Totenmaske von Martin Luther und Gipsabguss seiner Hände
Martin Luthers Totenmaske ist selbst zu einer Art Reliquium geworden. Bildrechte: IMAGO

Luther und die Weihnachtszeit Wie Luther es mit Reliquien hielt

Der 13. Dezember ist der Tag der Heiligen Luzia, einer frühchristlichen Märtyrerin. Zu Luthers Zeiten wurden Heilige verehrt, indem man ihre Reliquien zur Schau stellte - auch in Wittenberg. Luther sah das kritisch. Die Reliquien-Verehrung hatte dennoch Auswirkungen auf sein historisches Timing.

von Stefanie Markert, MDR AKTUELL

Totenmaske von Martin Luther und Gipsabguss seiner Hände
Martin Luthers Totenmaske ist selbst zu einer Art Reliquium geworden. Bildrechte: IMAGO

Sie ist 500 Jahre alt und wunderbar erhalten: Mirko Gutjahr, Kurator der Luthergedenkstätten, zeigt ein schmales, schwungvoll mit Tinte beschriebenes Heft – die Inventarliste der Reliquiensammlung von Luthers Landesfürsten. "Und dann sehen wir nämlich den Eintrag: 'In diesem silbern Bild ist beiliegend von der Stadt der Geburt Christi von den Tüchern, darinnen er ist gewickelt worden, von seiner Krippen und Wiegen und von dem Gold und Myrrhe ihm geopfert'", liest Gutjahr vor.

"Heiltums-Schau" zu Allerheiligen

Windeln und Stroh von Jesu Krippe: Friedrich der Weise selbst hat dies 1493 aus dem Heiligen Land mitgebracht und damit eine der größten Sammlungen seiner Zeit begründet. Die sollten alle sehen, so Gutjahr: "In Wittenberg war es üblich, am 1. November, am Tag Allerheiligen, in der Schlosskirche die Reliquien Friedrichs des Weisen zu zeigen. Es war die sogenannte Heiltums-Schau. Das war ein großes Event, das viele, viele Pilger anzog."

Gutjahr ist sicher: Luther hat seine Thesen 1517 bewusst Ende Oktober veröffentlicht. "Ausgerechnet am 31. Oktober, genau am Tag vor Allerheiligen, an dem ja die Heiltums-Schau stattfinden sollte - das Datum ist sicher nicht zufällig", glaubt der Experte.

Zeit im Fegefeuer einsparen

Mirko Gutjahr, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Luther-Gedenkstätten Sachsen-Anhalt
Luther-Experte Mirko Gutjahr. Bildrechte: MDR/Peter Beddies

Die Menschen sorgen sich damals um ihr Leben im Jenseits. Allein das Anschauen der Reliquien soll die Strafe für ihre Sünden verkürzen. Die 19.000 Reliquien des Fürsten sind immerhin 1,9 Millionen Jahre Ablass wert. "Man hatte durchaus auch Vorstellungen, dass im Jenseits 1.000 Jahre wie ein Tag sind, so dass die Zeit realistisch gesehen wurde", rechnet der Historiker.

Weiter schildert Gutjahr: "Man muss es sich eher als großes Volksfest vorstellen. Die Reliquien wurden nach draußen getragen, in sogenannten Gängen. Sie waren in kostbaren Gefäßen. Es gab zum Beispiel einen Teil des Arms vom Heiligen Nikolaus: Der wurde dann in ein silbern-vergoldetes Armreliquiar gesteckt."

Reformator machte sich über Kult lustig

Ob in einem Glas wirklich der Atem Jesu ist, hinterfragen die einfachen damals Menschen nicht. Ablassgegner Luther aber tut es: "Er soll wohl mal bei einer Vorlesung erzählt haben, dass von den zwölf Aposteln 14 allein in Deutschland liegen sollen - was nicht bei allen Zeitgenossen gut angekommen ist."

Experte Gutjahr weiß: Für Wittenbergs Stadtprediger Luther sind nicht alle Reliquien Fälschungen. Aber: "Er sagt immer, die größte Reliquie, die wir haben, ist das Wort unseres Herrn, also das Evangelium. Alles andere ist tot‘ Ding." Und die wahren Heiligen sind für Luther die Christen selbst.

Heute gibt es Luther-Reliquien

Durch Luthers Einfluss  findet schon 1522 die letzte große Heiltums-Schau statt. Die Sammlung des Landesfürsten wird nach dessen Tod in Torgau zerlegt und eingeschmolzen. Übrig sein sollen Fasern von Mariens Umstandskleid und - so Historiker Mirko Gutjahr: "Zum anderen ein Stück, das an Martin Luther gegangen ist. Nämlich das Glas der Heiligen Elisabeth. Das wurde ihm als Kuriosum verehrt. Das hat er dann bei Tischgesellschaften herumgezeigt. Nun ist es eine Lutherreliquie. Denn es ist 1910 in Coburg aufgetaucht und jetzt dort ein geschätztes Andenken an den Reformator."

Der Legende nach soll der Kelch Wasser in Wein verwandelt haben. So war er wie geschaffen für Luthers Umtrunk.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im Radio | 13.12.2016 | 07:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2018, 10:58 Uhr