Eine junge Frau
Wie den Alltag durchhalten, ohne lesen und schreiben zu können? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Analphabetismus "Ohne Lesen und Schreiben geht man blind durch die Welt"

Lesen und Schreiben lernen – erst ist das eine große aufregende Sache, später Alltag. Für die meisten, nicht aber für die 7,5 Millionen Analphabeten in Deutschland. Die Bundesregierung und der Europäische Sozialfond fördern Bildungsangebote mehr denn je. Doch viele Erwachsene, die nicht lesen und schreiben können, haben Angst vor der Schule. Sie trauen sich nicht zu, überhaupt etwas zu lernen. Wir haben eine Frau getroffen, die sich lange versteckt hat – bis das nicht mehr ging.

von Anja Krussig, MDR Religion & Gesellschaft

Eine junge Frau
Wie den Alltag durchhalten, ohne lesen und schreiben zu können? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Manuela ist 45, Mutter von fünf Kindern und Analphabetin. Niemand hat in all den Jahren mitbekommen, dass sie nicht lesen und schreiben kann. Als Erfolg würde sie das wohl kaum werten. Die Angst, ertappt zu werden, die ständige Orientierungslosigkeit strengen enorm an:

Du bist geduckt, du gehst krumm. Ohne Lesen und Schreiben geht man blind durch die Welt. Ist so, ich hab's jahrelang durch.

Manuela Neubert

Jahrzehntelang durchgemogelt

In der Schule gilt Manuela als faul. Die Buchstaben kann sie sich kaum merken. Das was an der Tafel steht, notiert sie, ohne zu wissen, was es bedeutet. Die Hausaufgaben lässt sie von ihrer besten Freundin machen oder schreibt sie bei Klassenkameraden ab. Sie kommt zur Sonderschule, wird durchgeschleift und lernt nach der Wende Wirtschaftsgehilfin. Am Arbeitsplatz und auch in der Familie merkt keiner, dass sie Analphabetin ist. Manuela versucht, Fragen immer zuvorzukommen und improvisiert: "Ich habe meinen Kindern schon Gute-Nacht Geschichten 'vorgelesen', bloß habe ich sie mir eben ausgedacht. Bis jetzt haben sie das noch nicht rausgekriegt, aber jetzt werden sie es wohl rauskriegen." (Lacht)

Eine junge Frau
Immer in der Angst, ertappt zu werden und Fehler zu machen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Manuela mogelt sich durch. Doch nicht nur die Angst aufzufliegen wächst mit den Jahren. Auch die Scham. Manchmal bittet sie ihre Kinder um Hilfe: "Aber die haben mir dann gesagt: 'Das kannste doch alleine.' Da habe ich dann geantwortet: 'Ok, ich mach' das dann alleine', 'Ich habe die Brille nicht mit' oder 'Ach, ich bin jetzt zu faul.'" Oder sie verbindet sich einen Arm, damit sie einen Grund hat, nicht schreiben zu können. Als Analphabetin durch den Alltag zu kommen, bedeutet ständigen Stress: Einkaufen ist Manuela immer ein Gräuel, kann sie doch die Texte auf den Verpackungen nicht lesen. Geschweige denn Rezepte. So fällt das Essen bei ihr immer etwas eintönig aus. Immer sucht sie nach Notlösungen. Wenn sie ihren Kaffee kauft, orientiert sie sich an der Farbmarkierung.

Ganz von vorn anfangen: ABC

Trotzdem ergattert Manuela immer wieder Arbeit. Sie gilt als besonders fleißig und zuverlässig. Als Lageristin macht sie den Gabelstaplerschein. Ausnahmsweise mündlich.

So merkt wieder keiner, dass sie nicht lesen und schreiben kann. Bis sie eines Tages Waren selbst verfrachtet:

Die Auslieferung war auf einen Schlag verkehrt. Die ging nicht nach Japan, sondern ganz woanders hin. Da musste ich dafür gerade stehen. So haben sie es mitgekriegt und dann bin ich gekündigt worden.

Manuela Neubert
Ex-Analphabetin Manuela mit Buchstabenkarten 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass der Schwindel nach all den Jahren auffliegt, ist für Manuela wie ein Schock: "Ich bin dann erst einmal zusammengesackt. Ich habe sieben Wochen alles getan, dass ich die Prüfung bestehe, und auf einmal war es leer, einfach leer." 

Der soziale Abstieg droht. Manuela beschließt, ihr Leben zu retten und wieder zur Schule zu gehen. 2018 beginnt sie in der Fortbildungsakademie der Wirtschaft in Leipzig ganz von vorn, nämlich mit dem ABC: "Das lernt man ja nicht von heute auf morgen. Ich habe es gemerkt, ich saß viel in der Schule und habe beim Vorlesen oder beim Schreiben, auch viel geheult dafür." Sechs Stunden Deutsch nimmt sie, Montag bis Freitag. Die Angst vor den Buchstaben wird weniger, das merkt Manuela bei ganz alltäglichen Dingen, zum Beispiel, wenn sie in der Stadt mit der Straßenbahn unterwegs ist.

Größte Hürde: "Die Schulerfahrung, nichts lernen zu können"

Eine junge Frau, im Hintergrund schreibt eine Frau an einem Schreibtisch
Deutschlehrerin Stefanie Sachse Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rund 7,5 Millionen so genannte funktionale Analphabeten gibt es in Deutschland. Oft ist eine Lernschwäche ihr Problem. Das Defizit wird im Unterricht an der Akademie anders als damals in der Schule berücksichtigt. Zum ersten Mal in ihrem Leben schreibt Manuela. Wort für Wort. Es ist ein Kraftakt, auch deswegen, weil Manuela gegen ihre tief eingebrannten Erfahrungen angehen muss.

Stefanie Sachse, ihre Deutschlehrerin in der Akademie, erinnert sich noch genau an den ersten Tag, als Manuela kam und stark zweifelte, ob ihr Versuch, nun noch lesen und schreiben zu lernen, Sinn habe: "Sie sagte, ich habe Schule gemacht, ich lerne nichts, ich kann nichts lernen. Und diese Schulerfahrung ist so stark, dass sie mit zur größten Hürde wird." Nun aber sei für sie diese Erfahrung zum ersten Mal durchbrochen worden.

Durch das Lesen und Schreiben bin ich ein ganz anderer Mensch. Zurück will ich nicht, ne!

Manuela Neubert
Zwei junge Frauen sitzen an einem Tisch
Hilfe bei Behördenpost Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Jahr Schule liegt nun hinter ihr. Manuela kommt zur Nachbetreuung. In der Akademie kann sie sich Hilfe holen, wenn es beispielsweise darum geht, die Post vom Arbeitsamt gemeinsam durchzu gehen. Inzwischen hat Manuela auch das Selbstbewusstsein nachzufragen. Und: Sie hat eine neue Arbeit. Einen Vollzeitjob in einem Malerbetrieb. Eigentlich ein Glücksfall. Doch seitdem kommt sie kaum noch zum Üben. Job und Lesen lernen - Manuela will beides schaffen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 28. März 2019 | 22:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. März 2019, 17:38 Uhr

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