Gespräch Corona-Politik: Medizinethiker Maio kritisiert "Tunnelblick"

Die dritte Welle bringt nicht nur die Intensivmedizin ans Limit. Nach einem Jahr Pandemie sind die Auswirkungen für die ganze Gesellschaft unübersehbar; für die Psyche des Einzelnen und das soziale Miteinander, für Bildung, Wirtschaft oder Kultur. Die Folgewirkungen politischer Maßnahmen endlich stärker in den Mittelpunkt zu rücken, fordert jetzt der Medizinethiker Giovanni Maio. Im Gespräch darüber kritisiert er, die seiner Meinung nach ständige Fixierung auf Infektions- und Todeszahlen.

Giovanni Maio
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Sie sind Medizinethiker, beraten die Deutsche Bischofskonferenz wie auch die Bundesregierung und die Bundesärztekammer. Was sind aus Ihrer Sicht die Grenzen des medizinischen Systems, des medizinisch Machbaren – auch in Corona-Zeiten?

Aus meiner Sicht liegt eine Grenze darin, dass man nur auf die Zahlen schaut und nur die Virenabwehr als politischen Auftrag sieht. Wir müssen weiter schauen, um das Gesamtproblem zu erfassen. Das wurde bisher nicht geleistet.

Zwei Drittel der Menschen mit schweren Corona-Verläufen haben Vorerkrankungen: Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas ... Zeigt die Pandemie auch hier die Grenzen der Medizin?

Es zeigt sich, dass die Medizin auf ganz verschiedenen Ebenen unverzichtbar ist. Durch die Epidemie fehlt sie an vielen Orten. Derartig erkrankte Menschen brauchen eine Betreuung, wenn sie ausfällt, dann bauen sich Probleme auf, für die wir uns viel mehr interessieren müssen.

Wir sind alle nicht gefeit, an Corona zu erkranken. Dennoch dürfen wir nicht nur auf den Aspekt schauen, wie man die Infektion verhindern kann, sondern auch auf die gravierenden Folgen von Lockdowns. Wir dürfen uns nicht nur von Zahlen diktieren lassen. Politische Verantwortung bedeutet, nicht nur die Virologen zu hören. Die Soziologen, die Psychologen, die Pädagogen – die vermisse ich in den Debatten. Sie können nicht nur naturwissenschaftlich geführt werden, weil die Probleme gesamtgesellschaftliche sind.

Nur auf die Infektionszahlen zu schauen, das reduziert Politik im Grunde auf die Umsetzung von Programmen, ohne auch Verantwortung für die Folgewirkungen übernehmen zu wollen.

Die Prämisse, dass der Rettung von Menschenleben alles andere nachgeordnet wird, wird öffentlich bisher nicht so diskutiert. Darüber zu diskutieren würde allerdings auch das Selbstverständnis von Ärzten hart treffen ...

Der blinde Fleck liegt darin, dass wir nur auf die Zahlen schauen und zu wenig darauf, was diese politischen Entscheidungen für die gesamte Gesellschaft bedeuten. Wir müssen die Einseitigkeit dieser politischen Debatten demaskieren und eine Vielstimmigkeit zulassen. Momentan dürfen die Folgewirkungen nicht diskutiert werden.

Man tut so, als wäre alles eindeutig. Das ist es aber nicht. Das sind alles Abwägungen.

Giovanni Maio Medizinethiker

Wir müssen unbedingt Triage-Entscheidungen vermeiden. Aber wir müssen dennoch die Folgewirkungen sehen, weil wir sonst (fixiert auf die Infektions- und Todeszahlen) einen Tunnelblick bekommen. Politik bedeutet ja gerade, das Gesamtgesellschaftliche zu sehen und nicht nur auf die Virologen zu hören.

Was heißt das aber für uns ganz praktisch hinsichtlich der Öffnung oder Lockerungen im Umgang mit der ganzen Pandemie?

Das heißt ganz praktisch, dass wir diskutieren müssen, was Social Distancing bedeutet. Was mir fehlt, ist beispielsweise die Reflexion auf das Postulat: Du darfst den anderen nicht berühren, du darfst ihm nicht zu nahe kommen.

Wir müssen andere Signale setzen. Mit dieser Metaphorik des Krieges und der Hermeneutik der Furcht, wo man über Angst versucht, die Menschen zu disziplinieren, das rächt sich. Wir müssen die Menschen aufklären darüber, dass die Dinge komplex sind, dass man weiß, welche negativen Auswirkungen es hat, um dann tatsächlich ausbalancierte Entscheidungen zu treffen.

Dass wir den anderen nur noch als Gefahr betrachten, das hat Auswirkungen. Das kann zu einer Entsolidarisierung führen. Wir müssen Gemeinschaftliches stiften.

Das Gespräch führte Annett Mautner, MDR KULTUR.

Zur Person Giovanni Maio, Jahrgang 1964, studierte Medizin und Philosophie in Freiburg, Straßburg und Hagen.

Seit 2005 ist er Professor für Bioethik, seit 2006 Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin.

Er berät die Deutsche Bischofskonferenz wie auch die Bundesregierung und die Bundesärztekammer.

April 2020: Schäuble startet Debatte um Corona, Grundrechte und den Schutz des Lebens Vor genau einem Jahr hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble die Debatte angestoßen. Im April 2020 äußerter er sich Berliner "Tagesspiegel" zu den Maßnahmen, die Einschränkungen von Grundrechten nach sich zogen:

"Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig", warnte der CDU-Politiker.

Wenn es überhaupt einen absoluten Wert im Grundgesetz gebe, sei das die Würde des Menschen. "Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen", sagte der Bundestagspräsident. Der Staat müsse für alle die bestmögliche gesundheitliche Versorgung gewährleisten. Aber es werde weiter Menschen geben, die an Corona sterben.

Corona-Politik in der Diskussion

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. April 2021 | 08:40 Uhr