Streifzug Kirchengeschichte: 100 Jahre Bistum Dresden-Meißen

Ursprünglich sollte ein großer Festgottesdienst auf den Elbwiesen gefeiert werden, mit vielen Gästen. Nun wird das Jubiläum in der Dresdner Kathedrale begangen, mit Zuschaltungen aus anderen Teilen des Bistums wie der Lausitz, den Dekanaten Gera und Altenburg oder Leipzig. Die Wiedererrichtung des Bistums im Juni 1921 fiel in unruhige Zeiten. Ein Streifzug durch dieses spannende Kapitel katholischer Kirchengeschichte im Kernland der Reformation.

Urkunde zur Wiedererrichtung des Bistums Dresden-Meißen vor 100 Jahren 4 min
Bildrechte: Bistum Dresden-Meißen

Untergegangen war das alte Bistum im Zuge der Reformation im 16. Jahrhundert. Wie es vor 100 Jahren wiedererrichtet wurde, hat Wolfram Nagel erkundet.

MDR KULTUR - Das Radio So 20.06.2021 06:00Uhr 04:04 min

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Untergegangen war das alte Bistum im Zuge der Reformation bereits im 16. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert gab es Bestrebungen, es neu zu etablieren. Doch erst im April 1921 entschied sich Rom dafür. Die von Papst Benedikt XV. ausgestellte Urkunde trägt das Datum 24. Juni 1921. Sie liegt heute gut verwahrt und frisch restauriert in der Bautzener Domschatzkammer.

Stichwort: Wiedererrichtung?

Alleine das 967 gegründete Bistum Meißen wurde nach dem Untergang der Monarchie und Gründung der Weimarer Republik wiedererrichtet, anders als die mitteldeutschen Bistümer Merseburg oder Naumburg-Zeitz. Sie alle waren im Zuge der Ostexpansion unter Kaiser Otto dem Großen gegründet worden.

"In der Lausitz ist das Bistum Meißen offiziell nicht untergegangen. Deshalb reden wir auch jetzt anlässlich des Jubiläums von einer Wiedererrichtung", erklärt dazu Birgit Mitzscherlich, die Leiterin des Bistumsarchivs und der Domschatzkammer in Bautzen.

Demnach kümmmerten sich so genannte Diözesanadministratoren um den Fortbestand im Gebiet der Ober- und Niederlausitz, das damals zu Böhmen gehörte. So sorgten Domherren wie Dekan Johann Leisentritt dafür, dass der Dom und das ganze Kapitel katholisch blieben.

Bistum Dresden-Meißen: Start in unruhigen Zeiten

Generalvikar Andreas Kutschke, Leiter des Bischöflichen Ordinariats, mit der Urkunde
Generalvikar Andreas Kutschke, Leiter des Bischöflichen Ordinariats, mit der Urkunde, die am großen Tag nicht greifbar war. Bildrechte: Bistum Dresden-Meißen

An diesem Tag feierte das Domkapitel St. Petri sein 700. Jubiläum. Am darauffolgenden Sonntag, also am 26. Juni, wurde die feierliche Wiedererrichtung des Bistums Meißen im Bautzener Dom St. Petri vollzogen, in Anwesenheit des Apostolischen Nuntius, Erzbischof Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII. 

Unter feierlichem Glockengeläut habe man damals den Inhalt der Urkunde verlesen, erzählt Christoph Pötzsch. Der Dresdner Katholik ist einer der besten Kenner sächsischer Kirchengeschichte und weiß, dass es bei dem hochoffiziellen Akt eine Panne gab:

Das war ein hochoffizieller Akt, der zusätzlich ein gewisses Aroma bekam, weil der Papst seinen Nuntius nach Bautzen schickte, das wurde dann später der berühmte Papst Pius ... Die Originalbulle des Papstes konnte dann nicht verlesen werden, die lag in Bautzen auf der Post, man streikte gerade. Es musste improvisiert werden.

Christoph Pötzsch Katholik, Jurist und Sachbuchautor
Christoph Pötzsch
Christoph Pötzsch war lange als Justiziar in den Diensten des Bistums Dresden-Meißen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

So begann also ein neues Kapitel der katholischen Kirche in Sachsen. Mit Bischof Christian Schreiber zog ein paar Wochen später der neue Bischof in den Bautzner Dom St. Petri ein:

"Man holte sich einen Mann von ganz weit draußen. Er blieb zwar nicht all zu lange, aber die erste Wahl war eine gute, sie hat dem jungen Bistum auch gut getan", erläutert Pötzsch.

Außenansicht des Doms in Bautzen
Bautzner Dom St. Petri Bildrechte: MDR/Christiane Fritsch

Ein Versuch, das Bistum vor der Revolution von 1848/49 wiederzuerrichten, war gescheitert.

Erst das Ende des königlichen Kirchenregiments nach dem 1. Weltkrieg und die Weimarer Reichsverfassung machten den Neubeginn als eigenständiges Bistum möglich. Denn sie schrieb "endlich und durchsetzbar das gleiche Recht für die Konfessionen fest, wie Pötzsch erklärt. Dabei habe sich "ein Stück Bistumsbewusstsein" durch die Jahrhunderte gehalten:

Es hat nie einen Identitätsverlust gegeben, selbst durch die Jahrhunderte nach der Reformation ist ja wenigstens ein Stück Bistumsbewusstsein erhalten geblieben, die sorbischen Katholiken haben es weitergetragen.

Christoph Pötzsch Katholik, Jurist und Sachbuchautor

Maria Josepha: "Regelrechter Durchbruch" im 18. Jahrhundert

Doch eine Gleichberechtigung hatte es selbst dann nicht gegeben, als Kurfürst August der Starke Ende des 17. Jahrhunderst katholisch geworden war, um nach der polnischen Königskrone greifen zu können. Die mächtigen bürgerlichen Stände blieben evangelisch. Selbst seine Frau, Eberhardine von Bayreuth, verließ die lutherische Kirche nicht. Einen "regelrechten Durchbruch" habe es erst mit Augusts Sohn und dessen Frau, der Habsburgerin Maria Josepha, im 18. Jahrhundert gegeben. Die katholische Kirche wurde "im Rahmen des rechtlich möglichen institutionalisiert". Die Hofkirche wurde gebaut und ein katholisches Leben bei Hofe gepflegt.

Für Gottesdienste der zugezogenen Katholiken aus Polen, Italien oder Frankreich wurden Kapellen in den kurfürstlichen Schlössern Moritzburg und Hubertusburg eingerichtet. Die Werke des Komponisten Jan Dismas Selenka aus Böhmen erklingen auch heute noch in der ehemaligen katholischen Hofkirche, die seit 1980 Kathedrale des Bistums ist.

Einwanderung im 19. Jahrhundert: Kirchen-Bauboom

In Folge der Industrialisierung Sachsens gab es im 19. Jahrhundert eine große Einwanderungswelle, wie Pötzsch weiter berichtet: "Da kamen Leute aus Böhmen, Bayern, Schwaben und damit eben auch Katholiken, die sich in Sachsen niederließen und dann recht deutlich die Möglichkeit einforderten, eigene Gemeinden zu gründen und Gottesdienste zu halten."

Der künftige Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heinrich Timmerevers,  im Kirchenschiff der Katholischen Hofkirche.
Bischof Heinrich Timmerevers in der Katholischen Hofkirche Bildrechte: dpa

In großen Städten wie Dresden, Chemnitz oder Leipzig, aber auch kleineren Orten wie Zwickau, Annaberg oder Schwarzenberg im Erzgebirge. Ja nach der Reichsgründung 1871 kam es zu einen regelrechten Kirchen-Bauboom. Zählte man 1830 im Königreich Sachsen rund 30.000 Katholiken, so wuchs deren Zahl bis 1914 auf 200.000 an. Als das Bistum dann nach dem 1. Weltkrieg wiedererrichtet wurde, gab es bereits die nötige Infrastruktur. 

Der Anfang 1921 war kein leichter, und wenn wir die Jahre danach sehen und dafür das Bild des Schiffes nehmen, war die Kirche in ganz unruhigen Gewässern unterwegs.

Heinrich Timmerevers Bischof Bistum Dresden-Meißen

Sagt der heutige Ortsbischof Heinrich Timmerevers mit Blick auf die kommende Weltwirtschaftskrise, den Nationalsozialismus, den Krieg und die DDR-Zeit.

Licht fällt durch ein Buntglasfenster mit der Abbildung des sorbisch, katholischen Priesters Alois Andritzkis
Bildnis von Alois Andritzki auf einem Kirchenfenster in Radibor, wo der Priester am 2. Juli 1914 geboren wurde. Bildrechte: dpa

In der NS-Zeit leistete die katholische Kirche keinen offenen Widerstand, aber zahlreiche Priester und Laien wurden inhaftiert oder kamen um, wie Christoph Pötzsch erinnert:

"Da gab es tapfere Leute wie Alois Andritzki oder Bernhard Wensch. Das war eine Zeit, wo der Glaube wirklich auf die Probe gestellt wurde."

Aufbruchstimmung im Osten

Andritzki und Wensch starben im KZ Dachau.  Auf deren Mut konnten sich Katholiken auch zu DDR-Zeiten berufen. Ereignisse wie die Meißner Pastoralsynode nach dem II. Vatikanischen Konzil sorgten dann für eine Aufbruchstimmung unter den ostdeutschen Katholiken. 1980 zog der Bischof von Bautzen nach Dresden. Größtes öffentliches Ereignis wurde das Katholikentreffen 1987 in Dresden. Damals sagte der Berliner Erzbischof Meisner vor 100.000 jubelnden Teilnehmenden des Abschlussgottesdienstes:

Joachim Kardinal Meisner
Joachim Kardinal Meisner war von 1980 bis 1989 Bischof von Berlin. Bildrechte: dpa

"Liebe Brüder und Schwestern, Gott ist wahrhaft kein weltloser Gott und dieses Stück Welt ist wirklich keine gottlose Welt, daher ist dieses Land für uns Christen ein Zuhause, weil Christus in ihm wohnt. Weltkirche bedeutet aber auch, Kirche für die Welt zu sein." Und es folgte jener legendäre Satz, der heute eine Glocke der Dresdner Herz-Jesu-Kirche ziert:

Wir wollen in diesem Land bleiben, aber keinem anderen Stern folgen als dem von Bethlehem.

Joachim Meisner, Bischof von Berlin Beim Katholikentreffen 1987 in Dresden

Auch daran werden sich viele ältere Katholikinnen und Katholiken Sachsens und Ostthüringens erinnern, wenn sie das 100. Bistumsjubiläum feiern.

Man wusste damals nicht, was kommt. Es war ein Lichtpunkt, der nicht nur in die Kirchengeschichte, sondern auch in die Landesgeschichte gehört.

Christoph Pötzsch Katholik, Jurist und Sachbuchautor

Erst nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die östliche Kirchenlandschaft neu geordnet. 1994 wurden auch die bisherigen Administraturen Görlitz, Erfurt und Magdeburg vom Papst zu eigenständigen Bistümern erhoben.

Festgottesdienste am 20. und 24. Juni Der Festgottesdienst zur Wiedererrichtung des Bistums am 20. Juni wird in der Kathedrale des Bistums in Dresden von sorbischen Katholiken mitgestaltet. Der MDR überträgt im Fernsehen sowie im Livestream auch mit Gebärdensprache.

Am 24. Juni gibt es im Dom St. Petri Bautzen einen Pontifikalgottesdienst anlässlich des vor 800 Jahren gegründeten Domkapitels.

 

 

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Juni 2021 | 09:15 Uhr