Zum Tod von Kardinal Adolf Bertram vor 75 Jahren Der umstrittene Kardinal

Er war einer der prägenden deutschen Katholiken im 20. Jahrhundert: Kardinal Adolf Bertram, Fürsterzbischof von Breslau, Vorsitzender der Bischofskonferenz bis zu seinem Tod am 6. Juli 1945, vor 75 Jahren. Den einen galt er als die Seele Schlesien, den anderen als brauner Kardinal, der Hitler bis zum Schluss die Treue hielt. Michael Hollenbach über einen umstrittenen Kirchenmann.

Adolf Kardinal Bertram, Fürsterzbischof von Breslau
Kardinal Adolf Bertram Bildrechte: imago/Arkivi

Adolf Bertram, der 1859 in Hildesheim zur Welt kam, erlebte als Bischof drei Staatsformen: die Monarchie, die Demokratie der Weimarer Republik und den Faschismus. Bertram versuchte, mit allen Regenten gut zu kooperieren. Sein Credo:

Die Obrigkeit kommt von Gott und dann ist es egal, ob es ein protestantischer Kaiser ist, ein sozialdemokratischer Reichspräsident wie Friedrich Ebert, oder ein Nationalsozialist, der Führer der Partei, der aber Reichskanzler Adolf Hitler ist. Auch dem schuldet Bertram diese Untertanentreue.

Sascha Hinkel, Kirchenhistoriker

Von 1919 bis 1945 – als auch während des Nationalsozialismus -  bestimmt Kardinal Bertram als Vorsitzender der Bischofskonferenz die katholische Kirchenpolitik in Deutschland.

Priorität für Bertram hatte die katholische Kirche. Es ging ihm darum, die vitalen Interessen der katholischen Kirche […] zu schützen. Und was ist das: Aufrechterhaltung der kirchlichen Institutionen, um Seelsorge zu gewährleisten.

Sascha Hinkel, Kirchenhistoriker

Dass die Juden – so die heutige Sichtweise der Kirchen - eigentlich Geschwister im Glauben sind, das sah Bertram anders. Die Juden können für sich selbst sorgen, die jüdischen Institutionen seien für die Juden zuständig, so sein Credo

Es bestehe kein Zweifel daran, dass der Kardinal wusste, dass Jüdinnen und Juden im östlich von Breslau gelegenen Auschwitz ermordet wurden, sagt Thomas Scharf-Wrede, Leiter des Bistumsarchivs Hildesheim.

Natürlich hat Adolf Bertram direkt auch gesehen, dass Juden verfolgt, zusammengetrieben und in Vernichtungslager transportiert worden sind. Ein Sammellager war direkt vor seinem bischöflichen Haus, was natürlich auch eine politische Aussage seitens des Staates war: Wir zeigen dir, was wir hier gerade machen. Das hat er wahrgenommen.

Thomas Scharf-Wrede, Leiter des Bistumsarchivs Hildesheim

Adolf Bertram war ein Mann der stillen Diplomatie. Er sah, dass die nationalsozialistischen Repressionen auch gegen die Katholiken immer mehr zunahmen, aber er setzte auf die Eingabe-Politik. Höfliche Schreiben an das Kirchenministerium, später auch an Hitler – ohne jeglichen Erfolg.

1940 gratuliert Bertram im Namen der Bischofskonferenz Hitler zum Geburtstag – sehr zum Ärger einiger Bischofskollegen wie des Berliner Oberhirten Konrad Graf von Preysing. Bei dem nächsten Treffen der Bischofskonferenz kritisieren sie Bertrams Vorgehen; doch der damals 81-Jährige verlässt einfach den Sitzungssaal:

Am nächsten Morgen nimmt Bertram wieder seinen Platz ein, fragt, ob es noch etwas zu diskutieren gibt. Kein Bischof meldet sich.[…] Die Bischöfe trauen sich nicht, ihn in dem Moment zu stürzen, tragen damit eine hohe Mitverantwortung, dass es mit der Eingabepolitik weiter geht bis 1945.

Sascha Hinkel, Kirchenhistoriker

Als Adolf Bertram am 20. Juli 1944 zunächst davon ausgeht, Hitler sei bei dem Attentat ums Leben gekommen, ordnet er offenbar ein Requiem für den Führer an. Ein Beleg, wie treu er bis zum Schluss hinter Hitler stand.

Adolf Bertram, der unmittelbar nach Kriegsende, am 6. Juli 1945, starb, war ein umstrittener Kardinal. Seine diplomatische Eingabepolitik verlief im Sand – unbemerkt auch vom katholischen Kirchenvolk. Als Kind seiner Zeit wagte er nicht, der Obrigkeit – auch nicht einer mörderisch agierenden wie den Nationalsozialisten – irgendetwas öffentlich entgegenzusetzen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 05. Juli 2020 | 08:45 Uhr