Reformationsorte in Mitteldeutschland: Weimar Die Ernestiner und das Erbe der Reformation

von Franz Kadell

Es gibt wenige Orte in Deutschland, die so symbolträchtig sind und so viel Erinnerung enthalten wie Weimar: Klassik, Nationaltheater, Goethe- und Schillerdenkmal, Bauhaus, Gedenkstätte Buchenwald, Schloss Ettersburg. Doch das ist "junge" Geschichte. Ihre Bedeutung in der Reformationszeit verdankt die Stadt zunächst dem sächsischen Kurfürsten Friedrich III. dem Weisen, dem Förderer und Beschützer Martin Luthers.

Die thüringische Stadt mit heute 60.000 Einwohnern in der "grünen Mitte" Deutschlands liegt auf dem Gebiet einer uralten Siedlung an der Ilm. Kurfürst Friedrich machte Weimar 1512, einige Jahre später als Wittenberg, zur Residenzstadt. Die "beiden" Sachsen, das der Ernestiner und das der Albertiner, waren aus der "Leipziger Teilung" von 1485 hervorgegangen und formten jeweils eigene Profile. So war in der Folge Weimar mehrfach Residenz von Fürsten und Herzögen, bis 1918 die Hauptstadt des Großherzogtums Sachsen-Eisenach.

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Herderkirche mit Cranach-Altar

Luther und Cranach auf einem Gemälde des berühmten Cranach-Altares in der Weimarer Stadtkiche.
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In Weimar fand Martin Luther Verbündete, die dafür sorgten, dass seine Lehren im ganzen Land bekannt wurden: die Ernestiner. In der Stadt kann man mehr darüber mehr erfahren.

MDR THÜRINGEN So 10.07.2016 19:48Uhr 04:07 min

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Luther lernte Weimar wahrscheinlich schon sehr früh kennen, zu einer Zeit, als Weimar noch gar nicht Residenzstadt der sächsischen Kurfürsten war. Die Historiker vermuten, dass Luther als junger Mönch in Weimar war, zumal sein Augustiner-Orden hier ein "Terminierhaus" unterhielt. So nannte man die Absteigen für durchreisende Bettelmönche.

Verbürgt ist ein Aufenthalt für das Jahr 1518. Als Quartier diente ihm das Franziskanerkloster am Palais; daran erinnert heute eine Gedenktafel. Heute wird das Gebäude von der Hochschule für Musik Franz Liszt genutzt.

Von der Zeit an zog es den Professor für Theologie jedenfalls immer wieder in die Stadt, meist auf der Durchreise. Während seiner Besuche predigte Luther wiederholt in der Stadtkirche St. Peter und Paul.

Lehre von den "zwei Reichen"

Einer der reformationsgeschichtlich wichtigsten Besuche Luthers fand im Herbst 1522 statt. Am 24. und 25. Oktober predigte er zwei Mal in der Schlosskirche. Der Inhalt dieser Predigten findet sich in der im Folgejahr erschienenen Schrift "Von weltlicher Obrigkeit" - ein Schlüsseldokument des Luthertums - wieder. Diese Schrift war die Grundlage der "Lehre von den zwei Reichen", die bis heute das protestantische Verständnis hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Glaube und Politik, geistlicher und weltlicher Macht prägt.

In seiner Obrigkeitslehre appellierte Luther an die weltlichen Herrscher, dem Evangelium zu folgen und zur Besserung der Christenheit Verantwortung zu übernehmen. Spätere Deuter halten Luther zugute, damit bereits erste Grundlagen für ein Bildungs- und Sozialsystem gelegt zu haben, für das der Staat und die Gesellschaft verantwortlich sind. Jedenfalls trug Luthers Auftreten in Weimar dazu bei, dass sich dort die Reformation schon 1525 unter Johann dem Beständigen, dem Bruder Friedrich III. durchsetzen konnte.

Zuflucht der Ernestiner

Als es zum Schmalkaldischen Krieg kam und Kaiser Karl V. das Bündnis der Protestanten 1547 bei Mühlberg an der Elbe vernichtend schlug, hatte dies weitreichende Konsequenzen für die Ernestiner. Sie mussten die Kurwürde an die albertinische Linie abgeben und einen erheblichen Teil ihrer Gebiete abtreten, nicht zuletzt die Reformationshochburg Wittenberg.

Johann Friedrich der Großmütige, seit 1546 als Anführer des Schmalkaldischen Bundes geächtet, behielt sein Leben und auch seine zunächst lebenslang verhängte kaiserliche Gefangenschaft schrumpfte auf fünf Jahre zusammen. Nach seiner Freilassung 1552 wählte Herzog Johann Friedrich die Stadt Weimar zur neuen Hauptresidenz der Ernestiner. Dort hatten bereits im Krieg seine Frau Sibylle von Kleve und der Hofstaat Zuflucht gefunden.

Es blieb auch das protestantische Selbstverständnis der Ernestiner, sich als Verteidiger der "Teutschen Libertät" zu sehen. Das bedeutete, die Freiheit der Reichsfürsten gegenüber der kaiserlichen Zentralgewalt zu verteidigen. Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) standen wieder ernestinische Herzöge an der Spitze der Protestanten, ähnlich der Führungsrolle im Schmalkaldischen Krieg ein Jahrhundert zuvor.

Auch später spiegelt sich dieser Geist der Ernestiner im Rollenspiel der Mittelstaaten zwischen Preußen und Österreich. Auch den im 19. Jahrhundert von Weimar aus betriebenen Wiederaufbau der Wartburg als Nationaldenkmal darf man getrost als ein Bekenntnis zum Geist des Protestantismus begreifen.

Berühmte "Weimarer Ausgabe"

Wenn es um Weimar und die Reformation geht, dürfen zwei weitere Dinge nicht unerwähnt bleiben: Die "Weimarer Ausgabe" und die Anna Amalia Bibliothek. Die berühmte Schriftensammlung "Weimarer Ausgabe", auch "Weimerana" genannt, umfasst 80.000 Seiten in 127 Bänden in deutscher und lateinischer Sprache. Es handelt sich um die wissenschaftlich bedeutendste Auseinandersetzung zu allen schriftlichen Hinterlassenschaften Luthers und den unmittelbar damit verbundenen Aufzeichnungen; dazu zählen auch  die "Tischreden" Luthers. Die kritische Martin-Luther-Gesamtausgabe wurde 1883 zum 400. Geburtstag Luthers begonnen und 2009, nach 126 Jahren, abgeschlossen.

Weitere wichtige Luther-Schriften beherbergt die Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Seit dem 18. Jahrhundert zählt sie zu den bekanntesten Bibliotheken in Deutschland und nimmt für die Reformation einen der Stiftsbibliothek in Zeitz ähnlichen Rang ein. Ihren besonderen Ruhm verdankt sie nicht nur ihren frühen adligen Förderern wie Herzog Wilhelm Ernst (1662-1728), der die Vorläufer-Bibliothek gründete, oder der Namensgeberin Herzogin Anna Amalia. Ihr wohl namhaftester Bibliothekar war kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR Thüringen Journal | Fernsehen | 10.07.2016 | 19:48 Uhr

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