Schwangerschaftsabbruch § 218 gestern und heute: Die schwerste Entscheidung meines Lebens

Die Rechtslage zu Abtreibungen hat sich in den vergangenen 40 Jahren verändert. In der DDR gab es ein Recht auf Schwangerschaftsabbrüche. 1995 beschränkte die damalige Bundesregierung dieses Recht auf die sogenannte "Fristenlösung mit Beratungspflicht". Seitdem machen sich behandelnde Ärztinnen und Ärzte sowie betroffene Frauen unter bestimmten Bedingungen strafbar.

Nah dran: Die schwerste Entscheidung meines Lebens - Paragraph 2018 gestern und heute
Immer weniger Medizinerinnen und Mediziner führen eine Abtreibung durch. Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN
Margitta Zellmer entschied sich gegen ihre ungewollte Schwangerschaft
Margitta Zellmer hatte schon ein Kind, als sie sich für eine Abtreibung entschied. Bildrechte: MDR/Judith Heinze

Margitta Zellmer, Jahrgang 1954, ist 25 Jahre alt, als sie ihr Philosophie-Studium abschließt. Zu diesem Zeitpunkt hat sie bereits einen Sohn. Kurz nach dem Abschluss wird sie wieder schwanger und entscheidet sich für eine Abtreibung: "Ich wollte loslegen. Mit einem Kind kann man noch Kompromisse eingehen, doch mit einem zweiten Kind hätte ich den Anschluss verloren. Das wollte ich nicht."

Niemand habe versucht, sie umzustimmen. Rückblickend meint sie, die eindeutige Gesetzeslage in der DDR habe ihr in dieser Situation geholfen.

1972 wurde in der DDR die so genannte Fristenlösung eingeführt. Demnach waren Abbrüche bis zur 12. Schwangerschaftswoche erlaubt, straffrei und kostenlos. Basierend auf diesem Recht entscheidet sich Margitta Zellner Ende der 1970er Jahre noch gegen ein drittes Kind. Sie sagt, selbst über ihre Situation bestimmen zu können, sei "ein großer Schritt zur Emanzipation der Frau" gewesen.

Ärzte in der DDR: Abbrüche gehören zum Berufsalltag

Zur gleichen Zeit, Ende der 1970er Jahre, schließt die Gynäkologin Viola Hellmann ihr Medizin-Studium in Leipzig ab. Schwangerschaftsabbrüche gehören damals zum medizinischen Alltag und der Eingriff somit auch zur Facharzt-Ausbildung. Als sie ihre Laufbahn im Dresdner städtischen Krankenhaus beginnt, werden dort etwa 1.000 Abbrüche pro Jahr vorgenommen. Die Arbeit empfand sie teils als "fließbandartig".

Bis zum Ende der 1980er-Jahre wird in der DDR jede dritte Schwangerschaft abgebrochen. Die kostenlose Abgabe der Pille, die das Gesetz von 1972 ebenfalls vorschreibt, tut ein Übriges, um die Geburtenrate dramatisch sinken zu lassen.

Eine 1979/80 in zahlreichen Frauenkliniken durchgeführte Studie moniert jedoch, dass der ausdrücklich vorgeschriebenen Beratungspflicht zu wenig nachgekommen werde. Doch in Frage gestellt wird die Regelung kaum.

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Aus dem Gesetzblatt der DDR zur Legalisierung der Abtreibung Bildrechte: Nah dran / MDR FERNSEHEN

DDR-Kirchen kritisieren Abreibungspraxis

Die Kirchen kritisieren Rechtslage und Praxis. Der evangelische Christ Wolfgang Böhmer, damals Gynäkologe und später CDU-Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, arbeitet im Jahr 1972 als Oberarzt an der Frauenklinik in Görlitz. Aus der gängigen Abtreibungspraxis zieht er Konsequenzen und geht 1973 in ein christliches Krankenhaus, wo Abbrüche nicht vorgenommen werden müssen.

Nach der Wende kämpft er dafür, dass das liberale DDR-Abtreibungsrecht nicht in die gesamtdeutsche Gesetzgebung übernommen, sondern verschärft wird: "Es gab keine medizinische Indikationsstellung mehr. Damit wurden die Ärzte zum Handlanger degradiert."

Frauen befinden sich in Konfliktsituation

Dr. Viola Hellmann arbeitete 30 Jahre als Gynäkologin in Dresden
Frauenärztin Viola Hellmann Bildrechte: MDR/Judith Heinze

Die Dresdner Gynäkologin Viola Hellmann stellt fest, dass die die Gründe, warum eine Schwangerschaft nicht gewollt ist, damals oft die gleichen wie heute sind, etwa finanzielle Gründe und Partnerschaftskonflikte: "Ich habe viele Frauen getroffen, die nie gedächt hätten, einmal vor der schwerwiegenden Entscheidung einer Abtreibung zu stehen, zum Beispiel Pfarrersfrauen. Manchmal läuft das Leben anders, als man es sich wünscht."

Von den unterschiedlichen Lebenssituationen der Frauen, die ungewollt schwanger werden, kann auch Kornelia Schmidt ein Lied singen. Sie arbeitet in der Schwangerenkonfliktberatung von Donum Vitae in Dresden. Der private und regional aufgestellte Verein wurde 1999 von deutschen Katholiken gegründet, nachdem Papst Johannes Paul II. katholischen Beratungsstellen das Ausstellen eines Beratungsscheins untersagt hatte.

Zu Schmidt kommen Teenager genauso wie Frauen in ihren 50ern: "Der Konflikt liegt darin, dass es sowohl um den Lebensentwurf der Frau, ihre Ziele und Kräfte als auch um die Lebensmöglichkeit des Ungeborenen geht."

Für Frauen mit christlichem Glauben wiege die Entscheidung besonders schwer, sagt Schmidt. Nach ihrer Ansicht schenke Gott das Leben und nur er dürfe es nehmen: "Da einzugreifen, ist schon ein schwieriger Schritt."

Donum Vitae e.V.

Die rund 320 Beraterinnen und Berater von Donum Vitae werden von mehr als 1.000 ehrenamtlich Engagierten in 14 Bundesländern unterstützt. Der Verein wurde 1999 gegründet und ist gemeinnützig. Die staatlich anerkannten Beratungsstellen von Donum Vitae sind berechtigt, einen Beratungsnachweis gemäß § 219 StGB auszustellen.

Seit 1995 steht Abtreibung unter Strafe

1995 beschließt die damalige Bundesregierung die noch heute gültige Fristenlösung mit Beratungspflicht. Demnach stehen Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich gesetzeswidrig, bleiben aber bis zur 13. Schwangerschaftswoche und nach einer verpflichtenden Beratung straffrei.

Die Dresdner Gynäkologin erzählt, sie sei von dem Beschluss damals überrascht gewesen. Sie habe sich nicht vorstellen können, dass Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe gestellt werden könnten oder zumindest Strafe angedroht wird. Positiv finde sie nur die Beratungspflicht.

So eine Beratung solle zielorientiert, aber ergebnisoffen verlaufen, erklärt die christliche Beraterin Kornelia Schmidt. Ihr persönlich ist dabei wichtig, das Lebensrecht des Kindes nicht aus dem Blick zu verlieren.

Entscheidungsfreiheit von Frauen beschränkt

Dagegen setzt Ulrike Busch, Professorin für Familienplanung i.R., den Fokus auf die Perspektive der betroffenen Frauen.

Prof. Dr. Ulrike Busch ist Professorin für Familienplanung und Mitglied beim Bundesverband „pro familia“ 8 min
Prof. Dr. Ulrike Busch ist Professorin für Familienplanung und Mitglied beim Bundesverband „pro familia“ Bildrechte: MDR/Judith Heinze

Der Kompromiss von 1995 mit Fristenlösung und Beratungspflicht unterläuft das freie Entscheidungsrecht von Frauen, sagt Ulrike Busch. Sie war die deutschlandweit erste Professorin für Familienplanung in Merseburg.

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An ein Recht auf freie Entscheidung von Frauen erinnere das geltende Recht kaum: "Schon im ersten Satz des Paragraphen steht, dass es sich bei einer Abtreibung um einen Straftatbestand, der mit Gefängnis oder Geld geahndet werden kann. Das gilt für behandelnde Ärzte und betroffene Frauen."

Als Margitta Zellmer Ende der 1970-Jahre in der DDR zum Schwangerschaftsabbruch ins Krankenhaus geht, hat sie Angst, wie man ihr begegnen wird. Doch sie wird korrekt behandelt, allerdings nicht beraten.

Heute können Frühstests schon nach zehn Tagen eine Schwangerschaft anzeigen, es gibt mehr Verhütungsmöglichkeiten als zu DDR-Zeiten und die Beratungspflicht. Wie ein Abbruch medizinisch korrekt durchgeführt wird, kommt im Medizinstudium allerdings kaum noch vor. Stattdessen müssen sich Studierende selbst in Workshops organisieren, um sich Wissen und Praxis anzueignen. Das hat Folgen für die Versorgung betroffener Frauen, denn immer weniger Gynäkologinnen und Gynäkologen bieten eine Abtreibung überhaupt an.

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Mehr über den Hintergrund der Debatte

Paragraf 218, 219a Flugblatt Schwangerschaftsabruch 7 min
Bildrechte: imago images/Michael Gstettenbauer

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 23. September 2021 | 22:40 Uhr