Reformationsorte in Mitteldeutschland: Zerbst Schon lange vor Luther roch es nach Aufruhr

von Franz Kadell

Schon am Anfang von Zerbst steht die Religion Pate. Die erste Erwähnung als slawischer Gau Ciervisti stammt von 948, als Kaiser Otto I. das Bistum Brandenburg gründete. Der Ort entwickelt sich zur größten Stadt des Fürstentums Anhalts, blüht im Mittelalter, begünstigt durch die elbnahe Lage auf: Bierbrauerei, Gemüseanbau, Handwerk, Handel und ein geordnetes Innungswesen. Die Stadtmauer, die Residenz, die barocke Stadthalle, der Roland und die Figur der Butterjungfer zeugen von der alten Zeit vor der Zerstörung am 16. April 1945. Und drei Edelstahlplaketten mit der Aufschrift "Luther war hier", die an die Reformation erinnern – und die hatte es in Zerbst in sich.

Der Roland von Zebrst. 5 min
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Wer auf dem "Lutherweg" in Sachsen-Anhalt wandelt, kommt an Zerbst nicht vorbei. Hier gibt es gleich mehrere Stationen, wie die Nicolaikirche am Markt, in der Luther einst predigte, und das Augustinerkloster. Ein Besuch.

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 14.04.2017 11:10Uhr 05:08 min

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Schon mehrere Jahrzehnte, bevor Martin Luther durch seine 95 Thesen im Jahr 1517 und seinen Auftritt vor dem Wormser Reichstag ("Hier stehe ich ...") berühmt wurde und das Geschehen bestimmte, brodelte es in Zerbst gewaltig. Im 15. Jahrhundert setzten Pest-Epedemien und Brände der Stadt schwer zu, die zu den wohlhabendsten und blühendsten nicht nur Mitteldeutschlands, sondern des gesamten Reiches zählte.

Dazu kam ein immer schärfer werdender Gegensatz zwischen Kirche und Stadt, der eine jahrhundertealte Frömmigkeitskultur verdrängte. Drei große Klöster der Augustiner, der Franziskaner und der Zisterzienserinnen sowie die drei Kirchen St. Bartholomäi, St. Nicolai und St. Marien bestimmten das Stadtleben. Dazu kamen kirchliche Hospitäler, Kapellen und so genannte "Termineien", das waren Ausleger auswärtiger Bettelorden. Aber wie in anderen Orten auch, murrten immer größere Teile der Stadtbevölkerung gegen die steigenden Abgaben bei gleichzeitiger Befreiung des Klerus von den Lasten. Als immer ärgerlicher wurde die Bettelei der Mönche empfunden, auch und gerade die durchreisender Bettelmönche.

Neuaufführung nach 500 Jahren: Das Zerbster Prozessionsspiel Ein ganz besonderes Beispiel der Zerbster Religions- und Frömmigkeitskultur im späten Mittelalter ist das Prozessionsspiel von 1507, das 2017 im Reformationsjubeljahr seine Neuinszenierung erlebt.

Urkundlich taucht das Spiel schon 1490 auf, als es in Zerbst zwischen Stadt und Kirche längst gärte. Ein Bürger stiftete das Spiel der Kirche St. Bartholomäi. Eine Prozession sollte biblische Geschichten darstellen und angesichts der wachsenden Verunsicherung neuen Halt geben. Tatsächlich wurden die Prozessionsspiele von 1507 bis 1522, also bis zum Beginn der Reformation in Zerbst, auch aufgeführt. Sie waren damals Großereignisse mit jeweils bis zu 2.500 Mitwirkenden. Sie gehörten damit zu den bedeutendsten Prozessionsspielen im gesamten Reich wie im deutschsprachigen Raum.

Lange galten die Originalhandschriften, nämlich Textbücher und das große Regierbuch, als verloren, zerstört beim fatalen Bombenangriff am 16. April 1945. Doch 2012 wurden die Schätze im Historischen Stadtarchiv Zerbst wieder aufgefunden. Sofort fanden sich Bürgerinnen und Bürger zusammen, um eine Wiederbelebung anzuregen.

Nun ist es soweit: Vom 8. bis 10. September 2017 werden die Zerbster Prozessionsspiele wieder aufgeführt. Und zwar von der Zerbster Bürgerschaft. In der Neuinszenierung schlägt ihr Leiter Prof. Hans-Rüdiger Schwab bewusst einen Bogen zur heutigen Zeit. Einen großen Zug gibt es nicht. Schauplatz ist der Markt mit einer großen Bühne für eine multimediale Theaterdarbietung. Insbesondere die evangelischen und katholischen Gemeinden machen ein Stück Geschichte der Reformationszeit neu erfahrbar – passend zum 500. Jahr der Reformation und ganz im Geist der Ökumene.

Der aufdringliche Tetzel verschärft die Stimmung

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts gehen beim Landesherrn und beim Bischof immer mehr Beschwerden über den Klerus ein. Verschärft seit 1490 – Luther wurde 1483 geboren – stellen sich die Zünfte und der Stadtrat gegen die Klöster. Auch über den Ablasshandel wird schon damals geklagt. Durchziehenden Bettelmönchen wird der Aufenthalt in der Stadt schließlich sogar verboten. Das Fass zum Überlaufen bringt der Dominikaner Johannes Tetzel mit seinen aufdringlichen und lauten Ablasspredigten im Dienste von Erzbischof Albrecht von Magdeburg und Mainz. Da ihm der Zutritt zum Kurfürstentum Sachsen untersagt war, verlegte er 1517 seine Aktivitäten schwerpunktmäßig nach Jüterbog und Zerbst.

Und jetzt verband sich die antiklerikale Stimmung mit den ablasskritischen Thesen des noch weitgehend unbekannten Doktor Luther aus dem knapp 50 Kilometer entfernten Wittenberg. Seit März 1521 – Luther stand im April 1521 vor dem Reichstag und war danach bis zum Frühjahr 1522 auf der Wartburg – mehren sich Übergriffe auf Geistliche sowie Mönche und Nonnen der Klöster in Zerbst. Im März 1522 wird der Kaplan der St. Nicolaikirche körperlich angegriffen, im Kirchenbereich kommt es zu Bilderstürmereien. Es riecht nach Aufruhr.

Luther greift ein, der Stadtrat handelt

Es sind jetzt ausgerechnet die Ordensbrüder Luthers, die Augustiner, die den Rebellen aus Wittenberg – kaum von der Wartburg zurückgekehrt – nach Zerbst rufen. Auch innerhalb des Ordens rumort es seit geraumer Zeit. Eine wichtige Figur des innerkirchlichen Widerstands gegen die Papstkirche ist der Prior des Zerbster Klosters Peter Fabri, der als Verbündeter der "Martinischen Ketzerei" angesehen wird.

St. Bartholomäi Kirche Zerbst
Kirche St. Bartholomäi Bildrechte: IMAGO

Luther predigte am 18. Mai 1522 offenbar so eindrucksvoll vor seinen Ordensbrüdern, dass er mehrere Predigten an die Bürgerschaft anschließen muss. Er wettert gegen den Papst und gegen den Ablasshandel, wendet sich aber auch gegen die Zerstörung kirchlicher Einrichtungen und gegen den Einsatz von Gewalt. Der Rat der Stadt lädt Luther zu einem weiteren Besuch ein und bewirtet ihn im Schützenhaus. Der romtreue Stiftsdekan von St. Bartholomäi, Petrus Kleinschmidt, sieht eine "Unglücksstunde" gekommen und notiert bedauernd, Luther habe "reichlich viele Laien" geradezu vergiftet. Umgekehrt sehen die Vertreter der Stadt, dass die Zeit reif ist und sie nun handeln müssen.

Sie ziehen Luther als Berater hinzu, als es um die Neubesetzung der Pfarrstelle an St. Nicolai geht. 1523 wird sie mit Matthäus Meseberg besetzt, dem ersten evangelischen Pfarrer von Zerbst. Die Reformation ist vollzogen. Luther schickt persönlich zwei Ordensbrüder nach Zerbst, um die neue Lehre zu verkünden und zu verbreiten. Der Rat der Stadt behält sich das Patronatsrecht bei der Pfarrstellenbesetzung vor und übt es bis 1882 aus. Von 1578 an werden überdies alle anhaltischen Pfarrer in Zerbst ordiniert.

Die Zeiten bleiben unruhig, die Klöster verschwinden

Die Zeiten bleiben allerdings auch nach den reformatorischen Veränderungen von 1523 in Zerbst unruhig. Weiterhin werden Heiligenbilder und Heiligenfiguren zerstört und verbrannt. Besonders 1525, im Jahr der Bauernkriege, werden die Zerbster Kirchen – voran die Nicolaikirche – schwer verwüstet.

Im selben Jahr endet auch das Augustinerkloster, das im später 14. Jahrhundert gegründet worden war. Der Konvent selbst beschließt die Auflösung und den Verkauf an die Stadt mitsamt Inventar. Es kommt die Summe von 255 Gulden zusammen, welche die noch verbliebenen Mönche untereinander aufteilen. Im Gebäude wird nun ein Hospital eingerichtet. Ein Jahr später, 1526, richtete die Stadt in dem verlassenen Kloster ein Hospital ein. Nach dem Bombenhagel im Frühjahr 1945 standen nur noch Teile und einige Kreuzgewölbe, die heute zum Seniorenheim "Willy Wegener" gehören.

Auch das Franziskanerkloster gibt es nicht mehr. Hier wird eine Schule im Geiste Philipp Melanchthons (1497-1560) untergebracht. Melanchthon selbst hält sich oft in Zerbst auf, wozu seine Freundschaft mit dem 1544 ordinierten Superintendenten und Pfarrer an St. Nicolai, Theodor Fabricius (auch Fabritius, 1501-1570) – der in Wittenberg bei Martin Luther, Johannes Bugenhagen und Justus Jonas studiert hatte – sehr beiträgt.

Aus dieser Schule ist das spätere, bis heute bestehende staatliche Gymnasium "Francisceum" hervorgegangen. Die Namensgebung geht allerdings nicht auf die Franziskaner zurück, sondern Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817). Die Bibliothek des Gymnasiums verwahrt etliche wertvolle Reformationsschriften.

Ein langer Weg bis zum Ausgleich der Konfessionen

Die Reformation wird von den Fürsten Wolfgang von Anhalt-Köthen (1492-1566) und Georg III. von Anhalt-Dessau (1507-1553) unterstützt. Fürst Wolfgang wird 1529 Mitunterzeichner der Protestation zu Speyer sein, als sich die evangelischen Landesherren auf dem Reichstag zusammen erklären. 1531 gehört Wolfgang zu den Mitgründern des Schmalkaldischen Bundes. 1534 lässt Fürst Georg III. das Abendmahl "in beiderlei Gestalt", also mit Brot und Wein, reichen. Damit ist ganz Anhalt evangelisch. Georg wird auch "der Gottselige" genannt, und Luther hielt ihn für frömmer als sich selbst. Seine Bibliothek ist zu großen Teilen erhalten und Teil der Anhaltischen Landesbücherei.

Die St. Trinitatis Kirche in Zerbst
St. Trinitatis Kirche in Zerbst Bildrechte: IMAGO

Im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts wenden sich die anhaltischen Fürsten der reformierten Lehre des Schweizers Calvin zu, wogegen sich die lutherische Geistlichkeit wie auch die Bevölkerung wehren. 1606 tritt Anhalt, das in diesem Jahr wieder in vier Teile zerfällt, geschlossen zur reformierten Konfession über. Für Anhalt bedeutet der Schritt, dass sich im 17. Jahrhundert eine Nähe zum brandenburgischen Herrscherhaus – das 1613 calvinistisch wird – und zu den Niederlanden bildet.

1644 kehrt das Fürstentum Anhalt-Zerbst unter seinem Landesherrn Johann Georg II. (1627-1693) allerdings zum lutherischen Bekenntnis zurück. Damit existieren in Anhalt beide evangelischen Konfessionen. In Zerbst, wo auch der Rat in Lutheraner und Reformierte gespalten ist, gibt es einen Streit um die Nutzung der reformiert gebliebenen St. Nicolaikirche. Beendet wird er mit dem Neubau der 1696 geweihten St. Trinitatiskirche.

Dauerhafte Befriedung bringt erst die "Bernburger Synode" 1820 mit der Begründung der Union beider Bekenntnisse. Das Unionsdenkmal von 1827, das Franz Woltreck aus weißem Marmor geschaffen hat, erinnert noch heute in der Kirche St. Nicolai an diesen Ausgleich der Konfessionen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Radio: MDR SACHSEN-ANHALT | 14.04.2017 | 11:10 Uhr

Lesetipps: Philipp Melanchthon und Zerbst, Quellensammlung und Aufsätze zum 500. Geburtstag des Reformators, hrsgg. v. d. Arbeitsgruppe am Francisceum Zerbst, Zerbst 1997

Das Zerbster Prozessionsspiel, ins Gegenwartsdeutsch übertragen und kommentiert von Hannes Lemke in Zusammenarbeit mit Alexander Stojanowic unter Mitarbeit von Albrecht Lindemann, Anhalt-Archiv Band 1, hrsgg. von der Evangelischen Kirchengemeinde St. Bartholomäi Zerbst, Zerbst 2015

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