Die Reformation und der Islam Luther als Vorbild einer muslimischen Reformation?

Martin Luther war nicht gut auf die Muslime zu sprechen. Für ihn waren Muslime vor allem die Türken, die 1529 vor Wien standen und beim Reformator apokalyptische Visionen hervorriefen. Dennoch meinen Protestanten heutzutage immer wieder, Muslime sollten sich an Luther orientieren – auch der Islam benötige eine Art Reformation. MDR KULTUR-Autor Michael Hollenbach hat bei Theologen und Islamwissenschaftlern nachgefragt.

Koran und Tasbih in einer Nahaufnahme
Kann der Koran die Grundlage einer Reformation des Islam bilden? Bildrechte: imago/UIG

1529 war die Angst vor einem türkischen Überfall auf Mitteleuropa groß. Martin Luther sah die Bedrohung vor allem als Chance der Christenheit zur Buße, zur Abkehr von den sogenannten Papisten. Luther setzte sich mit den "Muselmanen", wie er die Muslime nennt, auseinander, ohne je einen Muslim gekannt zu haben. Erst später – gegen Ende seines Lebens – regte er an, den Koran ins Deutsche zu übersetzen.

Die Christen mögen sehen, was für ein verfluchtes, schändliches Buch der Koran ist, voller Lügen, Fabeln und allerlei Gräuel.

Martin Luther

Dabei sei es Luther zwar wichtig gewesen, sich mit der Schrift auseinanderzusetzen, allerdings aus dem Interesse, ihn durch seine eigenen Mittel zu widerlegen - so die Einschätzung von Oberkirchenrat Detlef Görrig der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Luther hatte den Eindruck, wenn man diese Schrift bekannt macht und Leuten zur Kenntnis gibt, dann werden sie ihre Schlüsse daraus ziehen und sich gegen diese Religion wenden.

Oberkirchenrat Detlef Görrig, Referent für Interreligiösen Dialog der Evangelischen Kirche in Deutschland

Luthers Theologie als Grundlage

Görrig will keinesfalls die Äußerungen Luthers über Muslime zur Grundlage des interreligiösen Gesprächs machen. Eine gute Basis könnte vielmehr Luthers Theologie sein: der Bezug auf die Bibel – sola scriptura, das Schriftprinzip. Muhammad Sameer Murtaza, Mitarbeiter der von dem katholischen Theologen Hans Küng gegründeten Stiftung Weltethos, hält diesen Ansatz jedoch nicht für geeignet. Egal ob Bibel oder Koran – er warnt vor einem wortwörtlichen Verständnis der heiligen Schriften.

Weil wir sehen - ob das Wahabiten sind, ob das die Muslimbrüder sind oder militante Bewegungen - sie alle haben dieses Prinzip von sola scriptura. Es gibt teilweise muslimische Bewegungen, die sich an Luther orientiert haben, (…) und wir sehen die Folgen und die sind nicht gut.

Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza

Europäische Reformation hatte drastische Folgen

Der Islamwissenschaftler Murtaza sieht Luther und die Folgen kritisch: die Reformation habe zu einer Spaltung der Kirche geführt, zu den Bauernkriegen, zu Johannes Calvins Gottesstaat, schließlich zum Dreißigjährigen Krieg. Erst 1648, als beide Konfessionen erschöpft waren, sei ein Frieden möglich geworden. Der zunehmende Fundamentalismus innerhalb des Islam könnte eine neue Aufklärung gebrauchen, meint Murtaza, aber dafür benötige man keineswegs den Protestantismus als Vorbild.

Insofern erhoffe ich mir, dass wir Muslime einen anderen Weg einschlagen würden, anstatt das europäische Modell zu kopieren.

Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza

Anknüpfungen an die eigene Geschichte

Ähnlich sieht das die Frankfurter Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter. Sie verweist darauf, dass der Islam – zum Beispiel während des Mittelalters in Andalusien – schon ein goldenes Zeitalter der Aufklärung durchlebt habe.

Susanne Schröter zu Gast in der ARD Talkshow Maischberger am 16.11.2016 in Köln.
Die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter Bildrechte: IMAGO

Der Islam könnte vielleicht sich seiner eigenen Geschichte erinnern und anknüpfen an Zeiten, in denen Rationalität und Pluralität praktiziert worden sind, in der man sich nicht permanent darum gekümmert hat, ob etwas halal, nämlich erlaubt, oder haram, verboten ist.

Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter

Über dieses Thema berichtete der MDR auch bei:
MDR KULTUR - Das Radio | 15.01.2017 | 08:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2018, 10:10 Uhr