Europäischer Depressionstag am 4. Oktober Depression: Wenn Liebe allein nicht hilft

Bevor Teresa Enke wusste, was Depression wirklich bedeutet, hat sie fest daran geglaubt, dass sie und ihr Mann Robert es mit Liebe schaffen würden. Bis der berühmte Torwart sich 2009 das Leben nahm. Was sie Angehörigen und Betroffenen rät, zeigt die "Selbstbestimmt"-Reportage zum Europäischen Depressionstag am 4. Oktober.

Seitdem Nils denken kann, war seine Mutter depressiv. Nicht nur sie, die ganze Familie litt unter der Krankheit. Über Monate hinweg verschwand seine Mutter ins Ungewisse. So nahm Nils das als Kind damals wahr. Er dachte jedes Mal, seine Mutter käme nie mehr zurück. Heute weiß er, dass sie in der Klinik war. Bevor Teresa Enke wusste, was Depression wirklich bedeutet, hat sie fest daran geglaubt, dass sie und Robert es mit Liebe schaffen würden. Bis der berühmte Torwart sich 2009 das Leben nahm.

Zeit der Ängste und harter Entscheidungen

Wenn die Partner, die Eltern oder die Geschwister depressiv werden, gerät auch das eigene Leben aus den Fugen. Depression löst Hilflosigkeit und tiefe Ängste aus, verlangt aber auch oft nach harten Entscheidungen: Bleibe ich oder gehe ich? Kann ich die Verbindung zu dem geliebten Menschen weiterführen? Vernachlässige ich mein eigenes Leben oder nehme ich es endlich in die Hand?

Kampf gegen eine Volkskrankheit

Nils will es nach einer gescheiterten Beziehung endlich schaffen, die eigene Familie mit dem neu geborenen Kind durch ein Leben ohne Abgründe zu führen. Teresa hat eine Stiftung für den Kampf gegen die Volkskrankheit Depression gegründet, die gerade ein Virtual-Reality-Projekt entwickelt hat, mit dem man erleben kann, wie es im Kopf von depressiven Menschen aussieht. Gleichzeitig bereitet sie sich zurzeit der Dreharbeiten auf den zehnten Todestag von Robert Enke am 10. November 2019 vor und erlebt noch einmal die Gefühle von einst.

Was ist eine Depression? Aus medizinisch-therapeutischer Sicht ist die Depression eine ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst, mit Störungen von Körperfunktionen einhergeht und erhebliches Leiden verursacht. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können sich selten allein von ihrer gedrückten Stimmung, Antriebslosigkeit und ihren negativen Gedanken befreien.
(Quelle: Stiftung Deutsche Depressionshilfe)

Was Angehörige tun können

Auf die Frage, was Angehörige tun können, erklärte Teresa Enke in einem Interview mit MDR aktuell, dass das gar nicht so leicht sei. Alarmzeichen seien Schlafstörungen oder wenn jemand nicht mehr richtig esse, Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit äußere oder eine ganz und gar negative und pessimistische Zukunftsperspektive habe. Andererseits sei die "Schauspielerei der Betroffenen" am Ende auch fast perfekt:

Frau mit Hund
Teresa Enke am Grab ihres Mannes Bildrechte: MDR/WDR/Bildersturm Filmproduktion GmbH

"Am Schluss wusste ich nicht, geht es ihm (Robert Enke, Anm. d. Red.) wieder besser oder nicht. Gerade, wenn jemand, dem es sehr schlecht ging, auf einmal sagt: 'Wow, ich zieh' mich heute alleine an, ich gehe raus und genieße die Sonne!' - Das können ebenfalls Warnzeichen sein, nach einer langen Depression. Da muss man genauer hinschauen, ob das so sein könnte, weil er die Entscheidung für sich gefällt hat, nicht mehr leben zu wollen und sich nun da wie befreit fühlt." Angehörige könnten nicht den Therapeuten ersetzen, warnt Teresa Enke: 'So traurig es ist, wenn jemand wirklich vorhat, sich umzubringen und den Suizid zu begehen, dann ist es schwer, denjenigen aufzuhalten. Aber es gibt diese vielen Stufen davor, die man in Begleitung mit einem Therapeuten gehen sollte. Ohne schaffen das Angehörige nicht. Da ist auch die Verantwortung zu groß".

Dass es wichtig ist, die Krankheit oder deren Anzeichen zu thematisieren, bestätigt auch Nicole Koburger. Sie ist Psychologin und ehrenamtlich beim Leipziger Bündnis gegen Depression tätig. Sie weist außerdem darauf hin, dass die Erkrankung jeden treffen könne und es wichtig sei, schnell geeignete Hilfe zu leisten, um so möglicherweise Leben zu retten: "Viele Betroffene, die aus der Erkrankung rauskommen oder eine suizidale Krise überleben, berichten, dass es ihnen geholfen hat, dass sie jemand angesprochen hat. Oder dass sie sich gewünscht hätten, dass sie jemand anspricht. Es ist falsch zu denken, dass man damit Suizidgedanken auslöst. Es ist eine Entlastung, wenn man einfühlsam gesagt bekommt: 'Ich beobachte, du hast dich verändert. Was ist denn da los? Kann ich dir helfen?'"

Wo gibt es Hilfe für Angehörige und Betroffene? Depression als ernsthafte Krankheit zu erkennen, dabei helfen der Hausarzt oder eine Beratungsstelle. Die Telefonseelsorge kann unter den Nummern: 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222 erreicht werden.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet Betroffenen und Angehörigen vielfältige Informations- und Hilfsangebote wie das Diskussionsforum Depression und das kostenfreie deutschlandweite Info-Telefon Depression: 0800 / 33 44 533.
Mo, Di, Do: 13:00 – 17:00 Uhr
Mi, Fr: 08:30 – 12:30 Uhr

Stiftung Deutsche Depressionshilfe
Goerdelerring 9, 04109 Leipzig
Tel.: 0341/22 38 74 0
Fax: 0341/22 38 74 99
E-Mail: info@deutsche-depressionshilfe.de

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Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
Heinrich-Hoffmann-Str.10, 60528 Frankfurt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Die Reportage | 04. Oktober 2020 | 08:00 Uhr