folgen für das gesamte Reich, für Kaiser und für den Papst gemacht. Schloss Hartenfels, Hauptresidenz der ernestinischen Linie der Wettiner, zeigt sich immer noch als prachtvolles Renaissanceschloss, das es damals war. Hier residierten unter anderem die sächsischen Kurfürsten Friedrich der Weise, Johann der Beständige und Johann Friedrich der Großmütige.

Wittenberg und Eisenach mit der Wartburg sind im öffentlichen Bewusstsein eng mit der Reformation verbunden, Torgau weit weniger. Davon zeugt auf ihre Weise auch die beliebte Formulierung, Wittenberg sei die "Mutter der Reformation" und Torgau die "Amme der Reformation".

In Torgau fand Luther in Kurfürst Friedrich III. seinen entscheidenden Förderer und Beschützer. Und als 1532 dessen Bruder Johann Friedrich die Herrschaft allein führte, wurde das Verhältnis sogar noch enger. Mehr als 40 Mal reiste Luther als Ratgeber des Fürsten von Wittenberg nach Torgau. Die Reformation wäre ohne die Hilfe aus Torgau nicht denkbar gewesen.

Schauen Sie sich um ...

Schloss Hartenfels, Schlosshof

Torgau Schloss
Bildrechte: MDR/Martin Jehnichen
Eine weißhaarige Frau 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Torgau entstand eine auf Luther zugeschnittene Kapelle. Doch die Akustik machte ihm zu schaffen. Roland Kühnke begegnet hier aber auch einer echten Nachfahrin Luthers.

Fr 23.09.2016 11:34Uhr 03:41 min

https://www.mdr.de/reformation500/video-torgau-refjahr-100_zc-0d15b43b_zs-2f2ad60b.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Bereits 1517 heimlich gedruckt: Die Wittenberger Thesen

Wie eng die Wittenberger Erneuerungsbewegung und das politische Emanzipationsinteresse mit Blick auf die noch bestehenden kirchlichen und reichspolitischen Verhältnisse miteinander verbunden waren und wie Reichsstände im Protestantismus ein Vehikel zu größerer Eigenständigkeit und in Torgau einen Ort des "Prozess-Anstoßens" sahen, zeigt ein Vorgang, der zu Unrecht wenig bekannt ist: Bereits 1517 wurden auf Schloss Hartenfels die Wittenberger Thesen gedruckt – heimlich.

Ähnlich ist es mit der Bündnispolitik: Der "Schmalkaldische Bund" von 1531 ist in aller Munde. Doch schon 1526 wurde in Torgau ein erstes Bündnis der protestantischen Reichsstände geschlossen. Hier fanden mit dem "Torgauer Artikel" auch die ersten Vorbereitungen für die "Confessio Augustana" 1530 statt. Torgau war das entscheidende politische Scharnier auf dem Weg zur Konfessionsbildung parallel zur Territorialemanzipation der Landesfürsten – zur Herausbildung der Vorstellung von der Einheit von Thron und Altar im preußischen Staats-Luthertum.

Letzte Ruhestätte von Katharina von Bora

Katharina von Bora, Ehefrau von Martin Luther, Epitaph in der evangelischen Stadtkirche Sankt Marien, Torgau, Sachsen.
In der Torgauer Marienkirche erinnert ein Grabstein an Katharina von Bora Bildrechte: IMAGO

Torgau ist auch der Sterbeort von Katharina von Bora, Luthers Ehefrau. Nach ihrer Flucht aus dem Kloster Nimbschen bei Grimma war Torgau ihre erste Station auf dem Weg ins neue Leben, bevor sie weiter nach Wittenberg zog und dort 1525 Martin Luther heiratete. Zwei ihrer Söhne gingen nach Torgau: Der eine, um die Schule zu besuchen, der andere, um dort zu heiraten.

1546 starb Martin Luther, Katharina führte die Geschäfte jedoch weiter. Als 1552 wieder einmal die Pest grassierte, flüchtete sie aus Wittenberg Richtung Torgau. Die Kutsche verunglückte, Katharina verletzte sich schwer. Am 20. Dezember starb sie in Torgau. Viele Einwohner der Stadt und zahlreiche Vertreter der Wittenberger Universität geleiteten sie in einem großen Trauerzug zu ihrer letzten Ruhestätte in der Stadtkirche St. Marien. Ihre Kinder ließen ihr dort einen Grabstein setzen, den man noch heute besichtigen kann. Im Haus Katharinenstraße 11 befindet sich heute die einzige Gedenkstätte für die Frau des großen Reformators, die Katharina-Luther-Stube.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR 1 Radio Sachsen | 15.09.2016 | 12:01 Uhr
MDR Sachsenspiegel | Fernsehen | 23.09.2016 | 11:34 Uhr

Wer mehr wissen will ...

Weiterführende Links