Inklusion Wie um das "Hilfsmittel Hund" gestritten wird

Für Menschen mit Behinderung sind sie Partner auf vier Pfoten. Doch nicht alle können sich die teuren tierischen Helfer leisten. Anschaffung, Ausbildung und Unterhalt kosten im Laufe eines Assistenzhundlebens zehntausende Euro. Und die Krankenkassen entscheiden nach ihren Kategorien über das "Hilfsmittel", unterstützt werden bisher nur Blindenführhunde. Nicht die einzige Barriere ...

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Partner auf vier Pfoten Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über zehn Millionen Hundehalterinnen und- halter gibt es in Deutschland. Manche der Vierbeiner können viel mehr als Sitz und Platz. Als Diabetes- oder Epilepsiewarnhund, als Autismusbegleithund oder Blindenführhund können sie Leben retten, vor Gefahren warnen, den richtigen Weg weisen und – weniger spektakulär, aber genauso wichtig – ihren Besitzerinnen und Besitzern ganz praktisch Hilfe im Alltag leisten.

Was Pluto kann

Was Assistenzhunde können
Angela Beyer und Trainerin Kerstin Gehrke vom Verein Hunde für Handicaps e.V. im Gespräch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Angela Beyer, die im Rollstuhl sitzt, sieht in ihrem Hund denn auch einen "Partner auf vier Pfoten", der anscheinend immer gute Laune hat: "Also Pluto kann den Fahrstuhlknopf drücken, Türen schließen oder das Telefon holen. Besonders oft fällt mir was runter, und das kann er dann aufheben. Eine Hilfsperson wäre nach dem dritten Mal vielleicht angenervt, der Hund ist immer noch freudig." Und den Alltag strukturieren, hilft Pluto ebenso: "Man muss immer rausgehen. Bei jedem Wetter. Das tut der Gesundheit ja gut!" Auch wenn der Hund natürlich nicht den Pflegedienst ersetze, wie Angela Beyer betont: Pluto unterstütze sie, selbstbestimmter zu leben.

Für Manja Myrrhe-Kohlenbrenner, die an Maligner Hypertonie, einer bösartigen Form des Bluthochdrucks leidet, sichert Assistenzhündin Mascha das Überleben. Wenn ihre Halterin bewusstlos würde, holt Manja Hilfe: "Sie hat da so einen Buzzer, der auf dem Taster vom Hausnotruf steht. Und über das Leuchtsignal kriegt sie eine Rückmeldung, wenn sie getroffen, also den Alarm ausgelöst hat."

Aufwändige Ausbildung

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Pluto beim Fahrstuhlholen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch bis die Vierbeiner soweit sind, brauchen sie ein zweijähriges Training, das die künftige Halterin oder den Halter bis zu 25.000 Euro kostet, wie Kerstin Gehrke vom Verein Hunde für Handicaps e.V. erklärt. Gehrke bildet seit mehr als 20 Jahren Assitenzhunde aus, Pluto beispielsweise kam schon als Welpe mit acht Wochen zu ihr. Wenn klar sei, dass sich ein Hund vom Wesen her eigne, beginne die Ausbildung gemeinsam mit den neuen Halterinnen und Haltern. Abschließend müssten die tierischen Helfer sogar eine Prüfung vor einem unabhängigen Gutachter absolvieren und zeigen, was sie können, sobald sie die Kenndecke, also ihre Arbeitsmontur angelegt haben.

Kassen unterstützen nur Blindenführhunde

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Auch am Rollstuhl kann Pluto helfen, indem er die Fußrasten verstellt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Geschätzte 70.000 Euro kostet das ganze Assitenzhundleben. Nicht nur Anschaffung und Ausbildung, vor allem die laufenden Ausgaben für Futter oder Tierarzt-Besuche seien zu berücksichtigen, betont Gehrke. Eine stolze Summe. Viele Behinderungen bringen für die Betroffenen Verlusten beim Einkommen mit sich. Doch nur beim Blindenführhund übernehmen die Krankenkassen die Kosten. Menschen mit anderen Behinderungen würden aus Sicht von Kerstin Gehrke ebenfalls sehr von einem Signal- oder Servicehund profitieren. Die aber sind im Hilfsmittel-Katalog nicht vorgesehen. So müssen Betroffene gegebenenfalls vor Gericht darum streiten. Aber auch das kann sich freilich nicht jeder leisten. Über Mittel aus Spenden hilft der Verein Hunde für Handicaps e.V. Menschen mit Behinderung, die sich einen Assistenzhund wünschen, dessen Ausbildung zu finanzieren. Nicht zu stemmen sind darüber die Folgekosten.

Ich wünsche mir, dass Menschen mehr Wissen über Blindenführhunde oder Assistenzhunde im Allgemeinen erwerben. Es sind Tiere. Natürlich haben Tiere auch ihren eigenen Charakter. Sie sind keine Maschinen, sie haben auch Instinkte. Da sollte man Verständnis haben.

Jennifer Sonntag, Inklusionsbotschafterin

Selbstbestimmt - Das Magazin im August: Sendung starten

Neue Barriere: Zutritt mit Hund

Selbst mit Assistenzhund gibt es noch Barrieren: Blindenführhunde sind zwar bekannt, Signal- oder Servicehunde nicht unbedingt. Allen Halterinnen und Haltern gleichermaßen kann es passieren, dass ihnen der Zutritt etwa zu Geschäften mit Verweis auf das Hausrecht untersagt wird. Ein Problem für Besitzerinnen und Besitzer, die auf ihre Hunde angewiesen sind. Viele würden sich wie Angela Beyer und Kerstin Gehrke wünschen, dass es weder verschiedene Kategorien von Hunden noch von Menschen gibt. Ganz zu schweigen von den Beschimpfungen, von denen Manja Myrrhe-Kohlenbrenner berichtet: Gerade im Sommer am Strand beispielsweise. Dort stünde auf Schildern oft ein Hundeverbot, nicht aber der Verweis, dass Assistenzhunde erlaubt seien.

Übrigens: Beim Auffinden hunde- und assitenzhundfreundlicher kann inzwischen die Dogmap helfen!

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 09. August 2020 | 08:00 Uhr