Szene aus: Crystal - Einsatz in der Drogenklinik.
Bildrechte: Grown Up Films

Nachgefragt: Dr. Katharina Schoett "Nicht zu lange schämen"

Seit 2011 schießen die Zahlen der Crystal Meth-Abhängigen auch in Thüringen nach oben. Katharina Schoett, Chefärztin der Abteilung für Suchtmedizin erklärt, wie das Ökumenische Hainich Klinikum mit den Folgen umgeht. Ihre zentrale Botschaft ist: Wenn es denn passiert ist, nicht zu lange schämen, sondern möglichst schnell nach dem Rückfall wiederkommen!"

Szene aus: Crystal - Einsatz in der Drogenklinik.
Bildrechte: Grown Up Films

Wie hat sich die Art des Drogenkonsums verändert, seit Sie die Station am 1. Januar 2005 eröffnet haben?

In den ersten Jahren waren ungefähr 60 bis 70 Prozent der Patienten von Opiaten, also beispielsweise Heroin abhängig. Das war das klassische Klientel. Dann haben wir einen massiven Umbruch erlebt. Seit 2011 sind die Zahlen der Crystal Meth-Konsumenten nach oben geschnellt - von unter 5 Prozent auf 65 bis 70 Prozent der Patienten. Damit sind wir mittendrin im Methamphetamin-Thema, das wir in Deutschland haben. Es ist so, dass die meisten schon zwischen fünf und zehn Jahren Methamphetamin konsumieren, bevor sie selbst oder jemand anderes den Behandlungsbedarf erkennt.

Wie verbreitet ist Crystal aktuell in Deutschland?

Es gilt  immer noch, dass Crystal Meth gerade in Teilen von Bayern und Sachsen, mittlerweile aber auch in Sachsen-Anhalt und Thüringen deutlich verbreiteter ist als in anderen Teilen der Bundesrepublik.

Was wissen wir über die Konsumenten?

Das sind Leute wirklich quer durch alle Schichten der Bevölkerung. Das sind Menschen, die sagen, sie konsumieren die Droge, um besser arbeiten zu können, vermeintlich besser arbeiten zu können. Es gibt Menschen, die sagen, ich krieg' meinen Alltag nur unter der Droge hin. Es gibt Leute, die aus dem klassischen Partykontext kommen und je nach dem, was da gerade angeboten wird, das konsumieren sie dann. Wir sehen also Menschen, die Arbeit haben, die vielleicht eine ganze Firma leiten, aber ihren stimulierenden Drogenkonsum nicht mehr auf die Reihe kriegen, oder auch Mütter ... Also es ist ein buntes Bild.

Vor den Folgen von Crystal als extrem zerstörerischer Droge wird immer wieder gewarnt, assoziiert werden damit Bilder von Menschen mit schlechter Haut und kaputten Zähnen, sehen Sie solche Patienten?

So sehen wir Patienten in den seltensten Fällen. Wir haben einige Betroffene, die so aussehen, aber man darf nicht vergessen, die Kampagne, die fürchterliche Bilder von Drogenabhängigen mit ausgefallenen Zähnen und Akne zeigte, kam aus den USA, wo das Gesundheitssystem anders funktioniert. Wer in Deutschland merkt, dass er solche Probleme hat, hat in der Regel noch eine Chipkarte und kann zum Arzt gehen. Das heißt, vielen ist nicht unbedingt anzusehen, dass sie Drogen konsumieren. Nichtsdestotrotz tun sie es seit Jahren. Die körperlichen Folgeschäden sind immens.

Was ist der Unterschied zwischen Entgiftung und Entzugsbehandlung?

Eine Entgiftung bezieht sich auf das Körperliche, währenddessen eine qualifizierte Entzugsbehandlung bedeutet, dass ich neben der unmittelbaren Entgiftung auch die psychosoziale Ebene analysiere: Was gibt es außer der Drogenabhängigkeit sonst noch für Probleme? So soll gemeinsam mit dem Patienten ein Plan für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt entwickelt werden.

Warum ist Mühlhausen, gerade Ihre Abteilung, so "beliebt"?

Wir versuchen einen Raum zu bieten, wo die Patienten erst mal wieder bei sich ankommen können. Das heißt: Kein Handy, kein Internet. Einfach erst mal abtauchen und einen klaren Kopf bekommen und überlegen: Wo stehe ich eigentlich, was ist mit mir los. Was uns von anderen Einrichtungen unterscheidet, ist, das wir sowohl stationär als auch ambulant arbeiten. Das heißt, es sind die gleichen Leute, die mich empfangen, mit denen kann ich einfach weitermachen.

Wie viele Betten hat die Suchtstation und wie lange müssen Patienten auf einen Platz warten?

Momentan arbeiten wir mit gut 40 Betten für illegal Drogenabhängige. Wer sich heute entscheidet, wird bei uns für eine stationäre  Aufnahme innerhalb der nächsten zwei bis drei, manchmal vier Wochen einen Platz bekommen. Wobei das jetzt erst mal heftiger klingt als es eigentlich ist. Derjenige, der wirklich hinterher ist,  jeden Tag anruft, den kriegen wir immer innerhalb von einer Woche unter. Zusätzlich haben wir die Möglichkeit, in der ambulanten Notfallsprechstunde zu helfen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Die Patienten können sich bei uns zunächst freiwillig in einen geschlossenen Raum begeben. Das bedeutet: Die Haustür ist zu, es kann niemand an mich rankommen. Dann haben wir die Möglichkeit, in einem offenen Setting mit der Behandlung zu beginnen. Das bedeutet: Besuch und Außenkontakte sind möglich. Dadurch erhöht sich aber natürlich die Gefahr, abgelenkt oder unter Druck gesetzt zu werden. Darüber hinaus gibt es ein Wohngruppenkonzept: Die Patienten sind in einer Wohnung auf dem Klinikgelände untergebracht, tagsüber haben sie ihre Therapien, nachts ist jemand vom Pflegepersonal in der Nähe. Dann haben wir die Möglichkeit einer tagesklinischen Betreuung: Die Patienten kommen jeden Morgen in die Klinik, machen hier ihre Therapien und gehen nachmittags wieder nach Hause. Schließlich bieten wir noch eine ambulante Betreuung. Die Patienten werden über diese fünf verschiedenen Stufen möglichst vom gleichen Team betreut, sodass sie da auch eine langfristige Vertrauensbasis aufbauen können.

Wie hoch ist die Rückfallquote?

Ungefähr ein Drittel der Leute schafft es, nachhaltig das Leben zu verändern und auch auszusteigen, ein Drittel schafft‘ es, gute Phasen und schlechte Phasen zu haben, also abstinent zu leben, dann mal wieder abzusacken, aber sich sozusagen auf irgendeinem Niveau zu halten. Das alles schafft ein Drittel der Patienten nicht.

Meine zentrale Botschaft ist: Wenn es denn passiert ist, nicht zu lange schämen, sondern möglichst schnell nach dem Rückfall wiederkommen! Ich bin sehr froh, wenn Patienten unser Angebot zur Hilfe hier annehmen und wiederkommen. Denn natürlich ist der Schaden im Körper, im Kopf, aber auch im sozialen Leben nach einer Woche viel geringer, als wenn man sich aus lauter Scham ein halbes Jahr nicht in Behandlung begibt und ein halbes Jahr weiterkonsumiert. Dann müssen wir viel mehr wieder gerade rücken. Deshalb lieber rechtzeitig kommen!

Zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2019, 12:32 Uhr