Nachgefragt: Dr. Ingrid Ferse, Dresdner Suchtbeauftragte (2018) "Dazu gehört auch Mut"

Die Dresdner sollen 2016 den Blick auf ihre Süchte lenken - in einem Themenjahr. Nach der Voraufführung der MDR-Staffel "Der Trocken-Doc" Anfang November im Stadtmuseum sprachen wir dazu mit der Suchtbeauftragten der Stadt, Dr. Kristin Ferse.

Was kann eine Stadt wie Dresden tun, um riskanten Alkoholgenuss einzudämmen? Welche Maßnahmen sind einer Stadt möglich?

Es ist immer schwer für eine einzelne Stadt, alleine vorzupreschen. Dazu gehört auch Mut der Stadträte, nämlich etwas einzuschränken, was bundesweit nicht eingeschränkt ist. Ich denke, da ist es ein erster Schritt, dass wir in diesem "Themenjahr Sucht" in Dresden einerseits Veranstaltungen für die Bürger machen, andererseits haben wir tatsächlich schon einen Beschluss, dass es auf kommunalen Flächen in Zukunft  keine Alkohol- oder Tabakwerbung mehr geben soll, um eine Haltung zu zeigen. Es gibt viele Möglichkeiten. Wir kooperieren beispielsweise mit den Verkehrsbetrieben oder dem Zoo bei diesem Thema. Man muss kreativ sein, man braucht Partner und darf vor allem, denke ich, nie den Kampf gegen etwas führen, sondern immer für etwas. Ich glaube, das ist das Wichtigste bei der Sache.

Wenn Sie als Suchtbeauftragte mit offenen Augen durch den öffentliche Raum gehen. Gibt es da Dinge, die Sie ärgern?

Nicht nur als Suchtbeauftragte, sondern auch als Hobbyfotografin nehme ich vor allem die Unterschiede zwischen den Städten war. Also ich nehme wahr, dass in Dresden, aus meiner Perspektive, überproportional viele Menschen mit ihrem "Wege-Bier" unterwegs sind. Das konzentriert sich vielleicht auf die Dresdner Neustadt, aber nicht bloß dort, auch in Laubegast, wo ich wohne, kommt es ziemlich häufig vor. Genauso wie das Trinken an der Haltestelle. Das ärgert mich nicht persönlich, weil mir tut keiner was. Aber ich komme aus dem Bereich der Jugendhilfe und ich weiß, dass 60 Prozent der Fälle, in denen die Jugendhilfe Eltern unterstützen muss, den Hintergrund haben, dass Eltern zu viele Suchtmittel konsumieren.

Ich stelle mir immer vor, dass das Kind, das noch im Kinderwagen liegt, von einer Mutter oder einem Vater geschoben wird, in der einen Hand das Handy hat oder ein Bier. Das Kind ist noch klein und kriegt das nicht mit. Aber zu vermuten ist, dass es eben beim Abendbrot auch ein Bier gibt und bei jeder anderen Gelegenheit auch. Das ist, glaube ich, ein Problem. Das sagen auch unsere Studenten: In Heidelberg kommen nicht so viele Menschen auf die Idee, mit ihrem Bier einfach über die Straßenkreuzung zu gehen. Die trinken sicherlich auch, aber eben in der Gaststätte oder zu Hause. Und das ist ein ganz anderes Bild und so wachsen Kinder unterschiedlich auf. Sie gewöhnen sich an das, was in dem Umfeld, in dem sie aufwachsen, üblich ist. Das ist dann die Normalität. Dann muss ich nicht kommen und sagen: Du, das ist nicht normal, dass du hier um 16 Uhr mit dem Bier über die Louisenstraße läufst. Denn dort ist es normal.


Wie sieht es denn aus mit dem "Suchtverhalten" der Dresdner?

Also, es ist schon so, dass eine stationäre Krankenhausbehandlung in Folge Alkoholmissbrauchs als Diagnose an dritter Stelle auf der Liste steht, gleich nach Geburt von Kindern oder Unfällen kommt Alkoholkonsum. Das sagt schon viel. Ich denke, das Wissen, was ein risikoarmer Konsum ist, das ist gar nicht so verbreitet, aber nur dann, wenn ich Bescheid weiß. kann ich reflektieren, es geht weniger um "normal" oder "nicht normal", sondern um die Frage: Ist es gut oder nicht gut für mich. Und wenn ich feststelle: Eigentlich sollte ich zwei Tage gar nichts trinken und abends höchstens 0,1 cl, aber ich stelle fest, ich trinke schon die ganze Woche 0,2 cl, dann kann es sein, dass es viel weniger ist, als das, was meinr Freundin trinkt, aber trotzdem ist es nicht gut für mich.