Interview Aktion DEMENSCH: Wie Cartoonist Gaymann Demenz mit Humor begegnet

Der Bund stellt am Mittwoch die Nationale Demenzstrategie vor. Cartoonist Peter Gaymann, den viele wegen seiner lustigen Hühner-Menschen mögen, spricht lieber von "DEMENSCH". Gaymann möchte mit Humor um Verständnis für die Betroffenen werben. Es sind nicht wenige, jedes Jahr erkranken 300.000 Menschen neu. Inzwischen wird auch Peter Gaymann zu Fachtagungen eingeladen. Was er über Demenz gelernt hat und wie Humor helfen kann, haben wir ihn gefragt.

Peter Gaymann
Der Cartoonist Peter Gaymann Bildrechte: dpa

Wie haben Sie entdeckt, dass Demenz auch komische Seiten hat?

Bei einer Weinwanderung am Kaiserstuhl im Breisgau kam ich mit dem Gerontologen Thomas Klie ins Gespräch. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, mit Humor und Fingerspitzengefühl dieses Thema zu bearbeiten. Ich war erst skeptisch. Dann fand ich es reizvoll, weil es so schwierig ist. Aber letztlich gehe ich nicht anders vor als bei anderen Themen. Ich lese, spreche mit Leuten, scribble in meinem Atelier.

Vor allem versuche ich, die Menschen erstmal unvoreingenommen zu sehen, egal, ob in meiner Serie über Paare, bei Familien oder Yogis. Ich gucke einfach, was die machen. Am besten ist es, Ahnung von einem Thema zu haben, sozusagen mit einem Bein drin zu sein, aber mit dem anderen auch draußen. Aus der Distanz kann man besser Fragen stellen, auch scheinbar blöde. Natürlich geht es bei unserer Aktion DEMENSCH nicht um harte Satire oder darum jemanden anzugreifen, sondern um einen menschenfreundlichen Humor. Den zu behalten, kann wichtig sein.

Frei nach dem berühmten Motto: Die Lage mag manchmal hoffnungslos scheinen, aber ernst ist sie nicht?

Ich glaube, es geht darum, so ein bisschen die Angst zu nehmen vor dieser ... muss man es Krankheit nennen oder ist es eine Form der Altersschwäche? Wie auch immer: Wir sollten versuchen, den Menschen, die dement sind, unvoreingenommener zu begegnen, statt alles furchtbar oder gar ekelhaft zu finden und sie gleich wegzuschieben, am besten ins Heim. Das passiert ja auch aus Angst. Humor kann helfen, solche Angst-Barrieren zu überwinden. Dass Lachen gesund ist, ist medizinisch erwiesen.

Eine von Peter Gaymanns Karikaturen für das Projekt Demensch"
Aus dem DEMENSCH-Kalender Bildrechte: Atelier Peter Gaymann

Seit 2013 erscheinen Ihre DEMENSCH-Kalender, die Cartoons sind auch bundesweit auf Wanderausstellung. Wie war die Resonanz am Anfang, wer interessiert sich dafür?

Die Resonanz war von Anfang groß und auch positiv. Bei Messen kommen heute ältere Menschen, die fragen: Gibt es diesen Senioren-Kalender wieder? Da ist keine Scheu, von wegen: 'Oh, da geht es um Demenz, so was kann ich mir nicht aufhängen oder verschenken!' Bei Ausstellungen oder Tagungen höre ich dann Geschichten von den Kindern dementer Eltern, viele bestärken mich und sagen: 'Sie machen das richtig, Herr Gaymann.' Wir haben auch immer noch zusammen lachen können. Humor, der menschenfreundliche, hat auch etwas entkrampfendes. Vielleicht nicht mehr ganz am Ende des Lebens, aber es ist ja vielleicht auch nicht gleich von Anfang an furchtbar. Ich weiß das aus dem Familienkreis, von Besuchen im Heim; selbst da habe ich noch solche Momente erlebt oder mir davon erzählen lassen.

Einige meiner Cartoons beruhen auf diesen Geschichten. Einer zeigt eine Tochter beim Ausflug mit ihrer dementen Mutter in den Hamburger Hafen, die sagt: 'Kann Wien schön sein!' Auf einem anderen steht ein älterer Mann, der offensichtlich ausgebüxt ist, an einer roten Ampel. "Alle Achtung, Sie haben aber Mut, im Schlafanzug auf der Straße!", sagt der junge Mann im Business-Outfit neben ihm. "Ist maßgeschneidert", kontert der Alte. Dass er kontert, gibt ihm seine Würde zurück. Diese Sicht nehmen Menschen gerne an.

Man lacht ja manchmal aus Verzweiflung ...

Ja, sicher. Aber in Lebenskrisen, wenn da jemand um die Ecke kommt, der einen zum Lachen bringen kann, fühlt man sich doch besser. Ich zeichne auch für den Bundesverband Kinderhospiz e.V., ehrenamtlich. Da geht es um junge Menschen, die kein langes Leben zu erwarten haben. Das ist noch tragischer, aber selbst da ist es erwünscht, durch Humor etwas Leichtigkeit zu gewinnen.

Haben Sie persönliche Erfahrungen oder eigene Ängste in Bezug auf "das große Vergessen"?

Ich bin jetzt 70. Mir fällt der eine oder andere Namen nicht gleich ein. Hin und wieder beginnt man schon, an sich zu zweifeln. 'Jetzt wird er langsam schusselig', hat man früher über andere gesagt. Jetzt sage ich: 'Wenn ich meine Brille finden würde, könnte ich mein Hörgerät suchen'. Na, ja, was den Blick in die Schublade auf der Suche nach dem Rollator angeht: Man muss schon ein bisschen übertreiben und die Pointe schärfen, um zu verdeutlichen.

Eine von Peter Gaymanns Karikaturen für das Projekt Demensch"
Das September-Blatt Bildrechte: Atelier Peter Gaymann

Dazu fällt mir diese Geschichte von Frau Tietjen ein, die erzählte, wie sie mit ihrem Vater spazieren ging und der früher sehr distinguierte Herr laut hinter einer Joggerin ausrief: 'Guck mal, was die für einen dicken Arsch hat.' Das fand sie peinlich. Aber das sind eben die Dinge, woran man merkt, der Mensch hat sich verändert ... Man sollte das so hinnehmen.

Ich muss sagen, es stört mich mehr, wenn ich beim Besuch im Altersheim mit am Kaffeetisch sitze und beobachte, wie Kinder zu ihren alten Eltern kommen und eine Tochter dann beispielsweise dauernd die Mutter anmotzt: 'Jetzt brösel doch nicht so den ganzen Tisch voll, jetzt hast du schon wieder den Kaffee verkleckert ...' Wo ich dann denke: 'Jetzt lass doch die Frau, du kannst es sowieso nicht ändern. Nimm es, wie es ist. Es ist nicht so furchtbar, kann man ja wieder wegwischen.'

Am Mittwoch wird seitens des Bundes eine Nationale Demenzstrategie vorgestellt. Es geht dabei um die bessere Vernetzung von Hilfsangeboten, damit betroffene Menschen länger zuhause betreut werden können, aber auch um Aufklärung und Akzeptanz. Was halten Sie von solchen Offensiven, und worauf kommt es im Alltag im Umgang mit Betroffenen an?

Mit Liebe und Mitmenschlichkeit reagieren, Hilfestellung geben, darauf kommt es an. Ich weiß, dass inzwischen sogar einige Banken ihre Angestellten schulen, dass, wenn jetzt beispielsweise eine demente Frau, ein dementer Mann in die Bank kommt und zum dritten Mal am Tag versucht, 5.000 Euro abzuheben, nicht gleich die Polizei anzurufen ist, sondern dass man versucht, sie freundlich anzusprechen und hinauszubegleiten oder Angehörige anzurufen. Das ist auch das Anliegen von Thomas Klie; zu versuchen zu helfen – so weit es eben geht. Sicher gibt es da Grenzen für die Betreuung zuhause.

Nationale Demenzstrategie – das ist natürlich ein sehr technisches Wort. Ich rede lieber von DEMENSCH, wenn ich irgendwohin eingeladen werde. Das Thema ist als wichtig erkannt. Viele Gemeinden, Städte müssen überlegen, wie sie damit umgehen. Denn mit steigender Lebenserwartung werden es jedes Jahr mehr Menschen, die betroffen sind und pflegebedürftig werden. So viele neue Heimplätze lassen sich vermutlich gar nicht schaffen. Das ist eine Herausforderung für die Gesellschaft.

Eine von Peter Gaymanns Karikaturen für das "DEMENSCH"-Projekt
Aus Anlass seines 70. Geburtstages sind "Gaymanns Virus-Visionen" noch bis 11. Oktober im Buchheim Museum in Bernried zu sehen. Bildrechte: Atelier Peter Gaymann

Zumal unter den Bedingungen einer Pandemie mit Besuchsverboten. Für Menschen mit Demenz war das besonders schrecklich, das weiß ich aus den Berichten von Thomas Klie. Einer meiner letzten Cartoons beschäftigt sich damit. Obwohl darauf fast nichts überhöht dargestellt ist, sondern eher Realität abgebildet. Ich muss zugeben, wenn ich etwas wirklich schlimm finde, dann fallen auch mir nicht mehr so viele komische Sachen dazu ein.

Das Gespräch führte Katrin Schlenstedt, MDR Religion und Gesellschaft.

Ausstellungstipp "DEMENSCH - Alltagssituationen von Menschen mit Demenz" anlässlich des Welt-Alzheimertages

Die Wanderausstellung nähert sich dem Thema Demenz mit Humor. Sie zeigt 25 Zeichnungen von Peter Gaymann

Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz
14467 Potsdam
Henning-von-Tresckow-Straße 2-13, Haus S, Foyer

Alzheimer: Ursachen, Symptome, Vorbeugung

Ursachen und Symptome: Bei der Alzheimer-Erkrankung kommt es zum fortschreitenden Verlust von Hirn-Nervenzellen sowie zu Ablagerungen. Die ersten Symptome von Alzheimer werden oft nicht mit der Krankheit in Verbindung gebracht: Kopfschmerzen, leichte Depressionen, Leistungsschwäche. Bald kommt es zu ersten Ausfallerscheinungen des Gehirns.

Frühwarnzeichen

1. Der Betroffene wiederholt immer wieder die gleiche Frage.

2. Er oder sie erzählt ständig dieselbe Geschichte mit denselben Worten.

3. Es gelingt nicht mehr, alltägliche Verrichtungen (Kochen, Kartenspielen, Benutzung der Fernbedienung) vorzunehmen.

4. Der Umgang mit Geld, Rechnungen und Überweisungen klappt nicht mehr.

5. Gegenstände werden verlegt oder unbewusst versteckt, Angehörige werden verdächtigt, sie weggenommen zu haben.

6. Der Patient weigert sich, sich zu waschen oder frische Kleider anzuziehen und behauptet fälschlich, dies gerade erst getan zu haben.

7. Er wiederholt an ihn gerichtete Fragen.

Mit dem Fortschreiten der Krankheit nimmt das Orientierungsvermögen stark ab, die sprachlichen Fähigkeiten verkümmern, die Persönlichkeit beginnt zu zerfallen. Im späten Stadium der Krankheit baut der Körper stark ab. Betroffene können ihren Alltag ohne ständige Pflege nicht mehr meistern. Nach der Diagnose leben die Betroffenen meist noch zwischen acht und zehn Jahren. Heilung ist bislang nicht möglich. Mit Medikamenten werden die Symptome behandelt. Das Voranschreiten der Krankheit wird so verlangsamt.

Vorbeugung: Einige Verhaltensweisen können laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, senken. Dazu gehören körperliche, geistige und soziale Aktivität; eine ausgewogene, cholesterin- und fettarme Ernährung; die Behandlung von Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und Diabetes Mellitus.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 21. September 2020 | 19:00 Uhr