Rakete
Ankommen in einer anderen Welt: Auf der Leipziger Neuen Messe landete der Chaos Computer Club. Bildrechte: MDR/Anja Neubert

Barrierefrei unterwegs auf dem Jahrestreffen des Chaos Computer Club in Leipzig "Ich werde hier so akzeptiert, wie ich bin"

"tuwat" - für den Aktivistengeist des Hackertreffens steht dieses Motto. Was tun, selbst- und nicht fremdbestimmt, das ist auch die Devise von Sam und Christian, die dieser Tage in Leipzig mit dabei sind. Sam ist Autistin und hat dort einen Rückzugsort geschaffen, Christian sitzt mit Muskelatrophie im Rollstuhl und nennt das Netz einen Lebensraum.

von Anja Neubert

Rakete
Ankommen in einer anderen Welt: Auf der Leipziger Neuen Messe landete der Chaos Computer Club. Bildrechte: MDR/Anja Neubert

In den riesigen Hallen der Leipziger Messe blitzt und blinkt es, quillt Nebel aus Säulen, streichen Laserstrahlen durch die Räume, hüpfen Lichtpunkte über Rücken, Gesichter, Hände und Stände, rattern selbst an der Decke leuchtende Teile durch Bahnen quer durch die Hallen beim Jahrestreffen des Chaos Computer Club (CCC) mit angeschlossener Hacker-Konferenz. Manchmal kommt ein Klatschen auf, ein Pfeifen, dann setzt es sich fort, der nächste klatscht, immer mehr machen mit. Das sei normal, sagt mir eine Besucherin, jemand habe wohl etwas versemmelt. Dann werde eben geklatscht.

Sam in "Heaven": Selbst- und nicht fremdbestimmt ist die Devise

Frau
Sam schöpft Kraft abseits des Gewimmels. Bildrechte: MDR/Anja Neubert

Ich schlage mich zum "Heaven" durch, dem Ort, wo sich die freiwilligen Helfer versammeln, die den Hackerkongress 34c3 erst möglich machen. Dort will ich Sam Becker treffen, eine 37-Jährige, die auf dem Kongress einen Rückzugsort für Autisten eingerichtet hat. Reizarm, offen für alle mit sensorischen Problemen.

Sam führt mich zu einen Raum weit abgelegen vom Gewimmel, klar, hell und ruhig, tief im Inneren des Leipziger Congress Centrums. Tische stehen an der Wand, eine Helferin sitzt vor dem Rechner am Fenster, es gibt eine Couch, einen Tisch in der Mitte mit ein paar Stühlen, etwas Süßes.

"Ich war gestern nur am Laufen", sagt Sam, die aus Dinslaken im Ruhrgebiet angereist ist. Sie holt trotz eines schweren Hustens, der Kongressseuche, wie sie sagt, Menschen mit sensorischen Störungen aus den Hallen, wenn es ihnen zu viel wird, und sie nicht einmal mehr in der Lage sind, sich zum Rückzugsraum durchzuschlagen. Einmal angekommen bleiben sie bis zu einer Stunde, erholen sich, bis es wieder geht. Und kommen bei Bedarf wieder.

Sshild
Bitte nicht anfassen! Bildrechte: MDR/Anja Neubert

Die Kontaktschwellen sind niedrig. Sam kann auf allen möglichen Kanälen erreicht werden und ist selbst Autistin: "Mir ist ganz wichtig, dass man nicht über uns hinweg agiert, sondern zeigen, dass wir uns selbst die Hilfe organisieren können, die wir brauchen. Selbstbestimmt und nicht fremdbestimmt."

Anders-Sein fällt hier nicht auf

Computerarbeitsplätze in einem dunklen Raum
Es ist nicht das, wonach es aussieht. Bildrechte: MDR/Anja Neubert

Für das größte nicht-kommerzielle Hacker- und Netzaktivistentreffen weltweit überwinden viele Menschen aus dem autistischen Spektrum Ängste und Barrieren und reisen an. "Hier gibt es viele sehr tolerante Menschen", sagt Sam Becker. Anders-Sein falle nicht auf, Barrieren, die es anderswo gebe, existierten hier nicht. "Ich persönlich bin sehr technisch interessiert und bin sehr gerne in der Community, weil ich hier so akzeptiert werde, wie ich bin, weil hier Grenzen respektiert werden". Damit ist Sam nicht allein. "Wir sind zirka ein Prozent der Gesellschaft, hier aber ist der Anteil um ein Vielfaches höher."

Viele Menschen aus dem autistischen Spektrum arbeiten im IT-Bereich. Sam Becker ist keine Technikerin, sie schreibt und gibt Workshops oder Schulungen. Das Internet aber liebt sie trotzdem. Denn es hat ihr als Autistin die unglaubliche Möglichkeit gegeben, wie sie sagt, sich zu vernetzen. Vorher habe man vor sich hin gelebt und gefühlt. Das Internet aber führe zum Austausch.

"Tuwat - oder Smartphone, Netz und Rollstuhl als Body Enhancement

Junger Mann in einem Rollstuhl
Christian Bayerlein lässt sich das CCC-Treffen nicht entgehen. Bildrechte: MDR/Anja Neubert

Das Internet ist auch für Christian Bayerlein Dreh- und Angelpunkt, Arbeitsplatz und Lebensraum. Das erste Mal sehe ich den 42-Jährigen bei den Assemblies, also in der Halle, in der Programmierer und Leute aus Hackervereinen zusammensitzen, reden, basteln, stark zuckerhaltige Getränke zu sich nehmen und die Profis sich mit Engelsgeduld jeder Frage annehmen, und sei sie noch so technisch unbedarft.

Beim "Netzpolitischen Wetterbericht" von Markus Beckedahl im Saal Borg setze ich mich dann zu dem Koblenzer. Bayerlein hat spinale Muskelatrophie, kann nur noch wenige Muskeln bewegen, spricht leise. Die meiste Kraft hat er in seiner Jugend verloren. Seine Brötchen verdient er trotzdem selbst, und zwar als IT-Fachmann beim Bundesarchiv in Koblenz. Bayerlein, der sich als Pionier im Internet bezeichnet, ist dort für das Inter-und Intranet zuständig. Das Netz, so sagt Bayerlein auch mit Blick auf die Barrieren in seiner Jugend, sei eine großartige Gelegenheit, Gleichgesinnte zu treffen, die man sonst nie erreichen könnte. Es habe ihm die Welt geöffnet.

Aufkleber
Nerd sein heißt auch: Wachsam sein! Bildrechte: MDR/Anja Neubert

Auch der Rollstuhl, den er inzwischen benutzt, ist Hightech: "Mein Rollstuhl ist Body Enhancement." Die wichtigste Erfindung für den 42-Jährigen aber ist das Smartphone. Das ist mit seinem Rollstuhl verbunden und Werkzeug für alles: "Ich kann jetzt auch Fotos und Videos machen. Wenn etwas mein Leben verändert hat, dann war es das Smartphone - was es wiederum ohne Internet nicht gäbe. Etwas spontan festzuhalten, auf Facebook zu stellen, anzurufen - das ist eine unheimliche Hilfe."

Flaschen vor Kabeln in blauem Licht
"Making Experts Makers and Makers Experts" oder: Jeder ist ein Künstler. Bildrechte: MDR/Anja Neubert

Dann ist die Zeit vorbei, die nächsten Vorträge stehen auf dem Programm. Einen wird sich Christian Bayerlein unbedingt anschauen: "Making Experts Makers and Makers Experts", bei dem Isabelle Dechamps und Daniel Wessolek Rollstuhl-Add-Ons auf Open-Source-Basis vorstellen - die technischen Lösungen drehen sich um Transport und Stauraum, um das Fahren im Schnee und die Beleuchtung von Rollstühlen. Ein gutes Beispiel für den Aktivistengeist des Hackertreffens unter dem Motto "tuwat". Die Bauanleitungen können bei madeformywheelchair.de kostenlos runtergeladen werden. Und wer weiß, vielleicht schaut sich Bayerlein ja auch noch den Vortrag zu den "Humans as Software extensions“ an. Der nähert sich künstlerisch der Frage: "Will you be my Plugin?" Eine spannende Frage.

Hintergrund In Deutschland leben nach Angaben des Statistischen Bundesamts mehr als 10,2 Millionen Menschen mit Behinderungen. 7,5 Millionen von ihnen gelten als "schwerbehindert". Das entspricht jeder elften Bundesbürgerin bzw. jedem elften Bundesbürger. Die meisten Behinderungen entstehen erst im Laufe des Lebens.

Konservativen Angaben zufolge haben sieben von 1.000 Menschen in Deutschland eine Störung im autistischen Spektrum. Es gibt aber auch Schätzungen, dass 25 Personen auf 1.000 kommen. Sam Becker ist eine Betroffene. Sie ist 37 und hat ihre Diagnose seit zehn Jahren.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 27. Dezember 2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Dezember 2017, 17:28 Uhr

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