Theologische Debatte "Corona ist keine Strafe Gottes"

Die Corona-Pandemie breitet sich aus: weltweit steigt die Zahl der Infizierten, ebenso die Zahl der Toten. Im Netz kursieren dazu Verschwörungstheorien, auch abstruse religiöse Deutungen. So mancher stellt da Zusammenhänge her zwischen dem Ausmaß der Pandemie und dem Wirken Gottes. Dabei, und darauf weisen auch die Kirchen hin, geht es in der Corona-Krise doch um etwas ganz anderes: Verantwortung zu übernehmen und sich solidarisch zu verhalten. Michael Hollenbach berichtet.

Eine Wandmalerei zeigt - Das jüngste Gericht
Bildrechte: imago/Manngold

Für den erzkonservativen Weihbischof Marian Eleganti ist klar: Die Pandemie komme nicht ohne Grund. Den Menschen fehle es heute an einem aufrichtigen Glauben an Gott, sagt der Schweizer Geistliche in seinem Videoblog:

Wenn wir in die Heilige Schrift schauen, dann finden wir immer einen Zusammenhang zwischen der spirituellen Befindlichkeit und Treue des Volkes Israels und den Ereignissen, auch Seuchen, Krankheiten.(…) Das Vertrauen auf Gott ist existentiell.

Weihbischof Marian Eleganti

Der Schweizer Weihbischof ist innerhalb der katholischen Kirche eher eine Einzelstimme am rechten Rand. Doch obwohl er von anderen Bischöfen bereits heftig kritisiert wurde, ist für ihn klar: wer von Corona verschont bleiben wolle, müsse glauben und beten.

Für den evangelischer Bischof der hannoverschen Landeskirche Ralf Meister ist dies eine gefährliche Interpretation.

Es geht ja darum, dass man einen Tun-Ergehen-Zusammenhang aufbaut. Das heißt, man behauptet, das, was du getan hast, hat eine unmittelbare Verbindung zu dem, wie es dir in Zukunft ergehen wird, weil Gott interveniert und er dich bestrafen wird oder er wird dich auch belohnen. (...)

Ralf Meister, Evangelischer Bischof der hannoverschen Landeskirche

Doch der Schweizer Weihbischof geht noch weiter. Er kritisiert die Präventionsmaßnahmen seiner Kirche, die inzwischen alle Gottesdienste abgesagt hat. Bei Hostien und Weihwasser dürfe man nicht auf Hygiene setzen, sondern müsse auf die Wunderkraft Gottes vertrauen.

Zum Beten gefaltete Hände
Bildrechte: colourbox

Dass unsere Demut vor Gott, unsere Gebete, unsere Buße, unsere Umkehr, dass sich das auswirkt auf die ganze Menschheit, auf unser Volk. Es gibt da ganz klar einen Zusammenhang.

Weihbischof Marian Eleganti

Aus der Geschichte lernen

Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann kennt solche Erklärungsmuster, dass Seuchen eine Strafe Gottes seien. Oder auch, dass man Buße tun müsse, um seine Seele zu retten. Es sind religiöse Reflexe aus dem Mittelalter, die eigentlich seit Jahrhunderten als überwunden galten.

Das klassische Maßnahmenbündel: Gebet, Bußprozessionen, Fasten, aber auch die Geißlerbewegung, das Flagellantentum, (…) wo sich Menschen geißelten und meinten, durch blutige Bußprozessionen, die sich durch ganz Europa zogen, Abhilfe schaffen zu können.

Thomas Kaufmann, Kirchenhistoriker

Eine religiöse Hysterie breitete sich damals aus – mit fatalen Folgen: Als Mitte des 14. Jahrhunderts die Pest in Europa ausbrach, fanden auch viele christliche Theologen in den Juden einen Sündenbock. Eines der dunkelsten Kapitel der Kirchengeschichte:  

Regelrechte Judenschlachtereien, Pogrome, weil man die Juden (...) als Erklärung (...) für den Ausbruch der Pest ansah und meinte, durch die Tötung der Juden die Ursache zu bekämpfen.

Thomas Kaufmann, Kirchenhistoriker

Statt – wie im Mittelalter – Schuldige zu suchen, gehe es heute darum, über die Ursachen der Pandemie zu reflektieren, meint der katholische Moraltheologe Franz-Josef Bormann:

Solche Einbrüche von natürlichen Vorgängen, ob das Klimaveränderungen sind oder ob das Krankheitserreger sind, zeigen einmal mehr, dass wir nicht gut beraten sind, wenn wir die Abhängigkeit von der Natur leugnen als Menschen. Das heißt, die Natur ist im Zweifelsfall immer die Stärkere, und das, was wir als Zivilisation aufbauen, das muss immer rückgekoppelt werden darauf, das Natürliche in seiner Bedeutung zu respektieren.

Franz-Josef Bormann, Moraltheologe

Dem kann der evangelische Bischof Ralf Meister nur zustimmen. Die Corona-Pandemie fordere alle, nicht nur die Christen, zum Nachdenken auf. Auf jeden Fall – so der Bischof – habe die Pandemie nichts mit dem Wirken Gottes in der Welt zu tun. Corona ist keine Strafe Gottes.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 22. März 2020 | 08:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. März 2020, 12:07 Uhr