Ein Mann sitzt allein in einem Fenster und schaut nach draußen.
Wie sich Suizide abwenden lassen, darüber informiert die "Woche für das Leben" der Kirche. Bildrechte: dpa

"Ein Thema, das zum Menschsein gehört" Suizid: Was Angehörige und Seelsorger sagen

Jährlich begehen in Deutschland rund 10.000 Menschen Suizid. Darauf aufmerksam machen jetzt die Kirchen mit der "Woche für das Leben", die am Sonnabend eröffnet wird. Unter dem Motto "Leben schützen. Menschen begleiten. Suizide verhindern" wollen sie zeigen, wie sich dieser letzte Akt der Verzweiflung abwenden lässt, auch indem ein offenes Gespräch über das Thema möglich wird. Dass jeder Suizid auch eine Ohnmachtserfahrung für Angehörige ist, zeigt die Reportage.

von Michael Hollenbach, MDR Religion & Gesellschaft

Ein Mann sitzt allein in einem Fenster und schaut nach draußen.
Wie sich Suizide abwenden lassen, darüber informiert die "Woche für das Leben" der Kirche. Bildrechte: dpa

Trotz aller Aufklärungen – der Suizid ist noch immer für viele ein Tabu. Astrid Roselieb hat ihren Bruder durch Suizid verloren und leitet eine Selbsthilfegruppe für Menschen, deren Angehörige oder Freunde sich selbst das Leben genommen haben. Viele von ihnen kennen die ablehnenden Reaktionen: "Da haben Leute die Straße gewechselt, weil man nichts mehr zu tun haben wollte. Es ist anders, als wenn jemand 'normal' gestorben ist." Für Angehörige und Freunde kommt der Suizid meist ohne Vorwarnung. Man rechne einfach nicht mit diesem dramatischen Schritt, meint Astrid Roselieb.

Ich stelle mir die Frage, wie sehr hat derjenige leiden müssen, dass das sein letzter Ausweg war.

Die Frage nach dem Warum bleibt

Doch die Antwort auf diese Frage nach dem Warum kann derjenige selber nicht mehr geben, alles bleibt Mutmaßung, sagt Michael Häussler, dessen bester Freund sich vor vier Jahren getötet hat. Zwar habe er gemerkt, dass es seinem Freund immer schlechter ging, aber letztlich habe er ihm nicht helfen können. Eine Erfahrung, die viele Angehörige und Freunde machen. Auch Joachim Wittchen, der als Notfallseelsorger mit Suizidgefährdeten und deren Angehörigen zu tun hat, weiß um die Schwierigkeit, zu jenen Menschen vorzudringen, die sich zum Suizid entschlossen haben. Sein Rat an Familie und Freunde:

Wir sagen: Wenn ihr meint, verdeckte Signale wahrzunehmen, muss man die Betroffenen darauf ansprechen. Es nützt überhaupt nichts, sie zu tabuisieren. Denn dann habe ich gar keine Möglichkeit mehr, den Betroffenen zu ermutigen, sich in eine psychologische Beratung zu begeben.

Hilfe suchen! * Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, oder jemanden kennen, der suizidgefährdet ist, suchen Sie Hilfe.

* Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.

* Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Auch ein Kontakt per Chat und E-Mail ist möglich.

Überproportional betroffen von Suiziden sind ältere Menschen und Männer. Die haben schlechtere soziale Netze und suchen sich seltener Hilfe, sagt Joachim Wittchen. 

Ein Thema, das zum Menschsein gehört

Allerdings sei Suizidalität ein Thema, das zum Menschsein dazu gehört.

Die Möglichkeit des Suizides tragen wir alle in uns; niemand von uns weiß, wie er in einer Lebensveränderungskrise reagiert.

Neue Position der Kirchen

Doch lange Zeit galt der Suizid den Kirchen als Todsünde. So wurden die so genannten Selbstmörder bis weit ins 20. Jahrhundert hinein nicht auf katholischen Friedhöfen bestattet, weil sie sich gegen Gott versündigt hätten. Mittlerweile blickt auch die katholische Kirche anders auf jene Menschen, die sich aus innerer Verzweiflung das Leben genommen haben, sagt der Moraltheologie Eberhard Schockenhoff: "Man muss eine Suizidhandlung als Auswirkung einer langen seelischen Erkrankung sehen. Das heißt nicht,  dass man die Handlung als solche billigt. Das ist im Rahmen einer christlichen Ethik in der Tat nicht möglich. Das Leben ist ein Geschenk, das man annimmt und das man zurückgibt, wenn es einem im Tod genommen wird."

Trotz dieser theologischen Ablehnung des Suizids – in der "Woche für das Leben" wollen die Kirchen mit zahlreichen Veranstaltungen darauf hinweisen, dass und wie man Menschen mit Suizidabsichten helfen kann. Seelsorger Joachim Wittlich wünscht sich, dass das Thema breitere gesellschaftliche Akzeptanz findet: "Ich kann mich erinnern, dass mich Angehörige gebeten haben, einen Suizid bei einer Trauerfeier nicht anzusprechen, obwohl es alle wussten.  Das zeugt davon, wie schambesetzt dieses Thema ist und da wünsche ich mir eine größere Sensibilität."

Denn jedes Aufbrechen der Tabuisierung und jedes offene Gespräch über Suizidabsichten könne möglichweise Leben retten. Daran möchte die ökumenische "Woche für das Leben" mit Gesprächs- und Informationsangeboten rühren.

Telefonseelsorge & Selbsthilfegruppen In Deutschland gibt es 104 Telefonseelsorgestellen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit anonym Beratung am Telefon anbieten. Unter der bundeseinheitlichen Telefonnummer 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222 kann kostenlos angerufen werden.

Unter der Rufnummer 0800-111 0 333 finden sich bundesweit Beratungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche, überwiegend vom Deutschen Kinderschutzbund.

Informationen über Selbsthilfegruppen erhält man über die Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) unter der Rufnummer: 030 / 89 140 19.

In jeder Gemeinde gibt es Sozialpsychiatrische Dienste, die Menschen in psychischen Krisen und bei psychiatrischer Erkrankung Beratung bieten und weitere Hilfen vermitteln. Meistens sind die Sozialpsychiatrischen Dienste bei den Gesundheitsämtern angesiedelt. In jedem Fall erfährt man die Adresse und Telefonnummer des nächsten Dienstes über die Gemeindeämter.

Für Kinder, Jugendliche und Eltern gibt es bei akuten Krisen Hilfe über Beratungsstellen der Jugendämter, Erziehungsberatungsstellen und Ehe-, Familien-, Lebensberatungsstellen in den Gemeinden.

Der Beratungsführer online von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung e.V. (DAJEB) listet mit einem guten Suchsystem unter www.dajeb.de ca. 12.000 Beratungsangebote auf.

Jede psychiatrische Klinik bietet stationäre Hilfe für Menschen, die einen stationären Hilferahmen benötigen. Nach einem Suizidversuch ist ohnehin immer die nächste Rettungsstation eines Krankenhauses aufzusuchen. Rettungsdienst über Notfallnummer rufen.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Mai 2019 | 09:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Mai 2019, 17:14 Uhr