Amtseinführung Akiva Weingarten – der neue Rabbiner für Dresden

Die jüdische Gemeinde Dresden mit ihren 700 Mitgliedern hat einen neuen Rabbiner. Mit der Entscheidung, das Amt Akiva Weingarten zu übergeben, hat sich der Vorstand auch zur liberalen Tradition bekannt. Mehrfach hat Akiva Weingarten bei Gottesdiensten vorgebetet und hat mit seinem Wissen und Können überzeugt. Dabei ist er für einen Rabbiner noch sehr jung. Und er hat eine ungewöhnliche Lebensgeschichte zu erzählen, die eigentlich ganz anders verlaufen sollte. Wolfram Nagel berichtet.

Rabbiner Akiva Weingarten wuchs in einer ultra-orthodoxen Gemeinschaft mitten in New York auf. Die verschlossene Welt der Satmarer Chassiden ist streng auf das Studium von Tora und Talmud ausgerichtet. Die Umgangssprache der Satmarer Juden ist Jiddisch, die Muttersprache des jungen Rabbiners. Seine Vorfahren väterlicherseits stammen aus Ungarn, mütterlicherseits aus Litauen.

Komischerweise, obwohl ich in New York aufgewachsen bin, musste ich Englisch erst viel später lernen. Bei uns in der Schule gab es nur eine Stunde pro Tag, wo wir überhaupt kein religiöses Studium hatten. Ein bisschen Geschichte und Mathe. Sonst gab es gar nichts. Zu Hause haben wir nur Jiddisch gesprochen. Ich habe English erst gelernt, als ich viel älter war.

Akiva Weingarten

Die Satmarer Chassidim verschließen sich nicht nur der modernen Welt. Sie lehnen auch den Staat Israel ab, aus religiösen Gründen: "Das ist eine Chassidud von ungefähr 20.000, 25.000 Familien. Das bedeutet, dass es ungefähr 100.000 Leute gibt, die leben in New York, in London oder Antwerpen, in Israel oder Australien, überall." 

Gegen die Erwartung

Wie das Leben der Satmarer in New York abläuft, hat die in Berlin lebende Aussteigerin Deborah Feldmann in ihrem Buch "Unorthodox" beschrieben. Wie sie wurde auch Akiva Weingarten sehr jung verheiratet. Ihn erwartete ein Leben mit vielen Kindern und religiöser Pflichterfüllung.  

Ich wurde schon mit 19 verlobt, mit 20 verheiratet, und mit 22 hatte ich schon zwei Kinder, ein Kind kam später. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Erst als ich älter wurde, hat es bei mir angefangen, dass ich mir Fragen stellte. Wenn man langsam anfängt zu erkennen, dass die Geschichte, die uns erzählt wurde, nicht genau so war.

Akiva Weingarten

Zuletzt lebte Akiva mit Frau und Kindern in einem ultraorthodoxen Viertel in Israel, in einer 45-Quadratmeter-Wohnung. Dort in einer Jeshiva beendete er auch seine theologische Ausbildung als Rabbiner. Doch mit 29 Jahren ließ er sein bisheriges Leben hinter sich und ging nach Berlin, nach einem langen Prozess des Zweifelns und Suchens.  

Dabei war er mit einem sehr negativen Deutschlandbild aufgewachsen. Seine Familie sei anfangs schockiert gewesen, erzählt er. Im Unterschied zu anderen Aussteigern hätten seine Eltern jedoch nicht mit ihm gebrochen. Seine Mutter werde ihn bestimmt bald in Dresden besuchen, hofft er. Darauf freue er sich wirklich, denn das sei nicht selbstverständlich, von den Eltern Verständnis zu bekommen:

Meine Mutter hat sogar eine Gruppe in New York gegründet, mit den Eltern von Ausgestiegenen. Ziel ist es, den Eltern Mut und Kraft zu geben und mit den Kindern in Kontakt zu bleiben.  

Akiva Weingarten

In Deutschland wollte Akiva Weingartem mehr als nur Religion studieren. Doch ohne anerkanntes Abitur und deutsche Sprachkenntnisse war das nicht möglich. Also nahm er an einem Programm für Flüchtlinge an der Universität Potsdam teil.  

In meiner ersten Sprachschule an der Volkshochschule in Berlin, da hatten wir eine Gruppe: ein Christ aus Syrien, Muslime, Palästinenser aus Libanon. Wir haben uns sehr gut verstanden. Wir haben auch viel über Politik gesprochen. Das war alles o.k. Wir sind bis heute befreundet.

Akiva Weingarten

Ihm sei anfangs nicht klar gewesen, ob er Medizin, vielleicht sogar Kunst studieren sollte. Am Ende blieb er bei der Religion. Nebenbei malt und zeichnet er. Derzeit macht er noch seinen Bachelor-Abschluss am Abraham-Geiger-Kolleg der Universität Potsdam – die vor 20 Jahren gegründete Ausbildungsstätte für liberale jüdische Theologie.

Pendler zwischen den Welten

Zweimal im Monat betet Rabbiner Weingarten in Dresden vor, am Schabbat und wenn möglich auch am Sonntag. Er gibt gemeindlichen und schulischen Religionsunterricht, wird zu Beerdigungen gerufen, klärt religiöse Fragen im Alltag. Wichtig seien ihm vor allem die Kinder und Jugendlichen. 

Wir brauchen unsere Jugendlichen als lebendigen Teil von unserer Gemeinde, sonst haben wir in einigen Jahren keine Gemeinde mehr, nicht nur bei uns, in allen Gemeinden.  

Die Jugendlichen brauchten jedoch einen weltzugewandten Zugang zur jüdischen Religion, weiß Akiva Weingarten aus eigener Erfahrung. Dabei versucht er Tradition und Moderne zu verbinden. Ein Pendler zwischen den Welten, der außerdem noch gut singen kann.

Das haben wir schon bewiesen im liberalen Judentum, dass wir flexibel genug sind, das anzubieten. Man kann traditionell jüdisch sein, auch wenn man nicht religiös ist. Das zeigt die Realität, die wir heute haben. Die Mehrheit in unserem Volk ist nicht religiös, aber es sind trotzdem traditionelle Juden.

Akiva Weingarten

Viel Unterstützung erhält Akiva Weingarten von Alexander Nachama, der bis vor einem Jahr Rabbiner in Dresden war und dann Landesrabbiner von Thüringen wurde. Und er freut sich schon mit der Gemeinde auf die hohen jüdischen Feiertage Rosh Ha Shana, Jom Kippur und Sukkot, die schon bald beginnen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 08. September 2019 | 08:15 Uhr