Echtes Leben | MDR im Ersten | 05.07.2020 | 17:30 Uhr Diagnose unheilbar – Was am Ende zählt

Sie wird sterben, das weiß Ines Volkmann seit ihrem Krebs-Befund. Aber wann, weiß sie nicht. So nimmt sie die Herausforderung an und besinnt sich das erste Mal in ihrem Leben darauf, was sie wirklich will. Mandy Lehm hat sie für die Nah dran-Reportage ein halbes Jahr lang begleitet.

Mindestens ein Wochenende im Monat fährt Ines nach Trassenheide auf Usedom zu ihrem Mann. Der Krebs macht ihr immer wieder Angst. 30 min
Mindestens ein Wochenende im Monat fährt Ines nach Trassenheide auf Usedom zu ihrem Mann. Der Krebs macht ihr immer wieder Angst. Bildrechte: MDR/WERKBLENDE GbR

Nah dran Do 02.04.2020 22:40Uhr 29:35 min

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"Wenn es mir lange gut geht, dann schöpfe ich Hoffnung und denke, vielleicht haben sich die Ärzte ja doch geirrt und ich bin geheilt." Im Februar 2016 bekommt Ines Volkmann mit 47 Jahren die Diagnose: Gebärmutterhalskrebs im fortgeschrittenen Stadium. Sie muss sich einer 12 Stunden dauernden Operation unterziehen, darauf folgt eine Chemotherapie. Kontrolluntersuchungen im Abstand von sechs Monaten sorgen seitdem immer wieder für ein Wechselbad der Gefühle.

Ich fühle mich wie eine tickende Zeitbombe, die irgendwann hochgeht.

Ines Volkmann
Der Tumor hatte Nieren und Harnleiter von Ines in Mitleidenschaft gezogen. Alle sechs Monate muss ihr seit dem operativ ein neuer Katheder eingesetzt werden.
Der Tumor hatte Nieren und Harnleiter von Ines in Mitleidenschaft gezogen. Alle sechs Monate muss ihr seit dem operativ ein neuer Katheder eingesetzt werden. Bildrechte: MDR/WERKBLENDE GbR

Dazwischen versucht sie, so etwas wie Alltag zu leben und ihre Todesangst zu verdrängen. Sie geht arbeiten, zwei Stunden am Tag, obwohl sie das nicht müsste; als Chemielaborantin im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Sie macht Sport, verbringt Zeit mit Familie und Freunden, lenkt sich ab, so gut sie kann.

Bis zum nächsten CT: "Ein halbes Jahr ist verdammt kurz. Du hast dich kaum rumgedreht, da liegst du schon wieder in der Röhre und hast Angst und fragst dich: 'Ist der Krebs zurück oder darf ich noch ein bisschen weiterleben?'"

Wie Ines Volkmann mit der Krebserkrankung lebt

Porträt einer Frau
Manchmal überfällt Ines Wehmut, wenn sie das Leben der anderen Menschen betrachtet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Porträt einer Frau
Manchmal überfällt Ines Wehmut, wenn sie das Leben der anderen Menschen betrachtet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
ein Frau während einer medizinischen Untersuchung.
Die halbjährigen CT-Untersuchungen bestimmen das Schicksal von Ines. Ist der Tumor zurück, gewachsen, verstreut? Ist der Tod nah oder doch noch fern? Darf sie noch ein bisschen weiterleben? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Frau arbeitet in einem Labor.
Zwei Stunden am Tag arbeitet die Chemielaborantin, mehr schafft ihr Körper nicht mehr. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
eine Frau bei einer Sportübung
Drums Alive: Beim Workout in ihrer Sportgruppe feiert Ines das Leben und trommelt gegen ihre Todesangst. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zwei Menschen begrüßen sich am Bahnhof.
Mindestens ein Wochenende im Monat fährt Ines nach Trassenheide auf Usedom zu ihrem Mann. Gewollt hat sie die Fernbeziehung nie.  Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Frau liegt im Krankenhaus.
Ines erhält eine Avastin-Infusion, eine lebenserhaltende Maßnahme, die das Wachstum des Tumors hemmen soll. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine Frau hält in den Händen einen Korb voller Medikamente.
Vor der Krebserkrankung hatte Ines nur ganz selten Medikament genommen. Heute muss sie täglich ein halbes Dutzend Tabletten nehmen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Menschen sitzen in gelöster Runde um einen Tisch herum.
Für Ines ist die Familie das Wichtigste. Gerade Weihnachten genießt sie in ihrem engsten Kreis. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Gerade als sie glaubt, alles überstanden zu haben ...

Insel Volkmann (li.) sucht sich mit Unterstützung einer Bestatterin eine passende Grabstelle für sich selbst auf dem Südfriedhof in Leipzig aus.
Insel Volkmann (li.) sucht sich mit Unterstützung einer Bestatterin eine passende Grabstelle für sich selbst auf dem Südfriedhof in Leipzig aus. Bildrechte: MDR/WERKBLENDE Gb

Ein Jahr später, gerade als sie glaubt, alles überstanden zu haben, taucht ein Rezidiv auf. Da steht fest: Der Krebs ist zurück und unheilbar! Doch niemand kann ihr sagen, wann sie sterben muss. In drei Monaten, in einem Jahr, in zwei Jahren?

Ines Volkmann hat keine Wahl. Sie muss ihr Schicksal annehmen. Pragmatismus hilft. Sie recherchiert und plant ihre eigene Beerdigung: "Ich möchte gerne selber entscheiden, wo ich dann hinkomme. Ich will das meinen Angehörigen abnehmen (...) Die sollen auch nicht lange trauern, die sollen ihr Leben weiter leben und mich in guter Erinnerung behalten und zu meinem Grab kommen können, wenn sie das wollen."

Blick zurück

Die Krebs-Erkrankung zwingt sie auch, ihr bisheriges Leben zu reflektieren. Es war nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Bleibt noch genug Zeit, es besser zu machen?

Manchmal mache ich mir Vorwürfe, weil ich früher nie gesagt habe, was ich wirklich will.

Ines Volkmann
Ihr Mann lebt an der Küste. Ines in Leipzig. Sie vermisst den ganz normalen Alltag in ihrer Ehe.
Ihr Mann lebt an der Küste. Ines in Leipzig. Sie vermisst den ganz normalen Alltag in ihrer Ehe. Bildrechte: MDR/WERKBLENDE GbR

Ines Volkmann führt seit vielen Jahren eine Fernbeziehung mit ihrem Ehemann Lutz. Eigentlich hat sie das nie gewollt. Er lebt 450 Kilometer entfernt auf Usedom, weil er dort nach der Wende Arbeit fand. Als Handwerker kümmert er sich um Ferienobjekte. Kinder haben sie keine. Als sie vor drei Jahren erkrankte, muss sie ihm am Telefon davon berichten. Er sagt ihr: "Wir stehen das zusammen durch." Für ihn kehrt wieder Normalität ins Leben ein, nicht für sie: "Gerade, wenn es einem sehr schlecht geht und der Partner nicht da ist, ist man traurig und enttäuscht." Doch nicht nur die Entfernung macht körperliche Nähe für sie unmöglich, seit der OP fehle ein großes Stück von ihr. Sie vermisst die Zärtlichkeit und kann sie dennoch nicht mehr zulassen. Sie hadert mit sich: "Ich habe immer alles hingenommen, meine Bedürfnisse hintenan gestellt. Jetzt frage ich mich, ob es sich überhaupt noch lohnt, sich Gedanken darüber zu machen."

Mutiger, selbstbewusster und gelassener

Zum ersten Mal in ihrem Leben setzt sie sich bewusst mit sich selbst auseinander und konfrontiert auch den Ehemann und die Familie mit ihren Erkenntnissen, Fragen und Gefühlen. Sie wird mutiger, selbstbewusster und gelassener. Alle haben Angst um sie. Doch keiner schafft es, offensiv mit ihrer Krankheit umzugehen. Mit ihren Freundinnen seit Kindheitstagen kann sie offen über ihre Krankheit sprechen und sich den ein oder anderen Traum erfüllen, zum Beispiel: "Einmal ganz anders aussehen, ganz anders sein" bei einem Fotoshooting. Oder töpfern lernen. Das Pendel schlägt extrem aus immer wiederr zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Und dann ist erneut ein halbes Jahr vergangen – und Ines Volkmann muss wieder zum Kontroll-CT.

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