Buchtipp Verfluchte Götter: Die Geschichte der Blasphemie

Ab und zu sorgt der sogenannte Blasphemieparagraph, Paragraph 166 des deutschen Strafgesetzbuches, für Aufregung. So 2013, als die Comedian Karolin Kebekus sich per Fernsehauftritt als Päpstin bewarb. Über 100 Anzeigen gab es. Doch die Ermittlungen wurden allesamt eingestellt. Liberale Gesellschaften scheint die Gotteslästerung im religiösen Sinne nicht mehr zu beschäftigen. Doch der Mechanismus dahinter ist nach wie vor aktuell, wie der Historiker Gerd Schwerhoff zeigt.

Eine neue Karikatur auf den Propheten Mohammed zeigt die Titelseite der in Frankreich erscheinenden France-Soir
Karikaturen in der französischen Zeitung "France Soir" (2006). Bildrechte: dpa

Die entscheidende Zäsur des Jahres 1989 ist der 14. Februar, meint Gerd Schwerhoff. Denn da bricht ein kultureller Konflikt auf, der die Geschichte stärker prägt als der Mauerfall. Es ist der Tag, an dem Ayatollah Khomeini das Todesurteil über Salman Rushdie verkündet. Der Grund ist seine Lästerung des Propheten Mohammeds im Roman "Die Satanischen Verse". Gerd Schwerhoff: "Die Blasphemie wirft ein Licht auf kulturelle Konfliktlinien und stellt diesen Konflikt erst richtig scharf."

Gerd Schwerhoff, Professor an der Technischen Universität Dresden
Der Historiker und Autor Gerd Schwerhoff. Bildrechte: dpa

Nun ist Gotteslästerung kein neues Phänomen, sondern so alt wie der Glaube. Auch die antiken Religionen mit ihren dutzenden Göttern strafen Gottlosigkeit und die Schändung von Götterstatuen. Aber in ihren Götterhimmel ließen sich andere Götter noch integrieren. Der Gott der Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam verlangt absolute Treue, duldet keinen anderen Gott neben sich und verlangt, seinen Namen nicht zu missbrauchen.

Blasphemie ist identitätsstiftend

Die Berufung auf den einzigen, wahren Gott wird damit identitätsstiftend. Und ermöglicht, alle Abweichler als Gotteslästerer zu brandmarken. Gerd Schwerhoff erklärt, dass Gotteslästerung in früheren Zeiten immer ein sehr starkes Thema gewesen sei: "Gerade zwischen Christen und Juden war das Thema Gotteslästerung sehr virulent. Die Christen haben die Juden, seit sie sie als Gottestöter verurteilt haben, immer der Blasphemie bezichtigt."

Wie auch der christliche Glaube, Jesus sei Gottessohn, in den Augen der Juden Gotteslästerung war. Der Vorwurf der Blasphemie diente der Stärkung des eigenen Glaubens. Nicht nur gegenüber anderen Religionen, sondern auch innerhalb der eigenen. Sunniten und Schiiten bezichtigen sich wechselseitig der Blasphemie, ebenso wie die Bewegungen der Waldenser und Katharer, später die Lutheraner und Katholiken bei den Christen.

Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung

Gerd Schwerhoff erzählt detailreich die Geschichte der Gottesschmähungen und des Umgangs mit ihnen. Von der Steinigung durch die Gemeinde, wie sie der Talmud fordert, über die Geld- und Körperstrafen im Mittelalter bis zum Kampf gegen den "Blasphemieparagraphen"  im 19. und 20. Jahrhundert. Denn auch die säkulare Gesellschaft will sich noch vor Gotteslästerung schützen. Gerd Schwerhoff: "Früher ging es vor allen Dingen um die Ehrverletzung Gottes als Person. Gott wurde also sehr menschlich gedacht. Nach der Aufklärung geht es dann eher um die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Darum, dass der Staat die Religion ganz funktional als eine Säule der öffentlichen Ordnung sah und geschützt haben wollte. Insofern wirkt die Blasphemie als Schmäh-Dynamik über diese Epochengrenze hinaus."

Buchtipp

Buchcover „Verfluchte Götter“
Bildrechte: S. Fischer Verlag

Gerd Schwerhoff
Verfluchte Götter
S. Fischer 1. Edition (24. Februar 2021)
ISBN-10 : 310397454X
ISBN-13 : 978-3103974546
29,00 EUR

Volkswille: Heiligtum der Gegenwart

Das Buch "Verfluchte Götter" ist mehr als eine theologisch interessante Geschichte der Blasphemie. Gerd Schwerhoff beschreibt die seit Jahrtausenden unveränderten Mechanismen und Antriebe hinter der Lästerung der Götter: "Blasphemie ishat nicht nur mit Religion zu tun.Wenn man sich anguckt, welche Heiligen Normen, welche Heiligen Tatbestände hinter vielen Debatten heutzutage stecken, dann kann man viele Mechanismen dieser Blasphemie-Konflikte durchaus auch auf ganz andere Felder übertragen als auf das der Religion."

Heute ist das Heilige eben das Volk oder die Flagge. Ein angeblicher Volkswille gilt als sakrosankt. Die Eskalationsmechanismen haben sich dabei nicht geändert, wie Shitstorms und Hate-Speech im Internet zeigen. Abweichungen von Glaubensgrundsätzen werden damals wie heute gegeißelt.

Das macht Gerd Schwerhoffs Buch "Verfluchte Götter" aktuell und zeigt, dass es keinen Grund gibt, auf einen vermeintlich rückständigen Islam herabzusehen. Auch wenn uns die konkrete Gotteslästerung nicht mehr empört.

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