Die Köpfe hinter Luther Ein Netzwerk steuert "Boom-Town"

In Wittenberg fand sich ein Netzwerk zusammen, das aus einer geographisch-strategischen Randlage der Stadt heraus schließlich große Geschichte schrieb. Das waren die Hauptakteure.

Martin Luther und Philipp Melanchton werden häufig in Cranachs Werkstatt gemalt.
Martin Luther (li.) und Philipp Melanchton Bildrechte: MDR/Oliver Hauswald

Martin Luther (1483-1546)

Martin Luther (1483-1546) aus Eisleben und Mansfeld. Er kam 1508 nach Wittenberg. Sein Vermittler als erster Dekan der neuen Universität war sein Freund, Beichtvater und Ordensbruder bei den Augustinern Johann von Staupitz. Von Staupitz wandte sich allerdings später von Luther und der Reformation ab und wechselte zu den Franziskanern bei Salzburg.

Philipp Melanchthon (1497-1560)

Der Hochbegabte stammte aus Bretten (heute Baden-Württemberg, unweit von Karlsruhe) und wurde als 21-Jähriger nach Wittenberg zum Professor für Griechisch berufen. In seiner Antrittsvorlesung 1518 hielt er ein Plädoyer für eine umfassende Universitätsreform. Auf ihn geht der Ruf der Universität nach außen zurück. Er wurde Luthers Freund und wohl wichtigster Mitstreiter.

Johannes Bugenhagen (1485- 1558)

Der vielseitig interessierte Pommer war ein – nach heutigen Begriffen – Selfmademan und unermüdlicher Macher. Bugenhagen wurde zu einer Art juristischer Syndikus der Reformkirche. Ohne ihn sind ein evangelisches Norddeutschland und eine skandinavische Staatskirche nicht denkbar.

Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt (um 1496-1541)

Der Radikalreformer konnte seinen Eifer kaum zügeln, als Luther auf der Wartburg saß. Es kam zu Unruhen. Luther sah sich gezwungen, die Wartburg zu verlassen und nach Wittenberg zu eilen. Er stellte Karlstadt kalt.

Justus Jonas (1493-1555)

Justus Jonas (1493-1555) d. Ä., Universitätslehrer aus dem thüringischen Nordhausen. Er war in erster Linie Jurist und energischer Vertreter der Priesterehe.

Bartholomäus Bernhardi (1487- 1551)

Die Bedeutung des Österreichers für die ersten Jahre der Reformation wird oft unterschätzt. Bernhardi war einer der ersten verheirateten Geistlichen aus dem Wittenberger Kreis und nahm wichtige Positionen im nahen Kemberg ein.

Cranach der Ältere (1472-1553)

Der Kurfürst holte sich ihn als Hofmaler aus dem Fränkischen nach Wittenberg. Cranach hatte einen Sinn für "strategische Kommunikation", wie wir heute sagen würden. Die Vorstellung von Luthers Äußerem gehen auf seine Porträts zurück. Cranachs Altargemälde sind hinsichtlich der künstlerischen Güte und reformatorischen Aussagen von Weltbedeutung.

Akteur aus dem Hintergrund - Kurfürst Friedrich III.

Im Hintergrund des ganzen Geschehens stand Kurfürst Friedrich III. Ohne ihn und seine Deckung der reformatorischen Aktivitäten wären die Wittenberger kaum handlungsfähig gewesen. Allerdings blieb er in seiner Residenz auf Schloss Hartenfels in Torgau und hielt sich bewusst zurück. Ihm verdankten Luther und die Reformatoren um ihn herum sehr viel, wenn nicht alles.

Klangvolles Aufeinandertreffen

Luthers Verdienst um die Entwicklung der deutschen Hochsprache durch die Bibelübersetzung wird allerorten entsprechend hervorgehoben und gewürdigt. Insofern ist es fast amüsant, sich vorzustellen, wie es geklungen haben mag, wenn das Wittenberger Netzwerk zusammensaß: Denn der Meister selbst sprach Mansfeldisch, Melanchthon schwäbelte mit Zungenfehler, Bugenhagen war mit Plattdeutsch groß geworden, Cranach dürfte das "r" typisch fränkisch gerollt haben. Da mussten wohl alle hochkonzentriert lauschen, um einander zu verstehen. Auch das Latein war gewiss nicht frei von mundartlicher Färbung.

Die Gruppe der Zugezogenen gewann jedenfalls in kürzester Zeit Macht, Einfluss und Geld. Sie hatte Wittenberg fest im Griff. Die Luthers gehörten zu den Wohlhabenden der Stadt. Cranach wurde in kurzer Zeit ein reicher Mann und war drei Mal gewählter Bürgermeister Wittenbergs.