Interview Impfpflicht: Arbeitgeberverband Pflege sieht keine Kündigungswelle

Ab 16. März gilt die einrichtungsbezogene Impfpflicht in der Pflege. Danach könnten die Gesundheitsämter ein Tätigkeits- und Betretungsverbot für nicht vollständig geimpfte Beschäftigte verhängen. Der Termin rückt näher, für eine vollständige Impfung mit mRNA-Impfstoffen wird es knapp – und wer stattdessen auf den proteinbasierten Novavax-Impfstoff warten will: der wird erst ab 21. Februar ausgeliefert. Der Arbeitgeberverband Pflege rechnet trotz alledem nicht mit einer Kündigungswelle, wie Geschäftsführerin Isabell Halletz erklärt. Der Verband vertritt die großen privaten Unternehmen in der Pflege.

Eine Pflegerin und eine Bewohnerin des Pflegeheims schauen zusammen aus einem Fenster eines Pflegeheims.
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MDR KULTUR: Rechnen Sie mit vielen Kündigungen?

Isabell Halletz, Arbeitgeberverband Pflege (AGVP): Wir rechnen nicht mit vielen Kündigungen, jedenfalls nicht von den Pflegekräften. Da haben wir wirklich eine sehr hohe Impfquote von 90 Prozent und mehr. Das liegt unter anderem daran, dass die Pflegekräfte zu Beginn 2021 zu den ersten gehörten, die überhaupt Impfungen erhalten haben. Anders sieht es tatsächlich bei den Beschäftigten aus, die nicht in der Pflege direkt tätig sind, sondern beispielsweise in der Verwaltung, bei Reinigungs- oder Küchenpersonal. Auch auf sie trifft diese einrichtungsbezogene Impfpflicht zu.

Was halten Sie als Verband von der zugespitzten Position des Bundesgesundheitsministers Karl Lauterbach, radikale Impfgegner seien grundsätzlich nicht für den Pflegeberuf geeignet?

Diese Position unterstützen wir nicht. Es gibt sehr unterschiedliche Gründe, warum Personen sich nicht impfen lassen wollen. Wir setzen deswegen auch nochmal große Hoffnung in den neuen Impfstoff Novavax, der ja Ende Februar ausgeliefert wird. Da wurde uns zugesagt, dass sich in der Pflege Arbeitende damit bevorzugt impfen lassen könnten.

Stichwort: Novavax

Das Vakzin Nuvaxovid des US-Herstellers Novavax soll ab dem 21. Februar zur Verfügung stehen.
Es handelt sich um einen sogenannten proteinbasierten Impfstoff mit Virusantigen.
Es könnte interessant sein für Menschen, die die mRNA- und Vektorimpfstoffe ablehnen, weil sie auf Gentechnik basieren.
Allerdings bietet auch Novavax keinen Totimpfstoff im eigentlichen Sinne.
Denn das Vakzin enthält keine abgetöteten Bestandteile, die aus dem Coronavirus gewonnen werden, sondern gentechnisch hergestellte Virus-Proteine.

Sie haben aber auch die Position vertreten, dass den Pflegebonus am Ende des Jahres nur Geimpfte bekommen sollten in ihren Unternehmen.

Das war für uns ein Diskussions-Anschub, weil wir uns geärgert haben, dass die Bonusregelung aus dem Gesetz, welches dann im Dezember letzten Jahres beschlossen wurde, wieder hinausgefallen ist. Wir wollten die Thematik einfach weiter oben halten. Wenn die Impfpflicht jetzt gekoppelt wird an den Pflegebonus, dann gehen wir eben davon aus, dass überwiegend auch diejenigen, die dann geimpft sind, den Bonus erhalten. Letztendlich ist es natürlich wichtig, wenn rückwirkend gezahlt werden sollte, dass all diejenigen, die beschäftigt waren, auch davon profitieren.

Sie sprechen ja für die großen privaten Pflege-Unternehmen. Was haben Sie unternommen, um ihre Pflege-Kräfte von der Impfung zu überzeugen, wenn Sie jetzt also tatsächlich diese 90 Prozent, von denen Sie sprachen, erreicht haben?

Die Leitungskräfte haben viele Aufklärungsgespräche geführt. Wir haben beispielsweise auch mit dem Impfstoffhersteller Pfizer zusammen digitale Fragerunden organisiert, wo Ängste und Sorgen direkt mit den Fachleuten besprochen werden konnten. Wir haben regelmäßig Informationen vom Robert-Koch-Institut übermittelt. Es wurden aber auch verschiedene Aktionen durchgeführt, die Impfung beispielsweise an Boni gekoppelt. Es gab Prämien für diejenigen, die sich impfen lassen haben. Es gab kleine Wettbewerbe in Einrichtungen, wo kleine Ausflüge organisiert wurden, wenn eine bestimmte Quote erreicht wurde – oder es gab eben einen Eierlikör.

Sie sagen, die Impflücke besteht vor allem in den Bereichen, die mit der direkten Pflege nicht so viel zu tun haben: Verwaltung, Hauswirtschaft, Küche. Was ist da mit Ihrer Verantwortung als Anbieter in der Pflege, um Bewohnerinnen und Bewohner maximal zu schützen?

Seit der Pandemie gibt es für alle, egal ob geimpft oder ungeimpft, sehr strikte Hygiene-Vorgaben und Schutzvorkehrungen. Dazu gehört es, Masken und Schutzkleidung zu tragen, das sind auch psychische Herausforderungen für die Pflege. Die Mitarbeitenden tun alles, um diejenigen, die sie versorgen, die sehr schwer krank sind, zu schützen. Wir sehen die Herausforderung eher bei denjenigen, die beispielsweise ihre Pflegebedürftigen besuchen. Da gilt ja keine Impfpflicht. Wie appellieren auch immer wieder an die Besucher: Lasst euch auch impfen! Zur Sicherheit beigetragen haben natürlich die täglichen Testungen.

Wenn ich Ihnen so zuhöre, habe ich das Gefühl, bei den privaten Pflegeanbietern herrscht so ein bisschen heile Welt. Sie vertreten die privaten Arbeitgeber, insbesondere Pflegekonzerne. Sie stehen für die Ökonomisierung der Pflege. Sie sind gegen einen Flächentarif-Vertrag, Sie liegen mit der Gewerkschaft verdi im Dauerstreit. Haben denn die Arbeitgeber in der Pflege nicht auch einiges zu der Situation beigetragen, dass so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pflege eher unzufrieden sind?

Das hat wahrscheinlich auch sehr mit der Gesetzgebung zu tun. Wir hatten in den letzten Jahren eine unglaubliche Leistungsausweitung. Das ist auf der einen Seite gut, weil die Pflegebedürftigen mehr Geldleistungen von den Pflegekassen bekommen, um adäquat versorgt zu werden. Auf der anderen Seite konnten wir gar nicht das Personal ausbilden, was parallel dazu benötigt wird.

Wir haben einen deutlichen Anstieg von Pflegebedürftigen durch die Ausweitung der Leistungsberechtigung. Danach sind nun beispielsweise auch Demenz-Kranke inbegriffen, so dass wir von einem Tag auf den anderen knapp 250.000 zusätzliche Pflegebedürftige haben.

Nichtsdestotrotz hatten wir im letzten Jahr trotz der Pandemie deutlich höhere Lohnsteigerungen als in allen anderen Branchen. Das hat das Statistische Bundesamt belegt. So unattraktiv ist der Beruf nicht mehr. Aber wir haben zu wenig Personal, um den Arbeitsalltag familienkompatibel zu gestalten und Entlastung schaffen zu können. Wir müssen aus- und weiterbilden und auch Pflegekräfte aus dem Ausland gewinnen, um diesen Personalmangel weiter begegnen zu können.

Das Gespräch führte Carsten Tesch, MDR KULTUR.

Debatte um Impfpflicht in Gesundheitswesen und Altenpflege

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Februar 2022 | 08:10 Uhr