Belarus Geflüchtete im Niemandsland: Wie sich die Kirchen in Mitteldeutschland positionieren

Noch immer hausen Tausende Geflüchtete an der belarussischen Grenze zu Polen und hoffen, in die EU zu gelangen. Das Manöver von Diktator Alexander Lukaschenko, der Geflüchtete u.a. aus dem Irak und Syrien an die belarussisch-polnische Grenze hat bringen lassen, setzt die EU weiter unter Druck. Entstanden ist eine humanitäre Notlage an der EU-Außengrenze, die auch die Kirchen in Mitteldeutschland umtreibt.

Ein Grenzzaun aus Stacheldraht. Auf einer Seite steht Grenzpolizisten. Auf der anderen Seite ein Cmap mit Flüchtlingen. 4 min
Flüchtlingsstrom an der Grenze zwischen Belarus und Polen Bildrechte: AP

In ökumenischer Eintracht verurteilen der katholische Bischof von Görlitz, Wolfgang Ipolt, und die evangelische Regionalbischöfin von Gera-Weimar, Friederike Spengler, das Vorgehen von Alexander Lukaschenko: "Das ist eine grobe Verletzung der Menschenwürde. Er manövriert die Leute bewusst an die Grenze. Und diese Leute werden jetzt einer ganz schwierigen Situation ausgesetzt", sagt Ipolt. "Mir kommt das Bild von einem Machthaber, der am Schachbrett sitzt und das Bauernopfer über die Klinge springen lässt", erklärt Spengler.

Hilfsorganisationen weiter ohne Zugang

Wolfgang Ipolt, 2011
Bischof Wolfgang Ipolt Bildrechte: dpa

Noch immer harren tausende Geflüchtete an der Grenze und in den Wäldern im Westen von Belarus aus. Einige Menschen sind bereits verhungert und erfroren – darunter auch Kinder. Der katholische Bischof Wolfgang Ipolt betont:

Wir sind nicht zuständig für die politische Lösung, aber wir fühlen uns zuständig für die menschliche Situation dieser Leute, die da an der Grenze warten. Das ist unsere Aufgabe, dass wir der Not dort Abhilfe schaffen.

Wolfgang Ipolt Bischof von Görlitz

Doch noch ist es auch für Caritas und Diakonie schwierig, den Geflüchteten direkt zu helfen. Das liegt auch daran, dass die polnische Regierung bislang Hilfsorganisationen den Zutritt in die Grenzregion verweigert. Wolfgang Ipolt fordert eine kontrollierte Öffnung der Grenze:

Ich denke, das Mindeste, was die EU tun muss, ist, dass diese Menschen ein geordnetes Asylverfahren bekommen.

Wolfgang Ipolt Katholischer Bischof von Görlitz

Solch ein Verfahren heiße ja noch nicht, dass alle bleiben könnten, "aber dass man sie menschenwürdig behandelt und ihnen in einem Verfahren mittteilt, sie können bleiben oder müssen nach Hause gehen."

Wunsch nach klarer europäische Geste

Christian Stäblein ist Bischof der EKBO, der Evangelischen Kirche Berlin, Brandenburg-Schlesische Lausitz. Er fordert von der Bundesregierung und der EU: "Das bedeutet selbstverständlich auch die Option zu sagen: Wir nehmen Menschen auf, wir verteilen sie hoffentlich in Europa in angemessener Weise. Wir kennen alle diese Probleme seit vielen Jahren, was die europäischen Verteilungsprobleme angeht. Aber wir können dies nicht auf dem Rücken von kranken Menschen, von Menschen auf der Flucht austragen."

Das sieht die evangelische Pröpstin Friederike Spengler ähnlich: "Für uns wünsche ich mir, dass wir eine klare Geste noch vor Weihnachten senden können: Wir nehmen Menschen auf und geben denen eine Zukunft. Ob dies das richtige politische Signal ist, wage ich nicht einzuschätzen."

Beschämt über selbst ernannte Bürgerwehren

Friederike Spengler, Regionalbischöfin Gera-Weimar
Friederike Spengler, Regionalbischöfin Gera-Weimar Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

Kein Verständnis haben die Kirchenleute für das Agieren von selbsternannten "Bürgerwehren" an der polnisch-deutschen Grenze. Der katholische Bischof Ipolt: "Es gibt hier Leute, die aus dem rechten Lager kommen, die versucht haben, selbst Leute abzufangen und sie der Polizei zuzuführen. Das ist beschämend, dass es so etwas gibt. Das kommt aus einer Haltung, die einfach, sobald ein Ausländer, ein Fremder kommt, dann reagieren sie so. Ich habe mich ja deutlich distanziert."

Auch Regionalbischöfin Spengler wendet sich entschieden dagegen, dass Menschen an der deutsch-polnischen Grenze Ängste vor Ausländern schüren:

Wir leben in einer Nabelschau, die ihresgleichen sucht. Das hat sich durch Corona noch mal verschärft, dass wir ganz stark nach innen schauen und kaum nach außen.

Friederike Spengler Evangelische Regionalbischöfin von Gera-Weimar

Noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte in den vergangenen Tagen mehrmals mit Alexander Lukaschenko telefoniert. Gespräche mit einem Diktator – das war auch auf Kritik gestoßen. Doch Wolfgang Ipolt meint: "Ich glaube, Gespräche soll man nicht abreißen lassen, auch mit Herrn Lukaschenko nicht. Gespräche hinterlassen oft Spuren bei einem Menschen, und von daher ist es Frau Merkel hoch anzurechnen, dass sie versucht hat, mit ihm zu sprechen, um den Faden nicht abreißen zu lassen." Doch bislang scheinen die Gespräche wenig bewirkt zu haben. Noch immer warten tausende Geflüchtete an der belarussisch-polnischen Grenze – die Lage dort wird, nicht nur aufgrund des nahenden Winters, immer dramatischer.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. November 2021 | 09:15 Uhr