In der Mediathek ansehen Palmsonntagsprozession im Eichsfeld: Das Wunder von Heiligenstadt

Festlich in Schwarz gekleidete Männern mit weißen Handschuhen und Zylinder - so sehen sie aus die Träger der überlebensgroßen Figuren bei der Palmsonntagsprozession in Heilbad Heiligenstadt. Ein Glaubensbekenntnis, dass seit 400 Jahren gelebt wird. Nur drei Mal in 400 Jahren fiel die Prozession aus Kriegsgründen bzw. wegen eines Schneesturmes aus. Nun sorgte die Pandemie 2020 und 2021 zwei Mal hintereinander dafür. Ein Blick zurück in die Zeiten vor Corona.

Leidensprozession zu Palmsonntag in Heiligenstadt 30 min
Leidensprozession zu Palmsonntag in Heiligenstadt Bildrechte: MDR/Elke Thiele

Religion und Kirche So 04.04.2021 07:35Uhr 29:34 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Bis Corona kam, lief es so am Palmsonntag, 14 Uhr in Heiligenstadt: Die Prozession startet, in sechs dramatischen Bildern zeigt sie den Leidensweg Jesu mit Kreuzigung und Tod. Überlebensgroße Holzstatuen werden, begleitet von Gebet und Gesang der Gläubigen, durch die Gassen von Heiligenstadt getragen. Seit 1581 gibt es dieses Passionsspiel. Die Prozession wurde von den Jesuiten ins Leben gerufen und fand ursprünglich am Karfreitag statt. An dem Tag, der an die Kreuzigung Jesu erinnert. Später wurde sie aus praktischen Gründen auf Palmsonntag vorverlegt. Dass sie ausfällt, kam in den vergangenen 400 Jahren erst drei Mal vor.

Tradition und Familienerbe

Das Wunder von Heiligenstadt - Von Sturköpfen und Männerbünden
Amtsübergabe: Richard Spillner löst seinen Vater als Träger des Heiligen Grabes ab. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Leben gehalten wird die Tradition von Heiligenstädter Familien wie den Spillners, die Söhne übernehmen das Amt von den Vätern. So wie es Rolf Spillner an seinen Junior Richard weiter gegeben hat. Damit wird Richard Teil einer Tradition, die in Heiligenstadt fast schon Heiligenstatus hat.

Dem jungen Mann ist die Bedeutung des Amtes bewusst. Nicht dass er sich als einer von zwölf Trägern die 320 Kilo schwere Darstellung des Grabes Jesu nicht zutrauen würde. Aber die Ehre wiegt schwer.

Glaubensbekenntnis vs. Event

Es braucht kein Organisationskomitee und kein Veranstaltungsbüro, um die größte Prozession Mitteldeutschlands mit 8.000 Teilnehmern alljährlich auf die Beine zu stellen. Die Aufgaben sind verteilt und werden innerhalb der Familien weitergegeben. Die Spillners, Kunzes und Heinevetters kümmern sich in der Woche vor dem Ereignis um die Herrichtung der sechs überlebensgroßen Darstellungen des Leidensweges Jesu.

Dr. Torsten W. Müller, Direktor des Eichsfeldmuseums in Heiligenstadt.
Direktor Dr. Torsten Müller Bildrechte: MDR/Elke Thiele

Dr. Torsten Müller leitet das Eichsfeld-Museum, das im ehemaligen Jesuiten-Kolleg untergebracht ist. Er würde gerne mehr über die Passionsspiel in seinem Haus zeigen, eine Prozessionsfigur beispielsweise. In einem Verschlag am Giebel des alten Jesuitenkollegs sind sie übers Jahr untergebracht. Die Pieta wurde vor 120 Jahren neu angefertigt, die anderen Figuren stammen zum Teil noch aus der Zeit vor 400 Jahren . Doch nicht alle Heiligenstädter Familien sind von der Idee begeistert. Den Geist der Prozession könne man nicht ausstellen, den müsse man erleben, findet Bernadette Heinevetter:

Das ist ein Glaubensbekenntnis. Ich kann das nicht mit dem Sommergewinn in Eisenach vergleichen oder mit der Bratwurstkrönung in Erfurt oder mit den Altenburger Spielfiguren.

Bernadette Heinevetter

Eherne Tradition seit dem 16. Jahrhundert und Welterbe

Menschen hantieren an einer Holzfigur
Nicht alle Heiligenstädter Familien finden diese Idee gut und meinen, den Geist der Prozession könne man nicht ausstellen, den müsse man erleben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gleicht einem Wunder, wie es den Heiligenstädtern gelungen ist, ihre Prozession über die Jahrhunderte hinweg stoisch zu verteidigen. Nur einmal, im Kriegsjahr 1945, fand die Prozession nicht statt und es gab Zeiten, in denen Mut dazu gehörte, sich den Gläubigen anzuschließen. Unter den Nazis wurden jugendliche Teilnehmer mit Straflager verwarnt. Zu DDR-Zeiten setzten Abiturienten ihren Studienplatz aufs Spiel. Doch die Prozession zu unterbinden, wagte niemand. Noch nicht einmal die Genossen der SED.

Hinter Gebet und Tradition stand und steht ein Bekenntnis: Für die Heimat, für den Glauben und gegen politisch auferlegte Doktrin. 2016 wurde die Palmsonntagsprozession ins bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO aufgenommen. Die Ehre schmeichelt den Eichsfeldern schon, aber eigentlich wollen sie eine Woche vor Ostern nur eines: Glaubensstark und andächtig miteinander und mit Jesus durch Heiligenstadt ziehen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 04. April 2021 | 07:35 Uhr