Glaubwürdig | 04.09.2021 | In der Mediathek Der sorbische Lyriker Benedikt Dyrlich

Benedikt Dyrlich übersetzte die Bibel ins Sorbische, organisierte Poesie-Festivals, leitete eine sorbische Zeitung, gestaltete als SPD-Abgeordneter die sächsische Landesverfassung mit. Dabei wäre er fast Priester geworden, wuchs er doch eng verbunden mit dem katholischen Glauben auf. Als er sich mit Anfang 20 in eine Frau verliebt, änderten sich seine Lebenspläne. Er studierte Theaterwissenschaften, wurde Vater und begann zu schreiben. Wie das alles begann, erzählt er im "Glaubwürdig"-Porträt.

Glaubwürdig: Benedikt Dyrlich im Porträt
Der sorbische Schriftsteller Benedikt Dyrlich Bildrechte: Glaubwürdig / MDR FERNSEHEN

"Sorbisch sein, das bedeutet viel mehr als Ostern Eier anzumalen und auszureiten", sagt Benedikt Dyrlich. Der 70jährige Schriftsteller setzt sich dafür ein, dass die sorbische Kultur nicht nur auf Folklore reduziert wird.

Aufgewachsen im katholischen Glauben

Glaubwürdig: Benedikt Dyrlich im Porträt
Die Eltern in sorbischer Tracht Bildrechte: Privat

In Neudörfel, einem kleinen Dorf bei Bautzen wuchs Dyrlich mit fünf Geschwistern auf. Der katholische Glaube bestimmte das Leben seiner Familie. Davon zeugen die Figuren in der alten Werkstatt des Vaters, der Schnitzer und Geschichtenerzähler war. Der eingestaubte Jesus an der Wand versetzt Benedikt Dyrlich und seinen Bruder Nicolaus zurück in ihre Kindheit, als sie oft in der Werkstatt spielten: "Neben der religiösen Welt gab es hier auch die Märchenwelt mit der sorbischen Mittagsfrau, dem Schlangenkönig oder Krabat." Dyrlich erinnert sich auch an die gemeinsamen Gebete mit der Mutter: "Das hat mich immer zu Phantasien getrieben, das leise Reden oder das halblaute. Ich habe die Wortkunst über das Hören wahrgenommen."´

Gebete und Geschichten

Glaubwürdig: Benedikt Dyrlich im Porträt
Jesusfigur in der Werkstatt des Vaters Bildrechte: Glaubwürdig / MDR FERNSEHEN

Aus dem Jungen, der in der Werkstatt den Geschichten des Vaters oder zuhause den Gebeten der Mutter lauschte, wurde ein Schriftsteller. Seine Bücher erscheinen heute in sorbischer und deutscher Sprache. Schon als 14-jähriger durfte er Aufsätze veröffentlichen. Einer war inspiriert von einer Begegnung mit Täve Schur, 1964, als er beim 5. Pioniertreffen in Karl-Marx-Stadt DDR-Meister wurde: "Er hat uns direkt so angesprochen, hat mich auch bisschen gleich diszipliniert, weil mein Fahrrad nicht so richtig schön geputzt war."

Bibel-Übersetzung in den Sommerferien

Glaubwürdig: Benedikt Dyrlich im Porträt
Benedikt Dyrlich als Student Bildrechte: Privat

Rennfahrer wollte Benedikt Dyrlich dann doch nicht werden, nach der Schule begann er ein Theologiestudium in Berlin. Der damalige Priesteranwärter war ein Musterstudent. Im heißen Sommer von 1969 fuhr er nicht zum Baden, sondern begann, mit Freunden die Bibel in seine Muttersprache zu übersetzen. Seine gesamten Sommerferien gingen dafür drauf: "Es ist eine herausragende Kulturleistung gewesen, nicht nur von mir, sondern von dieser ganzen Gruppe. Ich war der jüngste Übersetzer."

Bis heute nimmt er die Bibel oft zur Hand. Mittlerweile ist Benedikt Dyrlich 70 und beschreibt dieses Bedürfnis auch als "Sehnsucht nach der Überschreitung der eigenen Begrenztheit": "Das ist für mich Grundvoraussetzung, für einen Glauben an etwas, was über mir steht."

Literat und Politiker im Dienste der sorbischen Kultur

Glaubwürdig: Benedikt Dyrlich im Porträt
Blick auf Bautzen Bildrechte: Glaubwürdig / MDR FERNSEHEN

Anstatt Priester zu werden, gründete Dyrlich damals eine Familie und kehrte nach Bautzen zurück. Die sorbische Kultur lag ihm am Herzen, dazu gehört für ihn die reiche sorbische Literatur, die dieses Erbe schriftlich überliefert und am Leben hält: "Es ist ein Glücksumstand, dass wir Sorben uns seit Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart immer wieder an die kulturellen Entwicklungen in Europa angeschlossen haben. Somit haben wir eine reiche sorbische Literaturkunst, die modern, auch provokant und sogar avantgardistisch ist."

Im Herbst 1989 gab Benedikt Dyrlich das Schreiben für eine Zeit lang auf. Sein Leben wendete sich, er ging in die Politik. Als sorbischer Abgeordneter der SPD erarbeitete er damals die sächsischen Verfassung mit und setzte sich dabei für die "Gewährleistung, Förderung und den Schutz der sorbischen Sprache und Kultur ein". Er arbeitete am Kulturraumgesetz mit und an dem Artikel, der die Umwelt als Staatsziel formuliert, all das, "damit die ländlichen Räume auch eine Zukunftschance bekommen".

Glaubwürdig: Benedikt Dyrlich im Porträt
Mit Bruder Nicolaus (l.) in der Werkstatt Bildrechte: Glaubwürdig / MDR FERNSEHEN

Seine eigenen Zukunftspläne wurden damals jedoch durch einen schweren Fahrradunfall durchkreuzt. Ein mehrfacher Schädelbruch nahm ihm das Gedächtnis. Fast drei Jahre verbrachte er in Kliniken. Benedikt Dyrlich musste sich zurück ins Leben kämpfen: "Ich musste noch einmal eine neue Richtung einschlagen, eine neue Rhythmik des Lebens; musste nachdenken über mich selbst und über andere. Ich glaube, das Wichtigste ist es, andere nicht auszugrenzen."

Mehr aus Religion & Gesellschaft

Religion

Logo
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nah dran | MDR FERNSEHEN | donnerstags | 22:40 Uhr Nah dran

Nah dran

Reportage und Magazin zu Sinn- und Glaubensfragen

mehr

Religion

Logo "selbstbestimmt"
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Religion

Glaubwürdig - Logo
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR FERNSEHEN | samstags, 18:45 Uhr & danach in der Mediathek Glaubwürdig

Glaubwürdig

mehr