Reportage Warum die Kirche von Klein Chüden ins Museum zieht

Seit Jahrhunderten ist sie prägend im Ort: die Kirche. Doch was ist zu tun, wenn kaum noch Menschen dort wohnen, davon weniger als eine Handvoll Christen? Wenn seit etlichen Jahren keinen Gottesdienst mehr gab. Muss dann die Kirche aufgegeben werden? Diese Fragen sind sicher kein Einzelfall – in Klein Chüden bei Salzwedel ist die Kirche im März entwidmet worden. Weil für sie eine neue Geschichte beginnt, sind Wehmut und Freude recht nah beieinander. Doreen Jonas berichtet.

Zum letzten Mal rufen die Glocken zum Gottesdienst in Klein Chüden bei Salzwedel. Und dieses Mal reicht der Platz in dem kleinen Fachwerk-Kirchlein nicht aus, rund 120 Besucher sind gekommen, die Hälfte steht draußen.  Es ist ein Abschied. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es eine Kirche in Klein Chüden, roter Backstein zwischen dunklen Fachwerkbalken.

Mann läutet die Glocke an einer Backstein-Kirche, Menschen schauen ihm zu.
Letztes Geläut Bildrechte: MDR/Doreen Jonas

Kleine Fensterchen, ohne Kirchturm, ohne Strom. Die Glocke wird per Hand geläutet. Unter anderem von Jörg Heimes, auch wenn er kein Kirchenmitglied mehr ist Er wohn gleich nebenan: "Sie wird mir fehlen. Ich finde, sie gehört zum Dorf dazu. Aus meinem Bett schaue ich auf diese Kirche. Wenn der Platz dann leer ist, also ich bedauere es sehr,", sagt er. Seit einigen Jahren wohnt Heimes in Klein Chüden, an einen Gottesdienst kann er sich nicht erinnern. Zehn Einwohner hat das Straßendorf, vier davon sind Mitglied der evangelischen Kirche, zu wenig, um die Kirche auf Dauer zu tragen.

Die Entwidmung als formeller Akt

Besucher der Dorfkirche Klein Chüden beim Gottesdienst.
Bildrechte: MDR/Doreen Jonas

Nun folgt die Entwidmung. Am Ende ist es ein formeller Akt. Die Urkunde wird verlesen, der Schlüssel übergeben. Matthias Heinrich, Superintendent des Kirchenkreises Salzwedel, sagt, es sei keine leichte Entscheidung gewesen. Die Altmark ist deutschlandweit eine der kirchenreichsten Regionen. Doch die Zahl der Einwohner – und damit die der Christen – nimmt ab. So gebe es so viele Kirchen, "dass wir sie nicht regelmäßig nutzen können." In der Verwaltung werde überlegt, ein Gebäudekataster sei erstellt worden. "Wir überlegen, was wir mit den Kirchen machen können. Wir überlegen mit den Gemeinden, was dort für Veranstaltungen stattfinden können." Doch dann gebe es eben Kirchen wie in Klein Chüden, in denen seit vielen Jahren weder Gottesdienst noch Veranstaltung stattfinden.

Die Zukunft im Museum

Backsteinkirche mit einer Glocke auf einer Wiese mit Baum
Seit dem 14. Jahrhundert stand sie in Klein Chüden. Bildrechte: MDR/Doreen Jonas

Eine Anfrage aus dem Museum Diesdorf brachte die Lösung. Dorf befinden sich ganze Bauernhöfe, die in der Altmark ab- und im Museum wieder aufgebaut wurden. Eigentlich sollte kein weiteres Gebäude hinzukommen, doch für eine Kirche, für die aus Klein Chüden, ist noch Platz. Und weil die Kirche eine Zukunft an anderer Stelle hat, überwiegt beim Superintendenten die Freude, auch wenn es sehr schmerzlich sei, eine Kirche aufgeben zu müssen: "Es hängt eine lange Tradition dran, Und wenn man später an dem Ort vorbeifährt und eine kleine Gedenktafel findet, wird man auch traurig sein. In diesem Fall steht die Freude im Vordergrund, dass die Kirche wiederaufgebaut weitergenutzt werden kann."

In Klein Chüden wird sie vielen fehlen. Paare wurden hier getraut, Kinder getauft. Auch Lothar Steffen. Nach dem Gottesdienst sind die vielen Besucher schnell verschwunden, er steht noch mit einigen anderen Dorfbewohnern zusammen. Auf die Frage, wie er auf den Abschied blickt, sagt er: "Traurig und auch mit einem zuversichtlichen Auge. Wir haben ja gehört, dass sie wiederaufgebaut wird, dass wir sie noch sehen können. Ist so schöner, als wenn ich jeden Tag an einer Ruine vorbeifahren würde zur Arbeit. Ist ja so, seien wir mal ehrlich. Gut, es fehlt was, wird ein Loch sein hier."

Der Verlust für die Leute im Dorf

Es ist ein Stück Heimat, das nicht mehr da ist. Und das in doppelter Hinsicht. Denn auch die Glocke wird mit umziehen – und die hat nochmal ihre eigene Geschichte. Es ist die Glocke der Kirche von Jahrsau, einem Nachbardorf, das die DDR-Oberen 1970 wegen seiner Nähe zur innerdeutschen Grenze vollkommen zerstört hatten. Gegen Ende des Gottesdienstes ergreift Waltraud Hempel das Wort, sie ringt um Fassung bei dem Gedanken, dass ihre Kirche bald nicht mehr da sein wird. Ihre Kirche, sagt sie, obwohl sie kein Mitglied ist. Sie sagt, für sie sei die Kirche ein Kulturdenkmal, das ihr fehlen wird. Für sie war die Kirche ein Ort, dem sie "manchmal nur durch Blicke, innere Gedanken anvertrauen konnte, wie es mir geht, wie ich mich fühle". Sie habe sich dort "erinnert an die Vorfahren meines Mannes, die ja hier gelebt haben. Ich habe mich erinnert, wie es dieser Kirche ging, als die gebaut wurde. Wie es den Menschen ging, die hier gelebt haben."

Im Laufe dieses Jahres wird die Kirche nach Diesdorf umziehen. Für die Klein Chüdener ist jetzt schon klar, sie werden demnächst öfter ins Freilichtmuseum fahren.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. März 2019 | 09:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. April 2019, 15:57 Uhr

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