Nah dran | MDR Fernsehen | 01.10.2020 | 22:40 Uhr + Online first Die Grenzer – 30 Jahre danach

Sie sitzen am Lagerfeuer, trinken Bier und schwelgen in Erinnerungen. Männer, die bei den Grenztruppen der NVA gedient haben. Bei regelmäßigen Treffen lebt die Kameradschaft wieder auf. Hier geht es nicht um Todesschüsse und politische Willkür, sondern um Zusammenhalt und Abenteuer. Auch im Frühsommer 2020 – 30 Jahre nach der Wiedervereinigung.

Ein Mann in einer alten DDR Grenzuniform 29 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Film über deutsch-deutsche Grenzerinnerungen, damals und heute. Zum Beispiel in Arendsee, wo ehemalige DDR-Grenzsoldaten gemeinsam in Erinnerungen schwelgen, oder im Grenzerkreis Abbenrode.

Nah dran Do 01.10.2020 22:40Uhr 29:17 min

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Mirko Busch trägt eine olivfarbene Jacke mit grauem Gürtel und Schulterklappen, dazu eine Offiziersmütze mit dem Wappen der Nationalen Volksarmee – eine Uniform der DDR-Streitkräfte. Zwischen 1979 und 1981 bewachte er als Unteroffizier die die deutsch-deutsche Grenze. Die Waffe gehörte zu seinem Berufsalltag, einsetzen musste er sie aber nicht.  

Ich kenne niemanden, der wie ein Cowboy da draußen gestanden und darauf gewartet hat, dass jemand kommt, den er abknallen kann. Ich kenne auch niemanden, der vor der Situation gestanden hat, zu schießen. Gott sei Dank, sage ich heute. Damals hätte ich meinen Befehl erfüllt und hätte wahrscheinlich geschossen.

Mirko Busch

Grenzerinnerungen am Lagerfeuer

Regelmäßig trifft sich Mirko Busch mit anderen Männern, die in der DDR an der innerdeutschen Grenze gedient haben. In diesem Jahr, im Frühsommer, war das Grenzer-Treffen in Arendsee in Sachsen-Anhalt. Ein Wochenende in einer früheren Grenzer-Kaserne, die heute ein Hotel ist. Bei Bier und Rostbratwurst erinnern die Männer sich an ihre Zeit bei den Grenztruppen der NVA. Auch ihre Frauen sind dabei:

Man kann es vergleichen mit einem Ferienlager. Das ist fast das Gleiche, obwohl die Männer zum Grenzdienst gingen und die Kinder zum Spielen.

Elvira Schröter

Deutsch-deutsche Versöhnung

Ortswechsel – Abbennrode im Nordharz: Auch hier treffen sich regelmäßig Männer, die an der Grenze Dienst hatten. Sie kommen aus Ost- und aus Westdeutschland. Die erste Begegnung vor sieben Jahren war geprägt von gegenseitiger Zurückhaltung und von großer Neugier, erzählt Wolfgang Roehl, der für den Bundesgrenzschutz arbeitete. Auf der ostdeutscher Seite diente Andreas Weihe von 1980 bis 1983 an der Berliner Mauer:

Ich glaube nicht, dass sich einer noch mal an die DDR-Zeit zurück sehnt. Ich habe meine Erinnerung. Ich bin da groß geworden und das war eine teilweise schöne Zeit aber es war auch Reglementierung.

Andreas Weihe
Der Wagen des Grenzerkreis Abbenrode ist 2018 ein Teil des Festumzugs in Bad Harzburg
Grenzertreffen Ost-West Bildrechte: Grenzerkreis Abbenrode

In Abbenrode ist man sich einig: Sie wollen die Geschichte der Grenze aufarbeiten, die auch das Leid und die Ängste von damals nicht ausklammern. Eine Ausstellung im Heimatmuseum versucht das zu dokumentieren. "Damit die Jugend das nicht vergisst, gibt es den Heimatverein und den Grenzerkreis", sagt Andreas Weihe.

Die Grenze als Zufluchtsort

Die jugendliche Olivia auf der Grenzlinie
Grenze als Schutzgebiet für Olivia Hoffmann Bildrechte: Grenzerkreis Abbenrode

Zu Abbenrode gehört auch die Geschichte von Olivia Hoffmann. Aufgewachsen direkt an der Grenze auf westdeutscher Seite, findet sie Zuflucht im Grenzgebiet. Als junges Mädchen versteckt sie sich zwischen 1982 und 1984 regelmäßig im sogenannten vorgelagerten Hoheitsgebiet der DDR. Sie flüchtet vor Gewalt und Mobbing. Im Grenzgebiet – dort, wo andere Menschen sterben – fühlt sie sich sicher:  

Es hat sich sonst keiner hinterher getraut. Das war ein Gebiet, wo man sagen kann, da fühlte man sich wirklich sicher. So unglaublich wie es ist, es war so.

Olivia Hoffmann

Auf beiden Seiten beobachten die Grenzer Olivia Hoffmann misstrauisch, fotografieren sie und verfolgen jeden ihrer Schritte mit Argwohn.

Die innerdeutsche Grenze: ein Todesstreifen mit 1.400 Kilometer Stacheldraht, Mienen und Selbstschussanlagen. Auf beiden Seiten haben Menschen eine wichtige Zeit ihres Lebens verbracht, die sie nicht mehr loslässt. Es geht um gute und schlechte Erinnerungen, um Heimat, Überzeugung und Ehrlichkeit.

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