MDR-Fernsehen | 10.04.2020 | | 08:05 Uhr + online first Palmsonntagsprozession im Eichsfeld: Das Wunder von Heiligenstadt

Festlich in Schwarz gekleidete Männern mit weißen Handschuhen und Zylinder - so sehen sie aus die Träger der überlebensgroßen Figuren bei der Palmsonntagsprozession in Heilbad Heiligenstadt. Ein Glaubensbekenntnis, dass seit 400 Jahren gelebt wird. Nur drei Mal musste es in dieser Zeit ausfallen. Die Heiligenstädter hoffen, dass die Prozession 2021 wieder stattfinden kann, so wie Elke Thiele sie erlebt hat.

Leidensprozession zu Palmsonntag in Heiligenstadt 30 min
Leidensprozession zu Palmsonntag in Heiligenstadt Bildrechte: MDR/Elke Thiele

Religion und Kirche Fr 10.04.2020 08:05Uhr 29:34 min

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Am Palmsonntag, 14 Uhr in Heiligenstadt: Die Prozession startet, in sechs dramatischen Bildern zeigt sie den Leidensweg Jesu mit Kreuzigung und Tod. Überlebensgroße Holzstatuen werden, begleitet von Gebet und Gesang der Gläubigen, durch die Gassen von Heiligenstadt getragen. Seit 1581 gibt es dieses Passionsspiel. Die Prozession wurde von den Jesuiten ins Leben gerufen und fand ursprünglich am Karfreitag statt. An dem Tag, der an die Kreuzigung Jesu erinnert. Später wurde sie aus praktischen Gründen auf Palmsonntag vorverlegt. Dass sie ausfällt, kam in den vergangenen 400 Jahren erst drei Mal vor.

Tradition und Familienerbe

Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Amtsübergabe: Richard Spillner löst seinen Vater als Träger des Heiligen Grabes ab. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Leben gehalten wird die Tradition von Heiligenstädter Familien wie den Spillners, die Söhne übernehmen das Amt von den Vätern. So wie es Rolf Spillner an seinen Junior Richard weiter gegeben hat. Damit wird Richard Teil einer Tradition, die in Heiligenstadt fast schon Heiligenstatus hat.

Dem jungen Mann ist die Bedeutung des Amtes bewusst. Nicht dass er sich als einer von zwölf Trägern die 320 Kilo schwere Darstellung des Grabes Jesu nicht zutrauen würde. Aber die Ehre wiegt schwer.

Glaubensbekenntnis vs. Event

Es braucht kein Organisationskomitee und kein Veranstaltungsbüro, um die größte Prozession Mitteldeutschlands mit 8.000 Teilnehmern alljährlich auf die Beine zu stellen. Die Aufgaben sind verteilt und werden innerhalb der Familien weitergegeben. Die Spillners, Kunzes und Heinevetters kümmern sich in der Woche vor dem Ereignis um die Herrichtung der sechs überlebensgroßen Darstellungen des Leidensweges Jesu.

Impressionen Wer die Palmsonntagsprozession von Heiligenstadt am Laufen hält

Die Palmsonntagsprozession ist kein Event oder bloßes Brauchtum - sie ist ein Glaubensbekenntnis der Heiligenstädter und ruht im wahrsten Sinne des Wortes auf ihren Schultern.

Ort von oben
Seit 1581 gibt es die Prozession in Heiligenstadt. Die Jesuiten im Kolleg nahe der Kirche kamen damals auf die Idee. Während eines Zuges durch die Stadt, die biblische Geschichte des Leidens und Sterbens Jesu darzustellen, war Teil ihrer Strategie, die Reformation im Eichsfeld rückgängig zu machen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ort von oben
Seit 1581 gibt es die Prozession in Heiligenstadt. Die Jesuiten im Kolleg nahe der Kirche kamen damals auf die Idee. Während eines Zuges durch die Stadt, die biblische Geschichte des Leidens und Sterbens Jesu darzustellen, war Teil ihrer Strategie, die Reformation im Eichsfeld rückgängig zu machen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Holzfigur
Kurz vor Palmsonntag werden die Prozessions-Figuren aus einem Verschlag am Giebel des alten Kolleges geholt, um sie zu schmücken. Diese Figur erinnert daran, dass Jesus vor seinem Tod am Ölberg betete. Da es im Eichsfeld keine Olivenzweige gibt, behilft man sich mit Eibe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
"Das ist ein Höhepunkt für uns, das ist ein Höhepunkt der ganzen Stadt", sagt Gerhard Bode. Er gehört seit Jahren zu den 50 Männern mit Zylindern, die die Helden des Tages sein werden. Pünktlich 14 Uhr am Palmsonntag startet die Prozession. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Das vier Meter hohe Kreuz zu tragen und auf der mehr als einen Kilometer langen Strecke auszubalancieren, erfordert viel Kraft und Übung. Einer muss sich dem anderen unterordnen. Bisher ist alles gut gegangen, sagt Engelbert Dreiling aus Waldhausen, der wieder dabei ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Nach dem Krieg stand die Prozession ebenfalls auf der Kippe. Doch der damalige Probst Paul-Julis Kockelmann konnte sie durch Intervention beim sowjetischen Stadtkommandanten retten. So trauten sich auch die DDR-Funktionäre nicht, das Erbe anzutasten, wohl aber jene, die mitgingen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mann
Durch alle Zeiten war die Prozession ein starkes Glaubensbekenntnis, erklärt Kirchenhistoriker Torsten Müller. Im ehemaligem Jesuitenkolleg, wo heute das Eichsfeldmuseum untergebracht ist, würde Müller, der dessen Direktor ist, gern mehr darüber erzählen und auch eine der Figuren ausstellen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Menschen hantieren an einer Holzfigur
Heiligenstädter Familien halten die Prozession seit mehreren Generationen am Leben, in dem sie die Figuren vorbereiten und die Träger stellen. Nicht alle könnten sich mit der Idee anfreunden, die Figuren im Museum auszustellen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Frau
Bernadette Heinevetter findet, die Prozessionsfiguren eignen sich nicht als Ausstellungsobjekt. Den Geist der Prozession, das Glaubensbekenntnis, könne man nicht im Museum zeigen, man müsse an einem Palmsonntag dabei sein. Die Prozession lasse sich nicht mit Events wie dem Sommergewinn in Eisenach oder der Bratwurstkrönung in Erfurt vergleichen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Holzfigur
Die Prozession wird fortgeführt von Heiligenstädter Familien. Seit 1734 wurde sie übrigens vom Karfreitag auf den Palmsonntag verlegt. Jesus am Kreuz tragen seit 1943 Männer aus Westhausen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ort von oben
Das Dorf Westhausen liegt rund fünf Kilometer entfernt von Heiligenstadt. Dort fehlten damals die Männer, weil sie im Krieg waren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Der Probst bat um Hilfe aus den Nachbargemeinden. So fanden sich in Westhausen neue Träger. Auch nach dem Krieg wollten sie das Amt nicht mehr abgeben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Die Westhausener Johannes Dreiling und nach ihm sein Sohn Engelbert haben Jahrzehnte lang das Kreuz auf sich geladen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Mit List und Schläue haben die Eichsfelde rihre Prozession verteidigt. Das hatte für einige Konsequenzen. In der Nazi-Zeit verbot die NSDAP-Kreisleitung, dass Schüler das Heilige Grab begleiteten. Acht Jungen setzten sich darüber hinweg und kamen dafür ins Straflager der Hitlerjugend in Bad Berka. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Rolf Spillner war in den 1980er-Jahren das erste Mal dabei. Er durfte deswegen nicht studieren, blieb aber bei seinem Bekenntnis. Nun hat er sein Amt auf seinen Sohn Richard übertragen, der die Kraft zehrende Aufgabe, das 320 Kilo schwere Heilige Grab mit über die 1.500 Meter lage Strecke zu befördern, meisterte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Menschen bei einer Prozession
Rund 8.000 Menschen beteiligen sich 2018 singend und betend an der Prozession, 4.000 schauen zu. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Hozschachtel wird bemalt
Zum Palmsonntag gehören auch die Schachteln von Helga Schotte. Eine, die sie mit dem biblischen Symbol des Lammes bemalte, ging sogar einmal an Kardinal Ratzinger. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Dr. Torsten Müller leitet das Eichsfeld-Museum, das im ehemaligen Jesuiten-Kolleg untergebracht ist. Er würde gerne mehr über die Passionsspiel in seinem Haus zeigen, eine Prozessionsfigur beispielsweise. In einem Verschlag am Giebel des alten Jesuitenkollegs sind sie übers Jahr untergebracht. Die Pieta wurde vor 120 Jahren neu angefertigt, die anderen Figuren stammen zum Teil noch aus der Zeit vor 400 Jahren . Doch nicht alle Heiligenstädter Familien sind von der Idee begeistert. Den Geist der Prozession könne man nicht ausstellen, den müsse man erleben, findet Bernadette Heinevetter:

Das ist ein Glaubensbekenntnis. Ich kann das nicht mit dem Sommergewinn in Eisenach vergleichen oder mit der Bratwurstkrönung in Erfurt oder mit den Altenburger Spielfiguren.

Bernadette Heinevetter

Eherne Tradition seit dem 16. Jahrhundert und Welterbe

Menschen hantieren an einer Holzfigur
Nicht alle Heiligenstädter Familien finden diese Idee gut und meinen, den Geist der Prozession könne man nicht ausstellen, den müsse man erleben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gleicht einem Wunder, wie es den Heiligenstädtern gelungen ist, ihre Prozession über die Jahrhunderte hinweg stoisch zu verteidigen. Nur einmal, im Kriegsjahr 1945, fand die Prozession nicht statt und es gab Zeiten, in denen Mut dazu gehörte, sich den Gläubigen anzuschließen. Unter den Nazis wurden jugendliche Teilnehmer mit Straflager verwarnt. Zu DDR-Zeiten setzten Abiturienten ihren Studienplatz aufs Spiel. Doch die Prozession zu unterbinden, wagte niemand. Noch nicht einmal die Genossen der SED.

Hinter Gebet und Tradition stand und steht ein Bekenntnis: Für die Heimat, für den Glauben und gegen politisch auferlegte Doktrin. 2016 wurde die Palmsonntagsprozession ins bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO aufgenommen. Die Ehre schmeichelt den Eichsfeldern schon, aber eigentlich wollen sie eine Woche vor Ostern nur eines: Glaubensstark und andächtig miteinander und mit Jesus durch Heiligenstadt ziehen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 19. April 2019 | 17:30 Uhr