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DebatteWas die Religionsgemeinschaften von einer allgemeinen Impfpflicht halten

von Michael Hollenbach

Stand: 14. Januar 2022, 13:52 Uhr

Lange haben Politiker, aber auch Wissenschaftler und Ethiker eine allgemeine Impfpflicht gegen Corona ausgeschlossen. Doch seit einigen Wochen nun die Wende: eine Mehrheit spricht sich für die Impfpflicht aus, auch Theologen und Ethiker. Eine Kehrtwende, die nicht unproblematisch ist.

Bildrechte: dpa

Der katholische Moraltheologe Andreas Lob-Hüdepohl ist Mitglied im Deutschen Ethikrat. Der Ethikrat hielt lange Zeit eine allgemeine Impfpflicht für nicht notwendig. Allerdings hätten die niedrige Impfquote und die aggressiven Varianten des Virus zu einem Umdenken geführt. Vor allem die dramatische Unterversorgung für gesundheitsgefährdete Personengruppen sei alarmierend, meint Lob-Hüdepohl. Schlaganfall - und Herzinfarkt-Patienten oder Patienten mit Tumorerkrankungen könnten zum Teil nicht operiert werden.

Deshalb kann ich mir sehr gut vorstellen, dass es sinnvoll ist, eine allgemeine Impfpflicht einzuführen.

Andreas Lob-Hüdepohl

Das sieht Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, auch so:

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Bildrechte: dpa

"Es gibt den sehr wichtigen Grundsatz im jüdischen Religionsgesetz, dass zur Erhaltung des Lebens alle Gebote außer Kraft gesetzt werden mit Ausnahme von Mord und Götzendienst. Ich bin der Meinung, dass die Notwendigkeit besteht, alles zu tun, um die Auswirkungen dieses Pandemie so gering wie möglich zu halten. Wenn wir im Moment erleben, dass die Kapazitäten der Kliniken an ihre Grenzen kommen, dann halte ich es für zwingend notwendig, eine Impfpflicht einzuführen.“

Gewissensentscheidung treffen

Die Zahl der Befürworter einer Impfpflicht wird auch in den Religionsgemeinschaften immer größer. Zu denen, die das skeptisch sehen, gehört Manfred Kollig. Er ist Generalvikar im katholischen Erzbistum Berlin. Er betont die Gewissensfreiheit des Einzelnen.

Ich selbst appelliere daran, dass man eine Gewissensentscheidung trifft. Das setzt voraus, dass man sein Gewissen bildet, dass man nicht immer nur seinen eigenen Wünschen folgt. Und es setzt auch voraus, dass, wenn ich eine Gewissensentscheidung getroffen habe, auch dafür die Konsequenzen in Kauf nehme.

Manfred Kollig

Der evangelische Pfarrer Frank Hiddemann ist Leiter der Ökumenischen Akademie Gera. Er hat sich in den vergangenen Wochen in sieben Veranstaltungen mit Impfgegnern auseinandergesetzt. Er ist entschiedener Befürworter des Impfens.

Weil man sich für die Schwachen und die Vulnerablen einsetzt, denn das Impfen ist ja nicht nur ein Schutz der eigenen Person, sondern vor allem auch ein Schutz der anderen, sodass ein kollektiver Schutz aufgebaut wird.

Frank Hiddemann

Noch stärkerere Spaltung der Gesellschaft befürchtet

Doch zugleich ist Frank Hiddemann gegen die Einführung einer Impfpflicht – und zwar aus pragmatischen und organisatorischen Gründen. Zu viel sei einfach noch unklar. Seiner Meinung nach würde eine Impfpflicht nicht so sehr die Impfquote erhöhen, als vielmehr die Spaltung der Gesellschaft forcieren und möglichweise zu einer Radikalisierung führen.

Dann ist es eben so, meint dagegen der katholische Moraltheologe Andreas Lob-Hüdepohl und fordert, den Impfgegner entschieden entgegenzutreten:

Der katholische Moraltheologe Andreas Lob-Hüdepohl Bildrechte: imago images/Jürgen Heinrich

Denen geht es ohnehin nicht um das Impfen, sondern denen geht es tatsächlich um die Ablehnung einer halbwegs solidarischen Gesellschaft. Denen geht es um die Ablehnung eines demokratisch verfassten Staates. Das ist die Botschaft von Rechtspopulisten.

Andreas Lob-Hüdepohl

Tatsächlich nutzen Rechtsextremisten die Impfdebatte, um ihre eigenen politischen Ziele zu verfolgen. Doch die Schar der Gegner der Impfpflicht geht weit über dieses Grüppchen hinaus. Ihre Sorgen und Ängste sollte man nicht ignorieren.

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