Luther und die Weihnachtszeit Wie Luther das Neue Testament übersetzte

Eine der Hauptleistungen Martin Luthers ist die Übersetzung der Bibel. Auch das darin enthaltene Weihnachtsevangelium hat er eingedeutscht. Was aber trug sich genau zu auf der Wartburg bei Eisenach, damals im Winter vor rund 500 Jahren?

Zwischen sattgrünen Bäumen steht am 16.05.2003 die mehr als 900 Jahre alte Wartburg bei Eisenach
Majestätisch ragt die Wartburg über Eisenach auf. Hier übersetzte Martin Luther im Winter 1521/22 das Neue Testament. Bildrechte: dpa
Martin Luther als Junker Jörg, Holzschnitt von Lucas Cranach d. Ä., 1522
Martin Luther als Junker Jörg im Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren. Bildrechte: IMAGO

Fröhliche Lautenklänge gehören wohl zu den wenigen Abwechslungen auf der Wartburg in jenen langen Winternächten des Jahres 1521. In dem Gemäuer auf der Bergspitze ist ein geheimnisvoller Gast einquartiert worden, ein Ritter namens Junker Jörg. Lucas Cranach der Ältere hat ihn als wilden Gesellen porträtiert, mit Rauschebart und melancholischem Blick.

Dieser Mann - kein anderer als der untergetauchte Ketzer Martin Luther - lebt in der Vorburg. Und die, so die wissenschaftliche Leiterin der Wartburg-Stiftung, Jutta Krauß, besteht schon damals aus Torhaus, Ritterhaus und Vogtei: "Die Vogtei war relativ neu in ihren Fachwerkaufbauten. Und dort hatte man eben einzelne Zimmer eingebaut, kurz vor 1500. Davon bewohnte Luther zwei Zimmer: die heutige Luther-Stube und seinen Schlafraum. Er hatte also so etwas wie ein Apartment" - und sogar eine Privat-Toilette.

Nahe an der Winterdepression

Aus dem Fenster seiner Schreibstube hat Luther einen schwindelerregend schönen Blick über den winterlichen Thüringer Wald. Doch der Reformator hat sich daran wohl nur momentweise erfreut, meint Alexandra Husemeyer vom Eisenacher Lutherhaus: "Er ist dort oben sehr einsam. Er schreibt ja Briefe. Er darf seinen Freunden den Aufenthaltsort nicht mitteilen und nimmt dann immer Umschreibungen wie 'im Gefängnis der Vögel'. Er neigt auch oft zur Schwarzen Galle. Heute nennt man das Winterdepression."

Schreiben ist der einzige Zeitvertreib, darauf konzentriert Luther sich – und dann, ab Advent 1521, auf die Übersetzung des Neuen Testaments. Gut ging es dem Gelehrten dabei nicht: Da war die ständige Sorge, seine Tarnexistenz könne auffliegen. Und, so Jutta Krauß: "Das Essen bekam ihm nicht. Er war an schmale Klosterkost gewöhnt und vertrug also deftige Thüringer Kost nicht so gut. Und ein Weihnachtsessen wurde ihm auch nicht kredenzt, glaube ich."

Kanzlei-Sächsisch statt Aramäisch

Es war für Luther wohl eher ein freudloses Weihnachtsfest auf der Wartburg. Aber von der Chronologie her ist es durchaus denkbar, dass er rund um Heiligabend die Geschichte von Jesu Geburt eindeutschte. Gottes Sohn sprach nun nicht mehr Aramäisch, sondern, so Alexandra Husemeyer: "Luthers Bibel-Übersetzung fußte auf einem Kanzlei-Sächsisch. Das heißt, das ist die Grundlage unseres heutigen Hochdeutsch."

Als Luther Anfang März die Wartburg verlässt, hat er sein Werk bereits vollendet. Eine Kostprobe: "Sehet, ich verkundige euch grosse freude, die allem volck widderfaren wirt, denn euch ist heutte der heyland geporn, wilcher ist Christus der herre." Luthers Neues Testament geht in Wittenberg in Druck, erscheint im September zur Leipziger Buchmesse und liegt Weihnachten 1522 bereits auf dem Gabentisch betuchter Haushalte.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im Radio | 11.12.2016 | 7:20 Uhr