Psychische Widerstandsfähigkeit Die innere Kraft: Können wir Resilienz lernen?

Pflegekräfte und Ärztinnen oder Ärzte sind oft die ersten, die Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützen. Doch auf sich selbst zu achten, während man andere umsorgt, ist im Gesundheitswesen angesichts des Problems, in immer weniger Zeit immer mehr Patienten zu versorgen, schwer. Die Filmemacher Dinah Münchow und Stephan Liskowsky gehen auf die Suche nach der inneren Kraft.

Papier-Boot im Wasser 29 min
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Nora Deliga arbeitet seit mehreren Jahren auf der Intentivstation im Universitätsklinikum in Dresden. Die ihr anvertrauten Menschen will sie nicht nur versorgen. Die Mittdreißigerin will ihnen beistehen, auch auf dem letzten Weg. Das kostet die Intensivpflegerin viel Kraft, manchmal zu viel:

Ich komme an meine Grenze, wenn ich zum Beispiel unheilbar erkrankte Menschen pflege, die in meinem Alter sind. Ich könnte an ihrer Stelle sein. Damit muss man umgehen lernen.

Nora Deliga Intensivpflegerin

Resilienz kann man lernen und trainieren

Wie Mitarbeitende im Gesundheitswesen mit solchen Erfahrungen umgehen können, lehrt Professorin Renate Tewes. Sie ist Pflegewissenschaftlerin an der Evangelischen Hochschule Dresden, bildet Pflegekräfte aus und gibt Kurse zur inneren Widerstandsfähigkeit. Wie Tewes sagt, erhöht der Fachkräftemangel in der Pflege die psychische und emotionale Belastung, häufig verbunden mit Schlafstörungen, Depressionen oder Burnout. Sie hat selbst als Krankenschwester in der Psychiatrie und Onkologie gearbeitet und betont, wie wichtig es ist, all die Emotionen, die sich im Krankenhaus-Alltag aufstauen, verarbeiten zu können.

Nora bei der Arbeit in der Uniklinik Dresden.
Intensiv-Krankenschwester Nora Deliga Bildrechte: MDR/Farbfilmer

Im Klinikalltag brauchen die Mitarbeitenden Methoden, die nicht viel Zeit oder Aufwand kosten. Dazu gehört die Atem-Methode Heartmath. Die Übung soll helfen, den Herzschlag zu regulieren und so die Kontrolle über die Emotionen zurückzugewinnen. Und das innerhalb einer Minute: "Es ist eine Kombination aus Atemübung und Visualisierung. Im Gegensatz zu einer Meditation, wo man sich zurückzieht, um mit seinem Körper, seiner Seele, seinem Geist zur Ruhe zu kommen, ist das bei Heartmath sehr viel sportlicher."

Es geht darum, bei Stress und Belastung einen gedanklichen Ort der Ruhe zu finden. Intensivpflegerin Nora Deliga hat diesen Ort in ihrer Familie. Wenn sie durchatmet, sieht sie die Bilder ihrer Kinder.

Zehn Experten-Tipps für mehr Resilienz im Corona-Alltag

1. Informieren Sie sich – aber richtig
2. Behalten Sie Ihre Routinen bei – und finden Sie neue
3. Gönnen Sie sich eine Pause
4. Sorgen Sie für sich
5. Bleiben Sie in Kontakt
6. Entwickeln Sie Akzeptanz
7. Wechseln Sie die Perspektive
8. Übernehmen Sie Verantwortung
9. Nutzen Sie die Zeit
10. Entwickeln Sie eine Strategie

Glaube und Spiritualität als Quelle innerer Kraft

Auch der Glaube kann ein Ort innerer Ruhe sein. Welche Rolle Spiritualität als Ressource bei Schicksalsschlägen spielen, erforscht der Diplom-Psychologe und Theologe Constantin Klein an der Evangelischen Hochschule in Dresden. Für eine Studie befragten er und sein Team 300 Menschen, die einen nahen Angehörigen verloren haben. Ergebnis der Studie ist, dass der Glaube für die meisten Befragten hoffnungsstiftend ist. Das wiederum sorgt für eine "vertrauensvollere Grundstimmung". Und dieses Vertrauen kann beim Umgang mit dem Tod oder existenziellen Krisen helfen.

Im Osten Deutschlands versteht sich die Mehrheit der Bevölkerung als nicht religiös. Dort entdeckte Klein eine andere Form der inneren Kraft. Diese Kraft nennt er "persönlichen Spiritualität", die sich aus unterschiedlichen Quellen speisen kann. Wie der religiöse Glaube münde sie in ein Gefühl der Verbundenheit mit einem großen Ganzen, erklärt Constantin Klein.

Aufmerksamkeit bewusst lenken

Auch Neurologe und Psychiater Oliver Tüsch erforscht die Resilienz. Am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz befragt er regelmäßig mehr als 1.000 Menschen zu ihrem Stressempfinden und zu ihrer mentalen Gesundheit. Dabei geht es vor allem um die Fähigkeit, die eigenen Gefühle und die Aufmerksamkeit lenken zu können. Ein Ergebnis seiner Studie:

Resilienz ist nicht nur angeboren. Alle Lernprozesse im Laufe des Lebens sind ein wichtiger Faktor in der Resilienzausbildung.

Oliver Tüsch Leibniz-Institut für Resilienzforschung Mainz

Dazu gehört, die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was man überwunden hat. Diese Erfahrung hat Amelie Mahlstedt gemacht. Zunächst hob die Geburt ihrer Tochter, die mit Trisomie-21 zur Welt kam, das Leben der bis dahin erfolgreichen Wissenschaftlerin aus den Angeln. Dann beging ihr Vater Suizid. Sein Tod stürzte sie in eine existenzielle Krise: "Retrospektiv kann ich die Geschichte so schreiben, wie sie mir Kraft gibt. Ich kann mich als Opfer sehen oder im Nachhinein feststellen, was ich in Krisenzeiten gelernt habe. Dadurch sehe ich die Überwindungsleistung und nicht nur das, was mir genommen wurde."

Amelie sitzt auf einer Parkbank und schreibt Tagebuch
Der Suizid des Vaters erschütterte Amelie Mahlstedt. Bildrechte: MDR/Farbfilmer

Inzwischen hat sie ein drittes Kind bekommen und arbeitet als Autorin und Schreibtherapeutin. Das Schreiben hat ihr dabei geholfen, den Tod ihres Vaters zu verarbeiten. Dass er sich "so vom Acker gemacht hat", kann sie ihm nicht verzeihen. Doch sie hat ihren Weg gefunden, mit existenziellen Krisen umzugehen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 27. Januar 2022 | 22:40 Uhr