Gedenken an die Opfer der Corona-Pandemie Der schwere Abschied - Trauer in Corona-Zeiten

In ganz Deutschland wird am 18. April an die Verstorbenen der Corona-Pandemie gedacht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lädt in Berlin zu einer zentralen Gedenkveranstaltung, zuvor findet ein ökumenischer Gottesdienst statt. Doch was kann ein solches Gedenken bewirken? Und was bedeutet der Gedenktag für jene, die Angehörige verloren haben und sich nicht mehr von ihnen verabschieden konnten? Blanka Weber mit einer sehr persönlichen Geschichte.

Eine Bronzefigur in Form eines Engels an einem Kreuz
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Christiane Sparsbrod musste in der vergangenen Zeit gleich zwei Mal Abschied nehmen. Ende 2019 starb ihr Mann. Damals war die Pandemie noch weit entfernt. Vor vier Monaten starb dann auch ihre Mutter, aufgrund einer Corona-Infektion. Zwei Todesfälle - zwei Mal Abschied nehmen, und doch war jetzt alles so anders als damals bei ihrem Mann.

Um ihn hab ich wirklich sehr getrauert. Aber der Tod meiner Mutter ist für mich verschlossen. Er ist in mir drin, wo ich nicht rankomme. Es gibt keinen Trost. Ich hab den Schlüssel nicht, um da ran zu kommen.

Christiane Sparsbrod

Keine Chance zum Abschiednehmen

Ihre Mutter ist 88 Jahre alt geworden und hat die letzten Monate - nach einem Sturz - in einem Heim verbracht. Als klar war, dass sie sich mit dem Coronavirus infiziert hatte, schien eine Welt zusammen zu brechen. Bis heute hadert Christiane Sparsbrod mit sich und würde vieles anders machen.

Es nützt mir alles nichts. Es nützt mir auch der allgemeine Gedenktag nichts. Meine Schwester hat gerade gesagt, sie wird es bis zu ihrem Tod bereuen, dass wir nicht gekämpft haben, sie nochmals sehen zu dürfen.

Christiane Sparsbrod

Vor allem, weil die Geschwister wussten, dass die Mutter nicht alleine sterben wollte. Doch es gab damals keine Möglichkeit, der Inzidenzwert der Region lag bei 500, und das Krankenhaus lehnte Besuche strikt ab. Was bleibe, sei eine blutende Wunde, meint Christiane Sparsbrod. Es sind nicht nur klagende, sondern anklagende Worte, vor allem weil sie keine Chance hatte, Abschied zu nehmen.

Blick auf einen Friedhof
Keine Beerdigung im Familien - und Freundeskreis Bildrechte: Colourbox.de

Es gab kein Gebet - die Familie ist christlich - keine letzte Umarmung, nichts. Auch keine Beerdigung im Kreise von Familie und Freunden, wie es sich die Geschwister gewünscht hatten. Denn die Mutter war eine lebenslustige und immer aktive Person in der Kirchgemeinde von Altenburg. 

Eucharistiefeier im Hildesheimer Dom zum Gedenken an Corona-Tote 34 min
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Am 18. April wird bundesweit der Toten der Pandemie gedacht. Im MDR KULTUR Spezial kommen Hinterbliebene zu Wort. Wir fragen, was ein Staatsakt leisten kann und welche kollektive Erzählung es über Corona geben wird.

MDR KULTUR - Das Radio Do 15.04.2021 18:00Uhr 34:13 min

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Trauer muss gelebt werden können

Mehr als 79.000 Menschen sind inzwischen an Covid-19 verstorben. Der Trauerbegleiter Lutz Ostheim-Dzerowycz wünscht sich von der Gesellschaft mehr Sensibilität und Rücksichtnahme für diejenigen, die Angehörige verloren haben und jetzt ihre Trauer durchleben müssen.

Ein Waldstück mit Sonne.
Sich Zeit lassen, zum bewussten Erinnern Bildrechte: colourbox

Wer sich in der Trauer Hilfe holt, erwartet Empathie. Doch wie geht das auf Abstand und hinter einer Maske? Genau da wird es auch für Lutz Ostheim-Dzerowycz schwer, wenn er Familien beistehen soll und gleichzeitig physische Distanz wahren muss. Er setzt auf viele Gespräche und lenkt die Hinterbliebenen hin zum bewussten Erinnern.

Mir ist sehr wichtig, dass die eigene Trauer ihren Raum bekommt; dass sie gelebt wird und nicht in Schubladen gesteckt wird, wie man das gern im Leben mal tut, wenn einem etwas unangenehm ist. Trauer muss gelebt werden.

Lutz Ostheim-Dzerowycz

Während der Trauerbegleiter behutsam Familien durch schwere Stunden hilft, versucht Christiane Sparsbrod ihren eigenen Weg zu finden. 

Sie hat Briefe des Vaters entdeckt, in alter Schrift, geschrieben an ihre Mutter. Vor wenigen Tagen hat sie begonnen, diese abzuschreiben, um sie den Kindern und Enkeln später zu geben. Im Sommer soll es ein Familientreffen geben und damit die Chance, gemeinsam etwas nachzuholen.

Vielleicht ist das meine Verarbeitung. Ich beschäftige mich jetzt ganz sehr mit meinen Eltern. Und es könnte sein, dass mir das hilft.

Christiane Sparsbrod

Das Schlimmste, so Christiane Sparsbrod, im Rückblick sei nicht der Tod der Mutter gewesen, sondern das Gefühl des Ausgesperrt-Seins. Die Orte, an denen die Mutter die letzten Tage verbrachte – im Pflegeheim und im Krankenhaus – durften auch nach ihrem Tod von den Angehörigen nicht betreten werden. Ihre Hinterlassenschaften und Möbel mussten sie viel später, verpackt im Hof, abholen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Religion und Gesellschaft | 15. April 2021 | 18:05 Uhr

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