Selbstbestimmt | 01.08.2021 Depression: Wenn Liebe allein nicht hilft

Bevor Teresa Enke wusste, was Depression wirklich bedeutet, hat sie fest daran geglaubt, dass sie und ihr Mann Robert es mit Liebe schaffen würden. Bis der berühmte Torwart sich 2009 das Leben nahm. Was sie Angehörigen und Betroffenen rät, erzählt die "Selbstbestimmt"-Reportage.

Frau mit Hund
Teresa Enkes Mann Robert hat sich das Leben genommen. Bildrechte: MDR/WDR/Bildersturm Filmproduktion GmbH

Vor mehr als zehn Jahren hat sich der Mann von Teresa Enke, der National-Torwart Robert Enke, das Leben genommen. Dem Suizid lag eine Depression zu Grunde. Teresa Enke hat ihren Mann intensiv begleitet. Doch nachempfinden, wie sich ein an Depressionen erkrankter Mensch fühlt, ist fast unmöglich.

Nach dem Tod ihres Mannes gründete Teresa Enke eine Stiftung für den Umgang mit Depressionen im Alltag und im Leistungssport. Um auf neue Weise auf die Volkskrankheit aufmerksam zu machen und Angehörige Betroffener zu sensibiliseren, hat die Stiftung ein Virtual-Reality-Projekt entwickelt. Bei dem Projekt kann man für 15 Minuten in die Gefühlswelt eines an Depressionen leidenden Menschen eintauchen. Ziel ist, dass die Krankheit schneller erkannt wird und Angehörige Betroffene besser unterstützen können.

Was ist eine Depression? Depressive Störungen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Krankheiten. Im Schnitt erkranken bis zu 20 von 100 Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal an einer Depression oder an einer depressiven Verstimmung. Aus medizinisch-therapeutischer Sicht ist die Depression eine ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst, mit Störungen von Körperfunktionen einhergeht und erhebliches Leiden verursacht. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können sich selten allein von ihrer gedrückten Stimmung, Antriebslosigkeit und ihren negativen Gedanken befreien. Eine Depression ist psychotherapeutisch und medikamentös behandelbar, vor allem, wenn sie frühzeitig erkannt wird. Stiftung Deutsche Depressionshilfe

Was Angehörige tun können

An Depressionen erkrankten Menschen zu helfen, sei gar nicht so leicht, sagt Teresa Enke in einem Interview mit MDR AKTUELL. Alarmzeichen seien etwa Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle oder wenn eine Person eine ganz und gar negative, pessimistische Zukunftsperspektive äußere.

Doch selbst auf solche Anzeichen ist nicht unbedingt Verlass. Betroffene könnten über ihren wahren Zustand täuschen, erzählt Teresa Enke:

Die Schauspielerei der Betroffenen ist nahezu perfekt. Kurz vor dem Tod meines Mannes konnte ich kaum einschätzen, ob es ihm wieder besser geht oder nicht.

Teresa Enke

Auch vermeintlich positive Signale können nach einer langen Depression Warnzeichen sein, betont Teresa Enke: "Gerade, wenn jemand, dem es sehr schlecht ging, auf einmal die Initiative ergreift, sich etwa alleine anzieht und rausgeht, um die Sonne zu genießen, muss man genauer hinschauen. Ein Grund könnte sein, dass die Person die Entscheidung gefällt hat, nicht mehr leben zu wollen und sich deshalb wie befreit fühlt."

Fachliche Hilfe notwendig

Angehörige könnten nicht den Therapeuten ersetzen, warnt Teresa Enke: "So traurig es ist, wenn jemand wirklich vorhat, Suizid zu begehen, ist es schwer, denjenigen aufzuhalten." Wichtig ist, sich so früh wie möglich Hilfe zu holen:

Es gibt viele Stufen, die man in Begleitung mit einem Therapeuten gehen kann und sollte. Ansonsten ist die Verantwortung für Angehörige zu groß.

Teresa Enke

Dass es wichtig ist, die Krankheit oder deren Anzeichen zu thematisieren, bestätigt auch Nicole Koburger. Sie ist Psychologin und ehrenamtlich beim Leipziger Bündnis gegen Depression tätig.

Sie weist außerdem darauf hin, dass die Erkrankung jeden treffen könne und es wichtig sei, schnell geeignete Hilfe zu leisten, um so möglicherweise Leben zu retten: "Viele Betroffene, die aus der Erkrankung rauskommen oder eine suizidale Krise überleben, berichten, dass es ihnen geholfen hat, dass sie jemand angesprochen hat. Oder dass sie sich gewünscht hätten, dass sie jemand anspricht. Es ist falsch zu denken, dass man damit Suizidgedanken auslöst. Es ist eine Entlastung, wenn man einfühlsam gesagt bekommt: 'Ich beobachte, du hast dich verändert. Was ist denn da los? Kann ich dir helfen?'"

Wo gibt es Hilfe für Angehörige und Betroffene? Bei der Diagnose von Depressionen helfen der Hausarzt oder eine Beratungsstelle. Die Telefonseelsorge kann unter den Nummern: 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222 erreicht werden.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet Betroffenen und Angehörigen vielfältige Informations- und Hilfsangebote wie das Diskussionsforum Depression und das kostenfreie deutschlandweite Info-Telefon Depression: 0800 / 33 44 533.
Mo, Di, Do: 13:00 – 17:00 Uhr
Mi, Fr: 08:30 – 12:30 Uhr

Stiftung Deutsche Depressionshilfe
Goerdelerring 9, 04109 Leipzig
Tel.: 0341/22 38 74 0
Fax: 0341/22 38 74 99
E-Mail: info@deutsche-depressionshilfe.de

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt - Die Reportage | 01. August 2021 | 08:00 Uhr