Ökumenische Andacht Karfreitagsgottesdienst aus Leipzig: "Klagezeit"

Zehn Wochen lang war in Leipzig "Klagezeit". Immer freitags standen zwei Menschen am Pult der Propstei- oder der Peterskirche, um ihren Sorgen und Nöten in Zeiten der Pandemie Ausdruck zu geben. Der Pflegedienstleiter einer Covid-19-Station, eine Mutter, die Homeoffice und Kinderbetreuung zusammenbringen muss, eine junge Frau, deren Lebenspartner in der Corona-Zeit an Krebs starb oder ein Leipziger Wirt. Am Karfreitag ging die ökumenische Andachtsreihe zu Ende, musikalisch begleitet vom Ensemble Choral Expedition und Amarcord. Wir fragten vorab Mitinitiatorin Kerstin Menzel vom Institut für praktische Theologie der Universität, wie und warum klagen helfen soll.

MDR KULTUR: Wie sind Sie auf die Idee zur "Klagezeit" gekommen?

Theologin Kerstin Menzel in der Propsteikirche in Leipzig 10 min
Bildrechte: Klagezeit Leipzig

MDR KULTUR - Das Radio Di 02.03.2021 18:05Uhr 09:36 min

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Kerstin Menzel, Theologin: Wir hatten zunehmend den Eindruck, dass es auch Menschen, die religiös sind, dass es auch Pfarrerinnen und Pfarrern schwerfällt, die Ohnmacht auszuhalten. Man möchte so gerne Trost und Hoffnung geben, in diesem Bemühen kommt aber die Widersprüchlichkeit und Trostlosigkeit der aktuellen Situation zu kurz.

Wir hatten selber Sehnsucht nach einem Gebet, einem Ritual, das stärker mit dem Aushalten und mit dem Schweigen arbeitet und das, was an Widersprüchen da ist, nicht zu schnell auflöst.

Schmochtitz: "Karsamstagsklagen" für Corona-Tote Das Bildungsgut in Schmochtitz bei Bautzen lädt für den Sonnabend von 10 bis 12 Uhr zu einem Online-Angebot unter dem Namen "Karsamstagsklagen" ein. Dabei werden zum Gedenken an die Corona-Toten im Landkreis, Kerzen in der Scheunenkirche entzündet, teilt Rektor Sebastian Kieslich mit. Für alle 802 im Landkreis an oder mit dem Virus Gestorbenen soll ein Licht angezündet werden. Das Gedenken lässt sich als Livestream über den YouTube-Kanal des Bildungsgutes des Bistums Dresden-Meißen mitverfolgen.

MDR KULTUR: In der "Klagezeit" kamen ganz unterschiedliche Menschen zu Wort: Ein Gastronom, ein Schulleiter, der Pflegedienstleiter einer Covid-19-Station. Auch eine junge Frau, deren Lebenspartner in der Corona-Zeit an Krebs gestorben ist. War es schwierig, Menschen zu gewinnen, ihre Klagen öffentlich auszusprechen?

Zettel in aufgestapelten Lochziegeln
Klagemauer in der Leipziger Peterskirche Bildrechte: MDR / Jonas Liebermann

Kerstin Menzel: Viele Menschen waren schnell bereit. Es gibt aber zwei Bereiche – und das hat mich überrascht – in denen war das nicht so einfach: in der Gastronomie und dem Handel. Da war die Rückmeldung: 'Wir wollen nicht klagen, wir wollen anpacken!' Umso schöner fand ich, dass der Vodkaria-Wirt Torsten Junghans sich in diesen für ihn fremden Raum getraut hat. Er sagte: "Ich habe mit Kirche nicht so viel zu tun, aber ich finde das gut, dass ihr das macht. Ich bin eigentlich kein Mensch der Klage. Aber es gibt Klage zu führen in diesen Zeiten." Dann hat er ganz berührend davon berichtet, wie ihm seine Gäste fehlen und wie er selbst auch nicht für seine Mitarbeitenden da sein kann.

Eigentlich liegt es mir nicht, zu klagen. Ich will tun, anpacken, helfen, verändern, verbessern, vermitteln. Wenn man weiß, dass Gastronomie für mich nicht nur Zeitvertreib und Lebensunterhalt, sondern auch Hort des Genusses, der Begegnung, der Unterhaltung, der Problemlösung, des Spaßes und ja, auch der Seelsorge ist, wenn man das alles weiß, dann bekommt man eine Vorstellung, was einem Gastronomen zur Zeit alles fehlt. 

Groteskerweise besteht die einzige Aufgabe der Kneiper, Restaurantbesitzer, Bar-Inhaber, Café-Betreiber gerade darin, Kontakte zu verhindern, Gemeinschaft zu verhindern. Diese Aufgabe, Risiken, im Zweifel Krankheit und Schlimmeres von anderen abzuhalten, muss derzeit unser Dienst an der Gesellschaft sein.

Torsten Junghans Wirt der Vodkaria in Leipzig

MDR KULTUR: Was genau heißt eigentlich klagen, wer hat Grund dazu, wer nicht?

Klagezeit in Leipzig
Sandra Beck trauert um ihren Mann. Dass der Abschied nur im kleinsten Kreis möglich war, schmerzt sie zusätzlich. Bildrechte: Klagezeit Leipzig

Kerstin Menzel: Das Leiden in dieser Pandemie ist vielfältig. Es betrifft die Menschen, die erkranken oder sterben und die, die sie unmittelbar pflegen. Aber diese Pandemie fordert an ganz vielen anderen Stellen Opfer.

Klage bedeutet nicht Anklage. Es geht nicht darum, eine Erwartungshaltung an irgendjemanden in Politik oder Gesellschaft zu formulieren. Auch nicht ums Jammern, sondern eher um das, was der Volksmund so formuliert: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Es tut Kirche gut, wenn sie genau zuhört. Wenn wir nicht immer schon wissen, worunter Menschen gegenwärtig leiden und wenn wir auch unsere liturgische Deutungshoheit abgeben.

Kerstin Menzel Theologin

MDR KULTUR: Was ist Ihre Erfahrung mit der "Klagezeit": Was entwickelt sich, wenn die Klage dann einmal ausgesprochen ist?

Klagezeit in Leipzig
Stephan Hildebrandt in der "Klagezeit". Seine ganze Familie, darunter vier Kinder, erkrankte im Dezember an Corona. Bildrechte: Klagezeit Leipzig

Kerstin Menzel: Ich glaube, etwas zu beschreiben, macht Dinge greifbarer und sorgt für Erleichterung bei denjenigen, die die Klagen formulieren, aber auch bei denjenigen, die sich reinhören können mit ihrer eigenen Erfahrungen. Wir schweigen nach den Klagen. Und in diesem Schweigen verwandelt sich ganz viel. Es ist aber auch so, dass wir manchmal die Rückmeldung bekommen haben: "Eure Veranstaltung hat eine Schwere, die wir nicht gut aushalten können." Das finde ich verständlich.

Klage findet sich nicht ab mit dem, was ist.

Kerstin Menzel Theologin

Pandemie-bedingt konnten nicht so viele Besucherinnen und Besucher vor Ort sein. Wie schätzen Sie die Resonanz ein?

Kerstin Menzel: Ungefähr 40 Menschen waren jeweils freitags in der Peterskirche bzw. St. Trinitatis vor Ort. Etwa 130 bis 150 verfolgten sie live im Netz oder später auf der Website. Per Live-Chat konnten während der "Klagezeit" Gedanken an einen Moderator, den "Anwalt" der Netzgemeinde geschickt werden. Der brachte sie dann mit ein in die "Klagewand". Digitaler und analoger Raum sollten sich so verbinden.

MDR KULTUR: Strahlt von dieser gemeinschaftlichen Klage etwas aus in die Leipziger Stadtgesellschaft, kann so eine "Klagezeit" das Gefühl der gesellschaftlichen Anspannung, der Erschöpfung ein bisschen verändern?

Kerstin Menzel: Das wäre natürlich ein großer Anspruch. Wir hatten sehr schnell große mediale Resonanz. Das hat dazu beigetragen, dass es viele wahrgenommen haben, was wir tun: Zuhören, die Nöte unterschiedlicher Gruppen genau wahrnehmen, dass wir als Kirche nicht immer schon wissen, was für Menschen gerade schwer ist, sondern dass wir genau zuhören und wissen wollen. Und dass wir für sie beten, egal, ob sie da sind oder nicht.

MDR KULTUR: Sie sind evangelische Theologin. Was wünschen Sie sich von den Kirchen in dieser Zeit der Pandemie, gerade jetzt mit Blick auf die Kar- und Ostertage?

Kerstin Menzel: Es wird erwartet, dass die Kirchen Antworten oder Deutungen haben. Gerade am Anfang wurde ja beklagt, dass sie gar nicht mehr sagen können, was diese Pandemie mit Gott zu tun hat. Ich glaube aber, dass unsere größere Kraft darin liegt, Schmerz, Trauer, Sehnsucht zum Ausdruck zu bringen, ohne Anworten zu geben oder sofort trösten zu können.

Wir sind noch mittendrin in der Pandemie und können Ostern noch nicht wirklich feiern. Aber das haben wir in der "Klagezeit" sehr gespürt, dass dieses Widersprüche und Spannungen aushalten schon etwas verwandelt.

Das Gespräch führte Beatrice Schwartner, MDR KULTUR.

Kirche und Kirchenmusik in Mitteldeutschland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. März 2021 | 18:05 Uhr