Persönlichkeiten der Reformation: Johannes Bugenhagen Bugenhagen, Luthers unermüdlicher Macher

Einer der wichtigsten Mitstreiter Martin Luthers war Johannes Bugenhagen. Ohne Bugenhagen gäbe es wohl kein evangelisches Norddeutschland und keine lutherische Staatskirche in Skandinavien. Hier zeigt sich beispielhaft, dass die Reformation nicht das Ergebnis eines Einzelkämpfers namens Luther war, sondern dass ein Netzwerk Geschichte schrieb. Und ähnlich wie bei den Cranachs war ein Sohn, Johannes Bugenhagen der Jüngere, Repräsentant der "zweiten Generation" der Reformation.

von Franz Kadell

Johannes Bugenhagen (1485 - 1558) am Rubenow-Denkmal vor der Greifswalder Universität
Darstellung des Reformators Johannes Bugenhagen (1485 - 1558) am Rubenow-Denkmal vor der Greifswalder Universität. Bildrechte: IMAGO

Johannes Bugenhagen stammte aus Wollin in Pommern (heute Polen), wo sein Vater Gerhard Ratsherr war. Sein Lebensweg war höchst ungewöhnlich, nichts schien vorgezeichnet. Heute würden wir ihn vielleicht einen "Selfmademan" nennen.

Er studierte zunächst in Greifswald, machte aber keinen Abschluss, was zu der Zeit auch nicht ungewöhnlich war. Dann finden wir ihn als Lehrer an der Stadtschule von Treptow (in Pommern, nicht zu verwechseln mit dem Berliner Stadtbezirk Treptow) und bald war er der Rektor. Obwohl er kein studierter Theologe war, machte er sich einen Namen in der Auslegung der Bibel, wurde 1509 zum Priester geweiht und als Vikar an der Treptower Marienkirche angestellt.

Egal, wo Bugenhagen gerade war, überzeugte er durch Arbeitseifer, umfassendes Interesse und gewann schnell Einfluss. Er hatte gerade mit der Abfassung einer Chronik von Pommern begonnen, die die erste umfassende geschichtliche Darstellung der Region werden sollte, als er mit den Thesen und Schriften Luthers in Berührung kam.

Nach anfänglicher Ablehnung interessierte ihn dieser Luther immer mehr. 1521 geht er nach Wittenberg, um Theologie zu studieren. Schnell gehört er nicht nur zum inneren Kreis um Luther und Melanchthon. Zwischen Luther und Bugenhagen entwickelt sich ein Vertrauensverhältnis; Bugenhagen wird Luthers Beichtvater.

Ähnlich wie 1521 Bartholomäus Bernhardi aus der Wittenberger Gruppe heiratet Bugenhagen 1522 und bricht mit dem Zölibat – drei Jahre vor Luther. Kirchgang und öffentliches Festmahl fanden am 27. Juni statt.

Im folgenden Jahr wird Bugenhagen auf Luthers Empfehlung hin Pfarrer an der Stadtkirche in Wittenberg und gleichzeitig Dozent an der Leucorea. Damit ist Bugenhagen abgesichert und integriert. Er bezieht das später sogenannte Bugenhagen-Haus. Es gab später zwar einige Umbauten, doch die Grundstruktur ist bis heute erhalten. Manchmal wird es als das älteste evangelische Pfarrhaus Deutschlands bezeichnet, was angesichts der schon früher erfolgten Heirat des Bartholomäus Bernhardi in Kemberg nicht ganz richtig ist.

Als Luther 1525 Katharina von Bora heiratet, übernimmt Bugenhagen die Trauung des Paares am Abend des 13. Juni und tauft später auch deren Kinder.

Bugenhagen rollt den Norden auf

Als die Abkehr, ja Rebellion gegen die überkommenen Ordnungsformen der Kirche im Gange war, musste sie Niederschlag finden in den Kirchenordnungen. Und genau das wurde Bugenhagens großes Wirkungsfeld mit ebenso großen Folgen. Wie unsicher die Zeiten waren, als klare Regelungen noch nicht geschaffen waren, zeigen nicht zuletzt die Unruhen in Wittenberg, als Luther 1521 auf der Wartburg saß, Karlstadt vorpreschte und die Dinge aus dem Ruder liefen.

Wo immer es um die Neugestaltung der Kirchenordnungen ging, wurde Bugenhagen gerufen. Er rollte sozusagen den Norden bis nach Skandinavien auf. Die wichtigsten Stationen waren: Braunschweig, Braunschweig-Wolfenbüttel, Hildesheim, Hamburg, Lübeck, Holstein, Schleswig, Pommern, und - Dänemark und Norwegen.

In Dänemark und Norwegen wäre das Lutheranertum ohne Bugenhagen nicht zur Staatskirche geworden. Seine Bedeutung steht außer Frage, denn er war es, der der sich bildenden neuen Kirche quasi die landesherrliche Verfassung gab. War Luther der Theologe der Reformation, war Bugenhagen ihr Jurist oder Syndikus. Auch Bugenhagen war so betrachtet Reformer und Spalter in einem.

Beispiel Braunschweig

Als Beispiel ist Braunschweig mit seinem damals rebellischen Geist besonders anschaulich. Dort wurde 1526 gegen erhebliche Widerstände die erste Messe in deutscher Sprache gefeiert. Mehrere dortige Gemeinden arbeiteten bereits an Reformprogrammen, so dass Bugenhagen der neuen Kirchenordnung nach den anfänglichen Querelen Geltung verschaffen konnte.

Die Kirchenordnung betraf die Qualifikation der Prediger, die Formalitäten ihrer Wahl sowie die des Superintendenten, die Abschaffung des Fronleichnamfestes, die Grundlagen des Schulwesens (auch für Mädchenschulen), die Armenfürsorge und das weitere Sozialwesen und die Regelungen für Taufe und Messe. Braunschweig wollte Bugenhagen sogar dauerhaft an die Stadt binden, doch Bugenhagen suchte neue Herausforderungen in Hamburg, Bremen und Göttingen.

Vor allem in Hamburg hatten sich die zunehmenden Spannungen und die Zerrissenheit in Bilderstürmereien entladen. Ein Knäuel von Konflikten lag hier vor: die Auffassungen der Wittenberger gegen das Zwinglische Verständnis vom Abendmahl (direkte Anwesenheit gegen symbolische Anwesenheit Jesu); außerdem allgemeine Spannungen zwischen Klöstern, Bürgerschaft und Stadtrat.

Bugenhagen griff 1529 ein und setzte sich durch. So gab es in Braunschweig, Hamburg und Lübeck bereits Bugenhagens reformatorische Kirchenordnungen, während Wittenberg selbst noch gar keine neue Kirchenordnung hatte, sondern nur Teilordnungen als Vorformen.

Die prachtvolle "Bugenhagen-Bibel"

Noch im selben Jahr 1529 kehrte Bugenhagen nach Wittenberg zurück. Während seiner Abwesenheit hatte ihn Luther jeweils als Stadtpfarrer für die einzelnen Missionen vertreten. Weiter ging es mit der Reformarbeit. Bugenhagen nahm sich der vorbereitenden Ausarbeitungen für die Torgauer Artikel zum Augsburger Reichstag an, die dann in wichtige Passagen der Confessio Augustana einflossen.

Sehr bemerkenswert ist Bugenhagens Wirken für Lübeck. 1530 ging Bugenhagen nach Lübeck, weil die Stadt in gebeten hatte, die Kirchenordnung neu zu fassen. Er blieb bis 1532. (Wieder übernahm Luther die Vertretung als Gemeindepfarrer in Wittenberg.)

Ein wichtiges Detail: Bereits seit 1524 hatte Bugenhagen von Wittenberg aus bei der Übertragung der Bibel ins Niederdeutsche beratend mitgewirkt. Er gehörte zur Gruppe um Luther und Melanchthon, die sich die Gesamtübersetzung der Bibel vorgenommen hatten. Er gehörte zur Gruppe der Fachleute, die das Alte Testament übersetzte. 1533/34 erschien dann die prachtvoll gestaltete Lübecker Bibel, die erste niederdeutsche Vollbibel — noch vor der hochdeutschen Gesamtausgabe des Luther-Teams! Ihr geläufiger Name war die "Bugenhagen-Bibel".

Wie eng das Verhältnis zu Luther war, zeigt auch der Umstand, dass Bugenhagen Luther bei den ersten Kirchenvisitationen in Kursachen vertrat. Und auch, dass Luther persönlich Bugenhagen beim Predigen in der Stadtkirche vertrat, wenn Bugenhagen mal wieder auf Reisen in Sachen Reformation war. War Bugenhagen in Wittenberg, predigte er in der Regel ungewöhnlich lange. Dafür war er so bekannt, dass die Frauen sich ganz darauf einstellten und die Mittagsvorbereitungen nach hinten schoben.

Kurfürst schafft für ihn neues Kirchenamt

Johann Bugenhagen in einer historischen Zeichnung
Eine historische Zeichnung von Johannes Bugenhagen. Bildrechte: IMAGO

1533 promoviert Bugenhagen zum Doktor der Theologie. Großer Bahnhof, hätte man vielleicht später gesagt. Bei der Feier zugegen: Kurfürst Johann der Beständige, die Herzöge Ernst und Franz von Braunschweig, der Herzog Magnus von Mecklenburg außerdem viel akademische Prominenz. Der Kurfürst übertrug Bugenhagen die Ober-Superintendentur für den rechtselbischen Kurkreis.

Damit wurde für Bugenhagen ein neues Amt geschaffen, das des Generalsuperintendenten, quasi ein Bischofsrang. Den linkselbischen Bereich übernahm zunächst der Propst von Kemberg. Die Reformation hatte sich mit einer Quasi-Zentrale in Wittenberg/Kemberg gefestigt. Dieser Umstand, nämlich die schrittweise Vergabe von immer höheren Ämtern an Reformatoren, wird meist übersehen, wenn betont wird, dass Luther 1542 mit Nikolaus von Amsdorf in Naumburg den ersten evangelischen Bischof ordinierte.

Und die Karriere Bugenhagens geht weiter: 1535 wird er zum Professor der Theologie in Wittenberg ernannt. Er besetzte die vierte Professur in Theologie. Mehr theologische Lehrstühle gab es Wittenberg gar nicht! Allerdings grassierte damals gerade mal wieder die Pest. So machte sich Bugenhagen auf Reisen und widmete sich den überregionalen Ordinationen. Dadurch festigte er Wittenberg gleichzeitig weiter als das Zentrum des lutherischen Protestantismus.

Bei der Taufe bitte angezogen!

Wieder geht der Blick Bugenhagens nach Norden. Lübeck, Hamburg, Pommern – das bedeutete angesichts der bestehenden Hanse-Verbindungen die weitere Ausstrahlung nach Skandinavien. Außerdem kamen zahlreiche Studenten in Wittenberg aus Skandinavien.

1536 war es soweit: Nach gehörigem Widerstand des Adels führte Christian III. die Reformation in Dänemark und Norwegen offiziell ein. Seine ehemaligen Gegner wie die Bischöfe setzte er im Bürgerkrieg kurzerhand gefangen, zog den Kirchenbesitz ein und machte sich selbst zum Kirchenoberhaupt. So kam sie also, die Staatskirche.

Ein Reiz für die Landesherren, die es noch nicht ganz so weit gebracht hatten. Kurfürst Johann Friedrich I. schaltete sich ein. Er höchstselbst und nicht Luther beurlaubte Bugenhagen von den Verpflichtungen als Wittenberger Stadtkirchen-Pfarrer und schickte ihn nach Kopenhagen, um die dortige Kirchenordnung auszuarbeiten.

In Kopenhagen vollzog Bugenhagen 1537 die Krönung Christian III. und dessen Frau unter großer Prachtentfaltung. Das war bis dato den Bischöfen vorbehalten und somit, etwas moderner ausgedrückt, "großes Kino" der neuen Staatskirche. Die Kirchenordnung wurde vom Reichstag in Kopenhagen beschlossen und war damit Landesgesetz.

Übrigens: Bei der Neufassung der Kirchenordnung waren noch so manche Fragen offengeblieben, die ein eigentümliches Licht auf die damaligen Zeitprobleme werfen. Zum Beispiel, ob der Säugling bei der Taufe nackt oder bekleidet sein sollte. Bugenhagen fackelte nicht und entschied: Bei der Taufe bitte angezogen!

Als Anerkennung ein Fass Bier

Das reichte einem Macher vom Format Bugenhagens nicht. Er ordnete gleich die Kopenhagener Universität neu, hielt dort selbst Vorlesungen und wurde 1538 - ihr Rektor! Wenn auch nur kurz, da neue Aufgaben riefen. 1539 traf Bugenhagen wieder in Wittenberg ein. Als Anerkennung seiner Mission durch den Rat der Stadt erhielt er ein Fass Bier.

Das unruhige Leben hielt an. Bugenhagen beriet Luther bei der Überarbeitung der Luther-Bibel, insbesondere was die Wortwahl bei der Verwendung bestimmter Begriffe aus dem Ober- und dem Niederdeutschen betraf.

Kurz: Bugenhagen war ständig auf Achse. Sein Einfluss auf die Entwicklung der Dinge war enorm. Insofern war er neben Melanchthon und in medialem Sinne Cranach eine entscheidende Figur für die Ausbreitung und Absicherung der Reformation.

Krieg gefährdet das Erreichte

Als Luther Anfang 1546 starb, hielt Bugenhagen nach der Überführung des Leichnams von Eisleben nach Wittenberg die Grabrede. Auf seinen und Melanchthons Schultern lastete nun hauptsächlich das Erbe der Reformation.

Und schon knallte es. Kaiser Karl V. ging mit Waffengewalt gegen die Reformation vor. Der Schmalkaldische Krieg bricht aus. Im Schmalkaldischen Bund hatten sich protestantische Gebiete zusammengeschlossen. Dass auch Bugenhagens Heimat Pommern sich dem Schmalkaldischen Bund angeschlossen hatte, war auf ihn zurückzuführen.

Als Karl V. Wittenberg belagerte, hatte Melanchthon mit den meisten der Universitätslehrer die Stadt schon verlassen. Bugenhagen und mehrere seiner Getreuen wie Caspar Cruciger d.Ä., Georg Rörer oder Paul Eber waren geblieben. Wittenberg kapitulierte, Karl V. setzte den Kurfürsten ab und machte Moritz von Sachsen zum neuen Herren. Bugenhagen sah, wie es um ihn und seine Lebensleistung stand und bemühte sich um ein gutes Verhältnis, was wiederum den Anhängern des vormaligen Kurfürsten missfiel.

Vorwurf des Verrats

1547 jedenfalls wurde der Universitätsbetrieb wieder aufgenommen, d.h. Luthers Erbe konnte weitergepflegt werden. Aber: Der Kaiser erlegte den Protestanten das Augsburger Interim auf, was eigentlich Rekatholisierung hieß. Aber selbst Kurfürst Moritz hielt das für undurchführbar. Erreicht wurde eine Abschwächung.

Gleichwohl war das in theologischer Hinsicht ein tiefer Einschnitt in die lutherischen Reformen. Es folgte von den Gnesio-Lutheranern (von griechisch "gnesios" = echt), wie sie genannt wurden, der Vorwurf an die Wittenberger, Luther und die Reformation verraten zu haben. Bugenhagen verlor so gegen Ende seines Lebens viele seiner einstigen Mitstreiter und Anhänger.

Ein starker Trost war, dass Kurfürst Moritz durch seinen Kriegszug gegen den Kaiser mit dem Passauer Vertrag die Lage des Protestantismus verbesserte. Das war die Wendung. Die Interimspolitik war vorbei.

Trotzdem: Angesichts der Schwächung im Alter, der drohenden Gefahr durch die Türken, des Konzils von Trient und der Gefahr des Bürgerkriegs in Deutschland verfiel Bugenhagen in eine melancholische und apokalyptische Stimmung. 1558, zwölf Jahre nach Luther, starb Johannes Bugenhagen. Melanchthon hielt die Grabrede.

Was noch zu sehen ist

Was ist von den dramatischen Jahren für den heutigen Besucher noch zu sehen? Der Grabstein Bugenhagens befindet sich in der Wittenberger Stadtkirche. Auch ist er auf dem dortigen Cranach-Altar auf dem rechter Flügel kniend abgebildet. An seinem früheren Wohnhaus am Kirchplatz 9, dem Bugenhagen-Haus, wurde 1858 ein Schild angebracht. 1894 wurde auf dem Kirchplatz ein von Gerhard Janensch geschaffenes Denkmal für ihn aufgestellt. In der Schlosskirche steht eine Bugenhagen-Statue. Und eine Straße in Wittenberg ist nach ihm benannt.

Der 20. April ist der evangelische Gedenktag an Johannes Bugenhagen. Die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche verleiht jedes Jahr die Bugenhagen-Medaille. In Norddeutschland findet man viele Bugenhagen-Kirchen.

Buchtipps: Hermann Wolfgang Beyer: Johannes Bugenhagens Leben und Wirken, 2. Auflage, 1947

Norbert Buske: Johannes Bugenhagen. Sein Leben. Seine Zeit. Seine Wirkungen, Schwerin 2010

Irmfried Garbe und Heinrich Kröger (Hrsg.): Johannes Bugenhagen (1485–1558). Der Bischof der Reformation, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2010

Hans-Günter Leder: Johannes Bugenhagen Pomeranus - Vom Reformer zum Reformator. Studien zur Biographie (Greifswalder theologische Forschungen 4), Hrsg. Volker Gummelt, 2002