Hintergrund (1/2) Menschen mit Behinderungen: Bei der Corona-Impfung übergangen

Viele Schwerkranke und Menschen mit Behinderungen haben "ein sehr hohes Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf" bei Covid-19, wie es in den aktuellen Impfverordnungen heißt. Das ist seit dem vergangenen Jahr bekannt. Trotzdem sind diese Menschen, darunter viele Kinder und Jugendliche, nicht in die Impfgruppe mit höchster Priorisierung aufgenommen worden.

Geistige Behinderung
Viele Familien mit gefährdeten Kindern warten auf eine Impfung. Bildrechte: dpa

Menschen mit Behinderungen oder schweren Erkrankungen sollen erst in der dritten Gruppe gegen das Coronavirus geimpft werden. "Die Impf-Empfehlungen sind schon vor längerer Zeit von der Bundesregierung in Auftrag gegeben worden. Dafür haben das Robert Koch-Institut, die Ethikkommission und die Forscher der Leopoldina geprüft: Welche Zahlen gibt es aus den letzten Monaten zu schweren Verläufen bei Corona?", sagt Marcel Globisch vom Deutschen Kinderhospizverein.

Zu Hause zu gut geschützt?

Hohe Todeszahlen gab es vor allem bei Menschen über 80 Jahre, aber nicht bei Kindern mit einer Behinderung oder Menschen mit schweren Krankheiten. Die Mehrheit lebt nicht in Heimen, sondern lebt mit Hilfe oder wird von der Familie zu Hause betreut. Viele Betroffene und Familien mit gefährdeten Kindern haben sich seit März 2020 so weit wie möglich isoliert. Sie treffen nur noch ganz wenige Menschen aus der Familie oder dem Freundeskreis und achten strikt auf Hygieneregeln und Masken, um das Ansteckungsrisiko gering zu halten.

"Sie haben damit auch dafür gesorgt, dass es beispielsweise wenige junge Menschen mit lebensverkürzenden Krankheiten gegeben hat, die sich mit dem Virus infiziert haben", sagt Marcel Globisch. So kamen zu Hause lebende Menschen mit schweren Behinderungen und Krankheiten nicht in der Berechnung vor.

Markus Walloschek ist einfach zum Impfzentrum gefahren

Der 50-Jährige aus Erfurt hatte das Warten irgendwann satt. "Ich bin einfach zum Impfzentrum gefahren und habe einen Sicherheitsmann von der Feuerwehr am Einlass angesprochen. Ich habe ihm gesagt, ich gehöre zur Risikogruppe. Und er kam dann mit einem Buch, in das ich mich mit meiner Handynummer eintragen konnte."

Seit fast einem Jahr ist Markus Walloschek wegen der Coronavirus-Pandemie schon zu Hause: Die Allianz-Versicherung hat ihn freigestellt und zahlt seinen Lohn weiter. Markus Walloschek hat durch seine Kleinwüchsigkeit ein viel geringeres Lungenvolumen als andere. Schon bei einer Erkältung muss er aufpassen. Während der Corona-Pandemie hatte er das Gefühl, die Politik habe ihn schlicht vergessen. Schutzausrüstung und Masken habe er nicht bekommen. Dass er als Härtefall ein Attest für die Impfung braucht, findet er schade: "Menschen mit Behinderung müssen sich eh schon nackig machen, wenn sie Assistenzleistungen brauchen, um am Leben teilhaben zu können. Wenn man sich für alles rechtfertigen muss, vergeht einem manchmal auch die Lust auf den nächsten Antrag."

Doch er hatte Glück: Sein Handy klingelte, kurz nachdem er vom Impfzentrum zurück war. Zwei Tage später hatte er seinen Impftermin. Die Impfung mit Astrazeneca hat Markus Walloschek ohne Nebenwirkungen überstanden.

Unklar, wie viele Menschen vorrangig geimpft werden können

Im Dezember 2020 wiesen Kinderhospizvereine und Behindertenverbände auf den Missstand hin. Die Ständige Impfkommission (STIKO) änderte Ende Januar 2021 ihre Impfverordnung, die Bundesländer zogen im Februar nach. Seit der Aktualisierung können in der zweiten Gruppe mit "hoher Priorität" auch Menschen mit Vorerkrankungen geimpft werden. Auch zwei ihrer engen Kontaktpersonen haben Anrecht auf einen Impftermin.

Wie viele Menschen das betrifft und wie viel Impfstoff eingeplant werden muss, konnten das Robert Koch-Institut (RKI) und die zuständigen Ministerien in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen dem MDR nicht sagen.

Nach Berechnungen des Kinderhospizvereins leben in Mitteldeutschland allein rund 5.000 Kinder und Jugendliche mit einer lebensverkürzenden Erkrankung wie Krebs oder Muskelschwund. Die Familien müssen sich größtenteils selbst darum bemühen, bald einen Impftermin zu bekommen.

Christine Wagner-Behrendt: "Wer versorgt das Kind, wenn die Eltern erkranken?"

Am Telefon hört man Christine Wagner-Behrendts Stimme den Schreck noch an. Am Morgen sollte eine neue Pflegerin für ihren Sohn Jascha eingearbeitet werden. "Der Corona-Test der Frau war positiv. Zum Glück hatte eine andere Mitarbeiterin den Schnelltest bei ihr gemacht. Die Frau war völlig verstört. Ihr erster Arbeitstag. Und sie hatte überhaupt keine Symptome", erzählt sie.

Ihr Sohn Jascha muss nach einem Fahrradunfall als Kind rund um die Uhr beatmet werden. Insgesamt 13 Mitarbeiter teilen sich die Pflege. Die hätten Christiane Wagner-Behrendt und ihr Mann allein stemmen müssen, wenn sich die Pfleger mit Corona infiziert hätten. Diese Sorge kam zur Angst um Jascha noch dazu. Und sie teilt diese Sorge mit den Familien, um die sich ihr Verein "IntensivLeben" kümmert: "Wir haben auch Familien im Verein, deren Kinder nicht beatmet werden. Aber die Kinder brauchen trotzdem viel Pflege. Die Familien sind komplett allein und haben natürlich Angst: Wer versorgt das Kind, wenn sie jetzt erkranken?"

Die Mutter aus Kassel hat in den letzten Wochen viel Zeit damit verbracht, sich einen Überblick über die Regeln für das Impfen von Härtefällen zu verschaffen. Und herauszufinden, wer genau die dafür nötigen Atteste wirklich ausstellt. Sie sagt: "Das Problem dabei ist: Das ändert sich täglich!"

Impfstoffe für Jüngere?

Dazu kommt, dass die Covid-19-Impfstoffe von Astrazeneca und Moderna nur für Menschen ab 18 Jahre bedingt zugelassen sind. Beim Impfstoff von Biontech ist 16 Jahre die untere Altersgrenze. Damit können Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung oder einer schweren Krankheit aktuell nur indirekt geschützt werden. Ihre Eltern, andere Familienangehörige oder Pfleger lassen sich impfen. So bleibt aber ein Restrisiko. Geschwisterkinder könnten sich im Kindergarten oder in der Schule anstecken.

Daher wird aktuell unter Medizinern, in betroffenen Familien und Behindertenverbänden darüber diskutiert, Jüngere mit Vorerkrankungen trotz Altersgrenze zu impfen. Das wird als "Off-Label-Use" bezeichnet. Eine generelle Empfehlung dazu gibt es vom Bundesgesundheitsministerium nicht.

"Die ärztliche Anwendung außerhalb des genehmigten Anwendungsgebiets ist allein vom behandelnden Arzt beziehungsweise der behandelnden Ärztin unter sorgfältiger Abwägung des individuellen Nutzen-Risiko-Verhältnisses für den Patienten zu beurteilen", schreibt ein Ministeriumssprecher dem MDR. Die Hersteller seien im Rahmen der EU-Zulassung verpflichtet, zu prüfen, ob ihre Impfstoffe auch für Kinder und Jugendliche geeignet sind. Die Studien hätten teilweise bereits begonnen. Noch sei aber völlig offen, wann erste Ergebnisse kommen. Das Warten geht also weiter.

Anwalt Marian Lamprecht vertritt Eltern beim Kampf um schnelle Impfung

Wer im Netz mit Begriffen wie "schneller Impfen", "Behinderung" und "Vorerkrankung" sucht, landet schnell bei Marian Lamprecht. Die Kanzlei des Verwaltungsrechtlers in Berlin vertritt aktuell rund 20 bis 30 Fälle, in denen Eltern auf frühere Impfung für sich klagen. Oder, trotz der strikten Altersregeln, für ihre Kinder eine Impfung wollen. Marian Lamprecht: "Wir schreiben dann in der Regel das zuständige Ministerium und das Gesundheitsamt an, auch wenn die Mandanten es schon selbst versucht haben. Wenn sich dann nichts tut, leiten wir ein gerichtliches Eilverfahren ein", meint der Jurist.

Marian Lamprecht sagt, ihm fehle das Verständnis dafür, warum stark gefährdete Menschen mit Behinderungen oder schweren Krankheiten so lange auf die wichtige Impfung warten müssten: "Ich verstehe wirklich nicht, warum man nicht die vorzieht, die in so einer extremen Situation sind. Egal, ob man sie mit übrig gebliebenen Impfstoffen versorgt oder in der Liste vorzieht. Das wäre nach der entsprechenden Verordnung sogar möglich."

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