"Nicht gesellschaftsfähig": Alltag mit psychischen Belastungen Depression: Wie Comic-Künstler Schwarwel die Dämonen umarmt

"Um so schwerer das Thema, um so leichter musst du das erzählen", sagt der Leipziger Comic-Künstler Schwarwel über seine Idee, Depression, Ängste und Zwänge aus der Tabuzone zu holen. Neben Erfahrungsberichten und Interviews machen Gedichte und Comicstrips von Schwarwel das 600-Seiten-Werk zum "Blätterbuch", das vor allem eins will: zum offenen Gespräch über den Alltag mit psychischen Belastungen anregen. Auskunft geben auch Prominente wie Comedian Torsten Sträter oder Songwriterin Luci van Org. Inzwischen geht der Sammelband "Nicht gesellschaftsfähig" schon in die zweite Auflage und geredet wird auch via Online-Talk.

"Nicht gesellschaftsfähig": Im Gespräch mit dem Comic-Künstler Schwarwel und Sandra Strauß
Wie Comic-Künstler Schwarwel sich manchmal fühlt Bildrechte: Schwarwel

"Nicht gesellschaftsfähig" - so heißt das Buch, das eigentlich um die 300 Seiten haben sollte, dann aber doppelt so dick wurde. Nicht Experten, sondern Betroffene und deren Angehörige schildern ihren Alltag mit psychischen Belastungen. Und das mit großer Offenheit, ernst, aber auch mit Humor. Auskunftsbereit sind Prominente wie zum Beispiel Comedian Torsten Sträter, Songwriterin Luci van Org oder Moderator Markus Kavka, die davon erzählen, wie es ist mit Depressionen, Ängsten oder Zwängen zu leben.

Von der Idee zum Projekt

"Nicht gesellschaftsfähig": Im Gespräch mit dem Comic-Künstler Schwarwel und Sandra Strauß
Sandra Strauß und Comic-Künstler Schwarwel sind die Herausgeber. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auf den Weg gebracht haben dieses auch durch Crowdfunding finanzierte Buch-Projekt der Leipziger Comic-Künstler Schwarwel und Produzentin Sandra Strauß mit ihrem Studio "Glücklicher Montag".

Die Idee lag für Schwarwel nah. Zum Projekt sei sie nach dem "Endlichkeitsfestival" im September 2019 geworden, erzählt er. Das gemeinsam mit FUNE-Stiftung veranstaltete Festival sollte Laien und Experten zusammenbringen, um über die ebenfalls gern verdrängten Themen Trauer und Tod ins Gespräch zu kommen. Schwarwel nahm mit seiner Graphic Novel "Gevatter" an diesem Diskurs teil, der letzlich nicht nur auf die Endlichkeit, sondern auch darauf zielte, "ein Gespür für den Wert des Lebens" zu bekommen. "Für mich war es ein logischer Schritt zu sagen: 'Hey, eigentlich wäre das ein Thema für ein Buch, wo man noch mehr Protagonisten einbinden kann", erklärt Schwarwel und Sandra Strauß erinnert sich, wie schnell der Plan gefasst war: "Eins unserer typischen Meetings: 'Wollen wir es machen? Ja!'"

Klar war für sie, dass Betroffene selbst und ohne starre Vorgaben zu Wort kommen sollten: "Wie fühlt sich der Alltag mit einer Persönlichkeitsstörung an, mit Schizophrenie, mit Depressionen, mit Ängsten, Zwängen. Was ist denn das eigentlich alles? Das war unser Ansatzpunkt, darüber zu erzählen, um es anderen erklären zu können."

"Blätterbuch": Alles andere als staubtrocken

Es gibt viele Fachbücher zum Umgang mit psychischen Erkrankungen, auch Bücher aus der Perspektive von Betroffenen. Was "Nicht gesellschaftsfähig" davon unterscheidet, ist neben der freien Erzählweise die ungewöhnliche Form, die Schwarwel "Blätterbuch" nennt. Zu den Erfahrungsberichten und Interviews kommen seine Comictrips oder Gedichte sowie Hinweise auf Hilfsangebote für Betroffene.

"Es war unser Ansatz, dass es unterhaltsam sein muss. Ich will selbst nichts Staubtrockenes lesen. Deswegen wollten wir so ein Blätterbuch machen, wo man irgendwo reinlesen kann und feststellt, ob das einen interessiert und dann liest man halt weiter", erklärt Schwarwel und meint:

Um so schwerer das Thema, um so leichter musst du das erzählen.

Schwarwel
"Nicht gesellschaftsfähig": Im Gespräch mit dem Comic-Künstler Schwarwel und Sandra Strauß
Comedian Torsten Sträter gibt Auskunft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und mit dieser gewissen Leichtigkeit auch gegen das Klischee arbeiten, wie Sandra Strauß hinzufügt: "Wir wollten zeigen, dass nicht alle, die depressiv sind, oder Ängste, Zwänge, Persönlichkeitsstörungen haben, nicht aus dem Bett kommen und nur Zuhause liegen. Wir zeigen hier erfolgreiche Menschen. Erfolgreich nicht in dem Sinne, weil sie auf der Bühne stehen, sondern weil sie jeden Morgen aufstehen, Zähne putzen und ihren Alltag meistern."

"Nicht gesellschaftsfähig": Im Gespräch mit dem Comic-Künstler Schwarwel und Sandra Strauß
Schwarwel und "Selbstbestimmt"-Moderator Martin Fromme im Gespräch Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diesen Alltag nun unter den Bedingungen der Pandemie zu bestreiten, bedeutet unter Umständen noch mehr Druck. Etwa wenn Existenzängste wegen des Jobs und des Einkommens zu bewältigen sind. Als Comic-Künstler kennt Schwarwel diese Gefühle. "Ich hatte auch so meine Zusammenbrüche aufgrund meiner Depression", gesteht er. Andererseits fällt ihm das Abstandhalten in der Pandemie nicht allzu schwer: "Der Abstand tut mir ziemlich gut, da habe ich überhaupt nichts dagegen. Für mich ist jedes Massenkonzert ein Horror. Man fokussiert sich mehr, die Achtsamkeit wird geschult. Das ist schon eine Lebenserfahrung."

Gegen die Depression ankämpfen?

"Nicht gesellschaftsfähig": Im Gespräch mit dem Comic-Künstler Schwarwel und Sandra Strauß
Lernen, die Dämonen zu umarmen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vor 14 Jahren wurde bei Schwarwel die Diagnose Depression gestellt. Auch in seinen Bildern, in seinen Figuren und Geschichten thematisiert der 52-jährige psychische Belastungen, über die er heute sprechen kann: "Das geht von Panikattacken bis hin zu Ängsten, von irgendwelchen Brücken springen zu wollen. Da ist das gesamte Programm durchaus darin enthalten." Auf die Frage, wie er dagegen ankämpft, sagt er:

Gegen die Depression anzukämpfen, halte ich für falsch. Ich versuche, mit ihr zu leben. Sie ist nun mal Teil von mir und macht mein Wesen aus. Das ist ja nichts, was aufgestülpt wird von außen. Das ist etwas, was in mir ist und zu mir gehört. Das heißt, ich muss meine Dämonen umarmen. Sagen: 'OK, heute ist Scheiße, aber morgen wird vielleicht besser.'

Schwarwel

Offenheit als Chance

Offen darüber zu reden, das ist sein Weg. Der aber wäre auch eine große Chance für andere, letztlich für die ganze Gesellschaft, findet Schwarwel: "Ich glaube tatsächlich, dass es allen helfen würde, offen mit Sachen umzugehen. Viele Belastungen kommen auch daher, dass man sich selber versteckt, sich vor anderen versteckt oder sich nicht traut. Da ist es ganz gut, wenn man Wege findet und auch anderen Leuten Wege zeigt. Egal, ob du jetzt ein Buch schreibst, einen Podcast machst oder sonst was."

"Nicht gesellschaftsfähig": Im Gespräch mit dem Comic-Künstler Schwarwel und Sandra Strauß
Anregend: Ein Blätterbuch voll ganz unterschiedlicher Stimmen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Angaben zum Buch Schwarwel, Sandra Strauß (Hrsg.)
Nicht gesellschaftsfähig
Alltag mit psychischen Belastungen
Glücklicher Montag
604 Seiten
29,90 Euro
15 Euro im PDF-Format

Programmtipp: Mehr in der Sendung

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN So, 14.02.2021 08:00 08:30
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Ratgeber: Depression

Frau mit Hund
Bevor Teresa Enke wusste, was Depression wirklich bedeutet, hat sie fest daran geglaubt, dass sie und Robert es mit Liebe schaffen würden. Bis der berühmte Torwart sich vor zehn Jahren das Leben nahm. Wenn die Partner, die Eltern oder Geschwister depressiv werden, gerät auch das eigene Leben aus den Fugen. Bildrechte: MDR/WDR/Bildersturm Filmproduktion GmbH

Über Schwarwel Thomas Meitsch alias Schwarwel, 1968 in Leipzig geboren, schuf 1987 seine Comicfigur Schweinevogel. Seitdem sind mehrere Bände erschienen. Von 1993 bis 2011 war Schwarwel Art Director bei den "Ärzten" und schuf dabei auch zahlreiche Cover der Band. 1996 kam Schwarwel zudem für zehn Jahre als Chefredakteur zum neu gegründeten Comicverlag EEE. Seit 2004 als freier Grafiker und Regisseur tätig, sind seitdem zahlreiche Animationsfilme entstanden, u.a. "Herr Alptraum und die Segnungen des Fortschritts", „Richard – Im Walkürenritt durch Wagners Leben“, "1813 – Gott mit uns" und 2014 feiert der Kurzfilm "1989 - Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer" Premiere.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Das Magazin | 14. Februar 2021 | 08:00 Uhr