Coronavirus-Pandemie Die Kirche als einziger geöffneter Raum: Genutzt oder leer geblieben?

In der Corona-Pandemie waren die meisten, teilweise sogar alle, öffentlichen Räume geschlossen. Doch viele Kirchen konnten selbst im Lockdown ihre Türen offen halten. Sie konnte man auch ohne Test, nur unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln aufsuchen. Haben die Menschen das genutzt? Ein Besuch in der Frauenkirche und der Katholischen Hofkirche in Dresden:

Besucher gedenken in der Frauenkirche bei einer Andacht der Pandemie-Opfer in der Corona-Krise.
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Immer um Zwölf beginnt in der Dresdner Frauenkirche mit dem Klang der Friedensglocke die mittägliche Andacht. Obwohl die Innenstadt noch wie leer gefegt ist und die gewohnten Touristenströme fehlen, trauen sich inzwischen wieder mehr Menschen in die Kirche zum Gebet. Mit Blick auf die vergangenen Wochen und Monate sagt die Pfarrerin der Frauenkirche, Angelika Behnke: "Manchmal war wirklich nur ein einziger Andachtsgast da. Dann konnte ich denjenigen mit Abstand und Maske in den Altarraum bitten und habe eine Eins-zu-Eins-Auslegung gemacht, also ein geistliches Wort direkt für diese Person gesprochen. So etwas ist dann eben plötzlich möglich."

Das war für manche sehr intensiv, da liefen auch mal die Tränen vor Rührung.

Angelika Behnke Pfarrerin, Frauenkirche Dresden

Mehr bekannte Gesichter in den Andachten

Andererseits hat die Pfarrerin beobachtet, dass sie mittlerweile gerade in den Mittagsandachten immer wieder bekannte Gesichter unter den Besucherinnen und Besuchern entdeckt. Das sei vor der Corona-Pandemie nicht so gewesen, sagt Angelika Behnke: "Da waren zwei Drittel der Andachtsbesucher Touristen. Jetzt sehe ich Menschen, die aus Dresden oder aus dem Umland kommen und mehrfach in der Woche zu den Mittagsandachten auftauchen. Sie sagen: 'Das ist für mich ein beständiges Angebot, das meinen Tag strukturiert'. Jetzt, wo so viel in Bewegung und nichts sicher ist, entdecken die Menschen solche Rituale für sich."

Allerdings kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Menschen während des monatelangen Lockdowns zurückhaltend mit ihren Kirchen- und Gottesdienstbesuchen waren, um Kontakte zu reduzieren und damit das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. Angesichts der verwaisten Bänke in der Frauenkirche erschien und erscheint es Pfarrerin Angelika Behnke umso bedeutungsvoller, alle Abwesenden in die Fürbitten mit einzuschließen, ganz im biblischen Sinne des Betens ohne Unterlass. Dabei bezieht sich die Pfarrerin auch auf die Praxis der Klöster. Mönche und Nonnen beteten auch für diejenigen, die nicht an den Andachten teilnähmen.

Frauenkirche Dresden in festlicher Beleuchtung 60 min
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Der festliche Gottesdienst aus dem bekannten Kuppelbau wird musikalisch gestaltet von Sängerinnen und Sängern des Kammerchores der Frauenkirche. Die Predigt hält Frauenkirchenpfarrerin Angelika Behnke.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 25.12.2020 10:00Uhr 60:01 min

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Dresdner Frauenkirche 45 min
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Für alle Beten

Angelika Behnke hat aber auch festgestellt, dass sich die Gottesdienstgemeinde inzwischen anders zusammensetzt. "Es kommen auch Menschen, die in ihren Kirchgemeinden gerade kein Angebot finden, hierher in dem Bewusstsein: Hier ist eine offene Tür, hier kann ich einen Präsenz-Gottesdienst feiern."

Auch in der Dresdner Kathedrale St. Trinitatis, besser bekannt als Katholische Hofkirche, wurden die Gottesdienste während des Lockdowns oft von Mitgliedern anderer Gemeinden besucht. Dompfarrer Norbert Büchner berichtet, dass die Kirchen in dieser Zeit auch Anlaufstelle waren für Menschen, für die Religion ansonsten wenig bis gar keine Rolle gespielt hat: "Da gibt es ja immer eine Schwellenangst: 'Gehe ich jetzt in eine Kirche und warum gehe ich in eine Kirche?'"

In den einzelnen Gemeinden ist es gut angenommen worden, außerhalb der Gottesdienste hereinzuschauen, ein Kerzchen aufzustellen und wieder zu gehen. Das sind ja auch religiöse Praktiken.

Norbert Büchner Dompfarrer, St. Trinitatis Dresden

Persönliche Gespräche an der Tür

Doch selbst wenn die Türen der Kirchen für Besucherinnen und Besucherinnen offen standen, musste man zwischenzeitlich, zumindest in der Dresdner Kathedrale, einen Platz für die Gottesdienste reservieren. Beim Einlass vor der Messe wurde dann anhand der Liste geprüft, wer angemeldet ist. Für Norbert Büchner eine eindrückliche Erfahrung: "An der Tür habe ich sehr schöne Gespräche gehabt. Ich gehe ja sonst beim normalen Gottesdienst auf der anderen Seite raus. Das heißt, diese Tradition in der evangelischen Kirche, dass der Pfarrer mit an der Tür steht, kennen wir so nicht. Und da habe ich schon überlegt, ob man das nicht weiterführen sollte."

Dass man sich dadurch näher gekommen sei, kann Dompfarrer Norbert Büchner allerdings nicht bestätigen. Was das betrifft, setzt auch er letztlich auf weniger Einschränkungen und mehr Öffnung –  und zwar nicht nur in den Kirchen, sondern in allen Lebensbereichen.

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