Der ehemalige Uni-Riese (heute "City-Hochhaus", vorn), das Paulinum der Universität Leipzig (r), dahinter Nikolaikirche, Altes Rathaus und die Thomaskirche (l) in Leipzig (Sachsen).
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Caritas-Kampagne "Jeder Mensch braucht ein Zuhause"

von Thyra Veyder-Malberg

Vor allem in den Großstädten sind bezahlbare Wohnungen in den letzten Jahren immer knapper geworden. Nun hat sich auch die Caritas dieses Themas angenommen, mit ihrer diesjährigen Kampagne: "Jeder Mensch braucht ein Zuhause".

Der ehemalige Uni-Riese (heute "City-Hochhaus", vorn), das Paulinum der Universität Leipzig (r), dahinter Nikolaikirche, Altes Rathaus und die Thomaskirche (l) in Leipzig (Sachsen).
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Es ist eine alltägliche Szene: Ein älterer Herr sitzt in einer altmodischen Badewanne und schrubbt sich mit einer Bürste den Rücken. Nicht ganz so alltäglich ist dagegen, dass die Badewanne auf dem Gehweg vor dem Haus steht.

Das ist das eines der Plakatmotive der diesjährigen Caritas-Kampagne "Jeder Mensch braucht ein Zuhause". Rund eine Million Wohnungen fehlen deutschlandweit, klagt der Verband. Am Rande einer Diskussionsveranstaltung in Leipzig zu dem Thema erklärt der Caritas-Direktor des Bistums Dresden-Meißen, Matthias Mitscherlich die Idee hinter der Kampagne:

Hintergrund ist die bundesweit wahrnehmbare Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt. Gerade Menschen mit geringem Einkommen haben immer schlechter einen Zugang zu Wohnungen, gerade in den Großstädten, in den Ballungsräumen. Und das gilt auch in Sachsen für Dresden und für Leipzig.

Matthias Mitscherlich

Zu wenige Sozialwohnungen

Dass bezahlbarer Wohnraum auch in ostdeutschen Städten knapp sein soll, klingt erst einmal nicht besonders plausibel, zumal etwa Leipzig immer noch das niedrigste Mietniveau der fünfzehn größten Städte hat. Doch der Teufel steckt im Detail: Denn wer jetzt eine Wohnung in Leipzig sucht, zahlt keine Bestandsmiete, sondern eine Angebotsmiete – und die sind in der Messestadt stark gestiegen, auf zuletzt 6,26 Euro pro Quadratmeter. Allerdings beträgt das mittlere Nettoeinkommen der Leipziger nur etwas über 1.200 Euro. Das heißt: Viele verdienen weniger.

Jeder Mensch braucht ein Zuhause steht auf einem Werbeplakat am Haus der Caritas
Plakatmotiv der Caritas-Kampagne Bildrechte: dpa

Leipzig galt lange Jahre als Armutshauptstadt und ist auch heute noch sehr betroffen von sozialen Notlagen. Diese Menschen haben tatsächlich häufig einen Anspruch auf Hartz IV, das bedeutet aber auch, dass sie nur Wohnungen unterstützt bekommen, die einem gewissen Mietpreis unterliegen. Diese Wohnungen sind in Leipzig seit einigen Jahren immer schwerer zu finden, das berichten uns die Mitarbeiterinnen in der Wohnungslosenhilfe und in den Beratungsstellen.

Matthias Mitscherlich

Nur noch rund drei Prozent der Wohnungen, die derzeit auf dem Leipziger Mietmarkt zu haben sind, werden zu einem Quadratmeterpreis angeboten, den auch das Amt übernimmt, hat Dieter Rink herausgefunden. Er erforscht am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung inzwischen seit knapp drei Jahrzehnten die Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt der Messestadt. Der Stadtsoziologe ist vorsichtig mit Prognosen, da es immer viele Unwägbarkeiten gibt.

Wenn es weiterhin so einen Zuzug gibt oder selbst wenn es auf dem Level weiterläuft, wie jetzt zu erwarten ist, so vier, fünftausend im Jahr, dann wird sich der Wohnungsmarkt weiter anspannen, dann werden diese Verdrängungsprozesse zunehmen. [...] Wir werden dann auch sehen, dass wiederum die Einkommenssteigerungen die Mietpreissteigerungen nicht mehr auffangen, das heißt, die Mietbelastung wird höher. Vor allem für die, die geringe Einkommen haben.

Dieter Rink, Soziologe

Es besteht Handlungsbedarf

Auch Leipzigs Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau sieht Handlungsbedarf. Für die Grünen-Politikerin sind es vor allem zwei Typen von Wohnungen, die in der Messestadt bitterlich fehlen: Einerseits kleine Wohnungen für Singles mit niedrigem Einkommen. Andererseits Familienwohnungen, mit vergleichsweiser geringen Quadratmeterzahl aber relativ vielen Zimmern. 

Es ist leider so, wenn du viele Kinder hast, gehörst du eher zu denen in der Gesellschaft, die ärmer sind. Und das kann auch eine Familie sein, wo der Mann Elektriker ist und die Frau Verkäuferin, also die ganz normal ihre Arbeit machen. Die haben ganz große Schwierigkeiten, weil ihre Verdienste nicht so hoch sind, um tatsächlich in den Bereich zu kommen, wo jetzt Wohnungen neu gebaut werden.

Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau

Die Stadtverwaltung bemüht sich deshalb, günstige Wohnungen im Bestand zu schützen, indem sie sogenannte Erhaltungssatzungen erlässt. Damit sollen Luxussanierungen und die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen durch die Eigentümer verhindert oder zumindest erschwert werden. Außerdem will die Stadt den sozialen Wohnungsbau ankurbeln. Dafür bekommt sie vom Land 20 Millionen Euro im Jahr – das reicht gerade mal für ungefähr 500 Wohnungen. 

Derweil hofft Matthias Mitscherlich, dass die Caritas-Kampagne nicht nur in die Politik, sondern auch in die Kirchengemeinden hineinwirkt. 

Die Kampagne soll auf dieses Thema noch einmal aufmerksam machen. Ich denke, wir haben diese Sensibilität inzwischen. Das Thema soll aber auch konkret ein Nachdenken jedes Einzelnen bewirken: Was bedeutet Wohnung für mich, welchen Beitrag kann ich leisten, vielleicht auch mit eigenen Immobilien, die ich habe? Das ist etwa ein Thema in unseren Gemeinden, welchen Beitrag kann ich leisten. […] Wohnungspolitik ist für uns Sozialpolitik.  

Matthias Mitscherlich

Die Caritas ist aber auch selbst aktiv geworden. So mietet sie selbst von der LWB Wohnungen an, um sie an Menschen weiterzugeben, die in einer schwierigen Lebenssituation sind und nur schwer eine finden würden. Schließlich ist es nicht nur nach christlichem Verständnis ein Grundrecht eines jeden Menschen ein Zuhause zu haben, kein Privileg.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 21. Oktober 2018 | 08:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2018, 10:36 Uhr