Nah dran | MDR Fernsehen | 22:40 Die innere Kraft: Können wir Resilienz lernen?

Woher nehmen wir die Kraft, schwere Krisen und extremen Stress wie jetzt in Corona-Zeiten zu überstehen? Wie schaffen es Menschen, nach Schicksalsschlägen nicht aufzugeben? Woher kommt unsere Resilienz? Werden wir mit ihr geboren, lässt sie sich trainieren? Mit ihrem Film begeben sich Dinah Münchow und Stephan Liskowsky auf die Suche nach dieser inneren Kraft. Verwaiste Eltern; eine Frau, die ihren Vater durch Suizid verlor; eine Krankenschwester und Wissenschaftler geben Auskunft.

Papier-Boot im Wasser
Im Fluss des Lebens Bildrechte: MDR/Farbfilmer

Die Zeit heilt alle Wunden. Diesen Satz haben Carmen und Olaf Blochel in den letzten anderthalb Jahren oft gehört. Aber der Schmerz blieb – und auch die Wut. Carmen und Olaf Blochel haben ihr einziges Kind verloren: Ihre Tochter ist gerade 22 Jahre alt, als ein junger Mann mit über 160 km/h durch die Stadt rast. Die junge Frau stirbt noch am Unfallort.

Man steht einfach unter Schock. Man denkt: 'Das ist ein Alptraum.' Aber leider wacht man aus dem nicht mehr auf.

Carmen und Olaf Blochel Über den Unfalltod ihrer Tochter

Bei Amelie Mahlstedt ist es eine Geburt, die ihr bisheriges Leben aus den Angeln hebt. Ihre Tochter hat das Down-Syndrom, ist geistig behindert. Die erfolgreiche Wissenschaftlerin ist nun vor allem eins: Eine Mutter in ständiger Sorge um ihr Kind. Amelie beginnt zu schreiben, über ihre Ängste und ihr neues Leben. Eine Strategie, die ihr hilft: Die Erzählerin des eigenen Lebens sein. Doch dann passiert etwas, dass sie noch viel härter trifft. Der Suizid ihres geliebten Vaters.

Trauern, glauben, hoffen – und dann?

Nach dem ersten Schock gibt es viele konkrete Dinge zu tun, die einem meist kein anderer abnimmt. Sich von einem geliebten Menschen würdevoll zu verabschieden; mit Freunden und Verwandten gemeinsam zu trauern, das sei ein erster wichtiger Schritt, um weiterleben zu können, sagt Professor Constantin Klein. Er hat einige Jahre als Psychologe an der Universitätsklinik München gearbeitet. Nach schweren Unfällen oder lebensbedrohlichen Diagnosen war er Gesprächspartner für Patienten und Angehörige. Zuhören, Anteilnahme zu zeigen, sei da viel wichtiger gewesen als selber zu reden, resümiert Klein, der nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Theologe ist.

Resilienz erforschen

Eine Frau und ein Mann halten sich an der Hand. Die Frau trägt eine Rose. Beide schauen angespannt.
Carmen und Olaf Blochel auf dem Friedhof Bildrechte: MDR/Farbfilmer

Klein interessierte, welche Rolle die persönliche Prägung in existenziellen Krisen spielt. Er begann zu forschen, inwiefern Glaube oder Spiritualität nach Schicksalsschlägen eine Ressource sein können. Dafür befragten er und sein Team 300 Menschen, die nahe Angehörige verloren; ein Kind, den Partner oder ein Elternteil. Festgestellt hat er, dass der Glaube für die meisten hoffnungsstiftend sei, was für eine "vertrauensvollere Grundstimmung" sorge. Das helfe beim Umgang mit der Angst vor dem Sterben oder dem Tod. Klein hat als Klinikpsychologe auch im Osten Deutschlands gearbeitet, wo eine Mehrheit der Bevölkerung sich als nicht religiös versteht. Klein entdeckte dort eine andere Form von innerer Kraft. Er spricht von einer "persönlichen Spiritualität", die sich aus vielen Quellen speise könne. Sie münde in ein Gefühl der Verbundenheit mit einem großen Ganzen.

"Wir sind nicht ausgeliefert"

Amelie sitzt auf einer Parkbank und schreibt Tagebuch
Der Suizid des Vaters erschütterte Amelie Mahlstedt. Bildrechte: MDR/Farbfilmer

Für Amelie Mahlstedt wurde das Schreiben zur neuen Kraftressource. Sie sagt, dabei könne sie ihre Gedanken ordnen und ihre eigene Rolle zu finden.

Beweis für ihren Lebensmut ist Pawel, ihr drittes Kind. Auch beruflich geht sie inzwischen neue Wege, sie wurde Autorin und Schreibtherapeutin. Sie meint:

Wir sind Schöpfer unseres Lebens. Wir sind nicht ausgeliefert. Retrospektiv kann ich die Geschichte so schreiben, wie ich sie brauche, wie sie mir Kraft gibt. Ich kann mich als Opfer sehen oder aber im Nachhinein feststellen, was ich in Krisenzeiten gelernt habe. Dadurch sehe ich die Überwindungsleistung und nicht nur das, was mir genommen wurde.

Amelie Mahlstedt

Die eigene Geschichte so zu erzählen, dass sie zur Ermutigung wird. So ähnlich beschreibt auch der Neurologe und Psychiater Prof. Oliver Tüscher eine mögliche Strategie, wieder innere Kraft zu entwickeln. Im Rahmen einer Studie befragen er und sein Team regelmäßig 1.200 Menschen dazu, was sie stresst und wie es ihnen mental geht: "Uns interessieren dabei besonders die Fähigkeiten zur Selbstregulation und zur kognitiven Kontrolle, was bedeutet, die eigenen Gefühle steuern und seine Aufmerksamkeit gut lenken zu können." Eine Erkenntnis formuliert er so:

Resilienz ist nicht nur angeboren. Man kommt nicht auf die Welt und ist entweder resilient oder nicht, die gesamten Lernprozesse im Laufe des Lebens sind ein wichtiger Faktor in der Resilienzausbildung.

Doch bei Schicksalsschlägen braucht es andere Menschen, die Anteil nehmen, wie Carmen und Olaf Blochel betonen.

Resilienz trainieren

Nora bei der Arbeit in der Uniklinik Dresden.
Intensiv-Krankenschwester Nora Deliga Bildrechte: MDR/Farbfilmer

Die ersten, die ganz nah dran sind, wenn jemand viel Kraft braucht, oder unser Leben bedroht ist, sind Pfleger und Ärzte. Doch wenn sie nicht mit ihren Ressourcen haushalten, werden sie zu hilflosen Helfern. Doch das ist schwer angesichts der kaum lösbaren Aufgabe, in immer weniger Zeit immer mehr Patienten zu versorgen. Nora Deliga arbeitet seit drei Jahren auf der Intentivstation im Universitätsklinikum in Dresden. Die ihr anvertrauten Menschen will sie nicht nur versorgen. Die 35-Jähgrige will ihnen beistehen, auch auf ihrem letzten Weg. Das kostet sie viel Kraft, manchmal zu viel.

Professorin Renate Tewes ist Pflegewissenschaftlerin an der Evangelischen Hochschule Dresden, sie betont, wie wichtig es ist, all die Emotionen, die sich im Krankenhaus-Alltag aufstauen, verarbeiten zu können. Sie weiß, wovon sie spricht. Tewes hat als Krankenschwester in der Psychiatrie und in der Onkologie gearbeitet. Heute bildet sie in Dresden Pflegekräfte aus. 40.000, sagt sie, fehlen in Deutschland. Der Mangel verursacht noch mehr Stress, häufig verbunden mit Schlafstörungen, Depressionen, Burnout. Inzwischen coacht sie Pflegekräfte in Kursen, die innere Kraft zu stärken. Etwa mit einer Atem-Methode namens Heartmath, die helfen soll den Herzschlag zu regulieren und so die Kontrolle über die Emotionen zurückzugewinnen. Und das in einer Minute.

Es ist eine Kombination aus Atemübung und Visualisierung. Im Gegensatz zu einer Meditation, wo man sich zurückzieht, um mit seinem Körper, seiner Seele, seinem Geist zur Ruhe zu kommen, ist das bei Heartmath sehr viel sportlicher.

Prof. Renate Tewes Coachin und Pflegewissenschaftlerin, Evangelische Hochschule Dresden

Zehn Experten-Tipps für mehr Resilienz im Corona-Alltag

1. Informieren Sie sich – aber richtig
2. Behalten Sie Ihre Routinen bei – und finden Sie neue
3. Gönnen Sie sich eine Pause
4. Sorgen Sie für sich
5. Bleiben Sie in Kontakt
6. Entwickeln Sie Akzeptanz
7. Wechseln Sie die Perspektive
8. Übernehmen Sie Verantwortung
9. Nutzen Sie die Zeit
10. Entwickeln Sie eine Strategie

Resilienz fühlen

Einen inneren Ort finden, einen gedanklichen Fluchtort im Stress und bei Belastung: Nora Deliga hat diesen Ort in ihrer Familie. Sie sieht die Bilder ihrer Kinder, wenn sie durchatmet.

Doch innere Stabilität entsteht nicht aus dem Moment, sondern durch ein Grundgefühl von Sicherheit und Geborgenheit von frühester Kindheit an. Was passiert, wenn sie sich nicht ausbilden kann, weiß Maik Derichs, der seit 17 Jahren als Sozialarbeiter tätig ist. Im Leipziger Schlupfwinkel e.V. hat er viele Kinder und Jugendliche ins Leben begleitet. Die meisten haben innerhalb der WG einen guten Weg genommen. So wie Colin, der nach dem Tod seiner Mutter im betreuten Wohnen landete, weil er aggressiv wurde und als "unbeschulbar" galt. Inzwischen geht er aufs Gymnasium.

Wir versuchen, den Kindern über Kleinstschritte zu vermitteln, was sie alles selber können, wozu sie in der Lage sind. Ihnen dieses Gefühl an Sicherheit für ihr eigenes Tun und Handeln zu vermitteln, darin liegt unsere einzige Chance. Es geht darum, das eigene Ich zu finden, die eigene Identität. Darin liegt die Chance, auf eigenen Füßen zu stehen.

Sobald sie 18 Jahre alt sind, müssen die Jugendlichen ausziehen. Der Schlupfwinkel hat einige der früheren Bewohner nach Jahren wieder aufgespürt und sie befragt. Nur fünf Prozent hatten es geschafft, stabil im Leben zu stehen. 

Zusammenhalt macht stark

Das innere Urvertrauen ihrer Kindheit hat Amelies Vater durch seinen Suizid tief erschüttert. Sie sagt, sie wolle versuchen, es schreibend wiederzufinden. Diesmal in einem Roman. Ihr Vater war ein bekannter Arzt und Professor für Nuklearmedizin, auf seinem Gebiet eine Koryphäe. Er identifizierte sich stark mit seiner Arbeit. Der Ruhestand stürzte ihn in eine Krise, sagt sie. Bis dahin war er immer das Vorbild für sie, wie man aus Krisen gestärkt hervorgehen kann. "Sich so vom Acker zu machen", das konnte sie ihm bis heute, neun Jahre später nicht verzeihen.

Aus dem Scheitern, aus Abstürzen zu lernen, daran seine Resilienz zu trainieren, ist das eine. Dem Tod zu begegnen, ohne zu verzweifeln, wohl die noch größere Aufgabe. Professor Constantin Klein, der für seine Studie Trauernde befragte, erklärt dazu, den meisten sei es wichtig, mit dem Verstorbenen in Verbindung zu bleiben, auf irgendeine Weise.

Auch für Carmen und Olaf Blochel ist ihre verstorbene Tochter noch immer präsent. Sie spüren eine starke Verbindung. Besonders, wenn sie sich gemeinsam erinnern.

Zusammenhalt macht stark, nicht nur in der Trauer.

Buchtipp Vor 20 Jahren wurde er zusammen mit seinen Eltern und 18 weiteren Menschen von philippinischen Islam-Kämpfern entführt. In seinem Buch "Stark durch Krisen" erzählt Marc Wallert von Krisen – meint aber nicht nur seine Entführung. Denn Jahre später folgte der wirkliche Tiefpunkt.

Marc Wallerts Buch erscheint zu einer Zeit, in der sich die ganze Welt in einer Krise befindet. Obwohl das nicht so geplant war, sieht der Göttinger Parallelen, die man ziehen kann:

"Meine Erfahrungen von vor 20 Jahren ähneln schon dem, was Menschen jetzt erfahren. Menschen, die nicht wissen, wie lange das dauert, wann das zu Ende geht. Und das ist schon etwas, womit sie gerade zu kämpfen haben und es freut mich daher auch, dass ich Erfahrungen habe, die ich teilen kann."

Marc Wallert
Stark durch Krisen: Von der Kunst, nicht den Kopf zu verlieren
Econ, 2020
ISBN-10: 3430210291
18,00 EUR

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah-dran Reportage | 21. Januar 2021 | 22:40 Uhr