Gleichstellung von Menschen mit Behinderung Europäischer Protesttag: Inklusion in Zeiten von Corona nicht vergessen

Familien mit behinderten Angehörigen zu helfen und Teilhabe auch digital zu ermöglichen, das forderten Verbände am Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Deren Situation sei in Zeiten der Corona-Krise aus dem Blick geraten. Wegen der Corona-Beschränkungen fand der Protesttag am 5. Mai online statt.

Mehr Rücksicht auf Menschen mit Behinderung in Zeiten der Corona-Krise forderten Verbände wie Lebenshilfe, Diakonie und Behindertenrat zum Europäischen Protesttag. Wegen der Corona-bedingten Einschränkungen findet die Kundgebung online statt. Prominente wie Comedian Tan Caglar oder Schauspieler Samuel Koch und Aktivist Raul Krauthausen meldeten sich per Livestream.

Bist du behindert oder was? Wenn ihr diesen Satz noch nie gehört oder gesagt habt, dann könnt ihr abschalten. Wir sagen viele Dinge, ohne darüber nachzudenken. Dass wir damit verletzen, gerät in den Hintergrund. Wenn du noch nie durch Worte verletzt worden bist, kannst du jetzt abschalten. Und wenn Du noch da bist: Sprache ist das schönste Transportmittel, um Verständnis füreinander zu schaffen.

Tan Caglar, Comedian Im Livestream zum Protesttag 5. Mai 2020: Behinderung macht #UNsichtbar

Lebenshilfe: Familien "mit allen Mitteln helfen"

Vor dem Brandenburger Tor in Berlin versammelten sich am Montag (07.11.16) unter dem Motto Teilhabe statt Ausgrenzung etwa 2.500 Menschen zu einer Kundgebung der Bundesvereinigung Lebenshilfe.
Kundgebung der Bundesvereinigung Lebenshilfe mit Ulla Schmidt vor Corona in Berlin Bildrechte: imago/epd

Familien mit behinderten Angehörigen seien von den Auswirkungen der Pandemie besonders hart betroffen, erklärte Lebenshilfe-Bundesvorsitzende Ulla Schmidt am Dienstag. Viele Eltern müssten "die Betreuung zuhause irgendwie alleine schaffen". Wie belastend dies sei, werde in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Auch in der Diskussion zur Öffnung der Schulen seien Kinder und Jugendliche mit Behinderung nicht im Blick, mahnte Schmidt. Der Staat müsse "mit allen Mitteln helfen", mit Notbetreuung dort, wo es Angehörige wünschten oder mit einem Ausgleich von Verdienstausfall für Eltern, die ihre erwachsenen Kinder zuhause betreuen müssten, weil die Tagesbetreuung oder die Werkstatt geschlossen sei.

Entscheidend sei außerdem, wichtige Unterstützungsangebote wie Familienentlastende Dienste finanziell abzusichern, so dass sie auch nach Corona weiter zur Verfügung zu stünden. Schmidt dankte zugleich allen Mitarbeitenden der Behindertenhilfe für ihr Engagement und verwies auf die vielen tausend Wohngemeinschaften deutschlandweit, die beispielsweise von ihnen betreut würden.

Bentele: Gleiche Corona-Regeln und Teilhabe für alle

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK, spricht bei den Feierlichkeiten zum 70-jährigen Bestehens des Sozialverband VdK.
Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK Bildrechte: dpa

Dass die Besuchs- und Ausgangsbeschränkungen für viele Menschen mit Behinderung noch mehr Ausgrenzung bedeuteten, betonte der Deutsche Behindertenrat (DBR). Sie blieben zu Hause oder in stationären Wohnformen, könnten zum Teil nicht zur Arbeit und müssten auf Besuch verzichten, führte DBR-Sprecherin Verena Bentele aus.

Forderungen, für Menschen mit Behinderung, chronisch Kranke oder Ältere die strengen Regeln zum Zweck des Schutzes beizubehalten und für den Rest der Bevölkerung weitreichende Lockerungen zu erlauben, erteilte sie eine klare Absage. Alle sollten sich an die im Moment notwendigen Hygiene-Standards halten, damit auch alle an der Gesellschaft teilhaben könnten, sagte Bentele anlässlich des Europäischen Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.

Behindertenrat: Inklusion auch digital ermöglichen

Außerdem forderte der Behindertenrat, Barrierefreiheit auch in der digitalen Welt zu schaffen. Das gelte für aktuelle Informationen zur Pandemie, aber auch für Software und mobile Apps von Bestellplattformen und Lieferservices, auf die viele Menschen in Zeiten der Corona-Krise zurückgreifen müssten. "Wenn schon Kontaktbeschränkungen bestehen, ob selbstgewählt oder angeordnet, muss wenigstens die eigene Versorgung auch flächendeckend digital barrierefrei möglich sein", so der Rat.

Schützen, aber nicht "wegsperren", Warnung vor Versorgungskrise

Die Diakonie Deutschland und der Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e.V. (BeB) erklärten, Menschen mit Behinderung oder psychischer Erkrankung benötigten einerseits besonderen Schutz, dürften andererseits aber nicht allein gelassen oder sogar "weggesperrt" werden. Auch Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland und BeB-Vorsitzender Uwe Mletzko lenkten den Blick auf gefährdete Versorgungsstrukturen, beispielsweise die Medizinischen Behandlungszentren für Erwachsene mit geistiger Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen (MZEB), die finanziell nicht abgesichert seien. Derartige Zentren gehörten unter den Corona-Rettungsschirm, forderten sie. Loheide und Mletzko appellierten, die Krise dürfe nicht zu Rückschritten bei Inklusion führen. Spezielle Handlungsempfehlungen für die Corona-Situation müssten zudem mit den Betroffenen als Experten in eigener Sache entwickelt werden.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 26. März 2020 | 22:35 Uhr