Interview Eichholz: Wie die alte Dorfkirche gerettet wurde

Als Pfarrer Albrecht Lindemann in die 100-Seelen-Gemeinde bei Zerbst im Landkreis Anhalt-Bitterfeld kam, war der Altarraum von St. Trinitatis bereits mit Flatterband abgesperrt. Die kleine romanische Feldsteinkirche aus dem 12. Jahrhundert, die 1945 schwer zerstört worden war, schien nicht mehr zu retten. Dann wurde St. Trinitatis zum Projekt für ein ganzes Dorf. Am Sonntag, 17. Juli findet dort nun ein Evangelischer Gottesdienst statt, den der MDR live überträgt.

Die Kirche St. Trinitatis in Eichholz bei Zerbst in Sachsen-Anhalt
St. Trinitatis in Eichholz war 1189 als Wehrkirche gebaut worden, bis 2020 wurde sie mit Fördergeldern vom Land, der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Lottomitteln und Spenden saniert. In Dunkelbraun ein kleines Modell, das die Eichholzer im "Mach dich ran"-Wettbewerb bauten. Bildrechte: dpa

In welchem Zustand war St. Trinitatis, als Sie als Pfarrer nach Eichholz kamen?

Als ich die Eichholzer Kirche kennenlernte, sperrte ein schwarz-gelbes Flatterband den Altarraum ab. Das war im Jahr 2005. Tiefe Risse durchzogen das Feldsteinmauerwerk an allen Seiten des im 19. Jahrhundert ergänzten Gebäudeteils. Ein Notdach aus Blech schützte das marode Gebälk. 2011 bekam ich die Kirchengemeinde Eichholz dann offiziell zugewiesen. Im Gemeindekirchenrat mussten wir zum Willen dann noch eine Chance finden, unsere Kirche zu retten.

St. Trinitatis in Bildern Eichholz: Impressionen von der Kirchenrettung

In großer Anstrengung wurde die Dorfkirche St. Trinitatis vor dem Verfall gerettet. Inzwischen gehört sie mit ihren beiden neuen Fenstern zum "Lichtungen"-Projekt der Evangelischen Landeskirche Anhalts.

Die Kirche St. Trinitatis in Eichholz bei Zerbst in Sachsen-Anhalt
Die Kirche St. Trinitatis in Eichholz bei Zerbst in Sachsen-Anhalt wurde im 12. Jahrhundert als Wehrkirche errichtet. Die Kosten der Sanierung belaufen sich am Ende auf 775.000 Euro. Bildrechte: dpa
Ruine
So allerdings sah die Kirche vor der Sanierung aus. Ein Gebäudeteil, die Apsis, wurde abgerissen. Bildrechte: Gemeine Eichholz
Blick in die restaurierte Kirche von Eichholz bei Zerbst in Sachsen-Anhalt.
Eins der alten Kirchenfenster Bildrechte: MDR/Saskia Barthel
Stift
Aus dem historischen Gebälk wurden "Eichholzschreiber", einen bekam Bundespräsident Steinmeier. Bildrechte: Gemeine Eichholz
Blick in die restaurierte Kirche von Eichholz bei Zerbst in Sachsen-Anhalt.
Aus dem historischen Gebälk im Dachstuhl wurden Altar und Pult gestaltet. Bildrechte: MDR/Saskia Barthel
Blick in die restaurierte Kirche von Eichholz bei Zerbst in Sachsen-Anhalt.
Von der mittelalterlichen Ausstattung sind der gotische Taufstein und die Glocke aus dem 13. Jahrhundert erhalten. Bildrechte: MDR/Saskia Barthel
Die Kirche St. Trinitatis in Eichholz bei Zerbst in Sachsen-Anhalt
Die Kirche St. Trinitatis in Eichholz bei Zerbst in Sachsen-Anhalt wurde im 12. Jahrhundert als Wehrkirche errichtet. Die Kosten der Sanierung belaufen sich am Ende auf 775.000 Euro. Bildrechte: dpa
Albrecht Lindemann (l), Pfarrer der Kirchengemeinden in Kermen und Eichholz, und Gunnar Schellenberger (r), Kultur-Staatssekretär des Landes Sachsen-Anhalt, stehen in der sanierten Kirche Sankt Trinitatis.
Auch innen wurde die Kirche neu gestaltet, etwa durch die Kirchenfenster von Johannes Schreiter. Bildrechte: dpa
Menschen bauen eine Kirche im Miniformat aus Holzteilen
Die Eichholzer beim "Mach dich ran"-Wettbewerb, der 125.000 Euro als Anschubfinanzierung einbrachte. Bildrechte: Gemeinde Eichholz
Dachbalken
Im Dachstuhl wurde altes Gebälk aus dem 12. Jahrhundert erhalten. Bildrechte: Gemeinde Eichholz
Männer mit Schubkarre auf Geröll
In Eigeninitiative wurde der Fußboden aus der Kirche herausgestemmt. Bildrechte: Gemeinde Eichholz
Menschen sitzen in einer Kirche
Auch auf der Kirchenbaustelle fanden Gottesdienste statt- Bildrechte: Gemeine Eichholz
Menschen sitzen in einer Kirche
Die Kirche steht nicht nur der Gemeinde offem ... Bildrechte: Gemeinde Eichholz
Aufführung vor der Kirche von Eichholz.
Theater auf der Koppel. Bildrechte: Gemeinde Eichholz
Kirche in Winterlandschaft
St. Trinitatis im Winter. Im September 2022 wird der Abschluss der Sanierung gefeiert. Bildrechte: Gemeine Eichholz
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Die kam ja dann tatsächlich mit einem Wettbewerb 2015. Bei einem "Mach dich ran"-Spezial der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland (KiBa) und des MDR hat Eichholz ein Preisgeld von 125.000 Euro errungen. Wie wurde aus St. Trinitatis ein "Dorf-Projekt"?

Die Wettbewerbsbeteiligung hat viel bewirkt. Es wurden stark sanierungsbedürftige Kirchen aus den drei Bundesländern im MDR-Sendegebiet gesucht, deren Gemeinden sich die Beteiligung auch zutrauten. Wir waren die kleinste, aber gleichzeitig furchtlos, weil wir nun die Chance auf eine Finanzierung sahen. Die Kirchengemeinde verfügt über lediglich 400 Euro Pachteinnahmen, wäre also niemals in der Lage gewesen, dieses Vorhaben, das am Ende Kosten von 775.000 Euro umfasste, zu stemmen.

Menschen bauen eine Kirche im Miniformat aus Holzteilen
Das Eichholz-Team beim "Mach dich ran"-Wettbewerb 2015 auf dem Wittenberger Marktplatz mit Pfarrer Albrecht Lindemann auf dem Kirchturm Bildrechte: Gemeinde Eichholz

Unser Team hatte jedenfalls die größte Altersspanne von der 16jährigen Schülerin bis zu unserem Bauern, der mit seinen 75 Jahren topfit war – und heute noch auf Kirchbäume klettert. Mit unserer Sambatrommelgruppe hatten wir zudem die lauteste Fankurve. Der schönste Moment war sicher der Sieg beim Aufbau der kleinen Holzkirchen auf dem Wittenberger Markt – nach dem Modell des Originals. Wir begeisterten offenbar auch einige Zuschauerinnen und Zuschauern, die später spendeten.

Männer mit Schubkarre auf Geröll
In Eigenleistung wird 2019 noch der Kirchenboden herausgestemmt. Bildrechte: Gemeinde Eichholz

Es war eine aufregende Zeit – und doch nur der Auftakt für das Kommende. Wir mussten viele kleine Baubabschnitte bilden. Als wir beispielsweise feststellten, dass sich im Dachstuhl noch 10 Gebinde aus dem 12. Jahrhundert befinden, haben wir uns entschieden, sie so weit wie möglich zu erhalten. Das kostete schon fast die Hälfte des Gewinns. Als klar war, wie schön es werden könnte, haben wir den schadhaften Boden in der Kirche kurzentschlossen in Eigenleistung herausgestemmt. Der neue ist aus Gussasphalt, ein großer Gewinn.

In all der Zeit haben Menschen wie Maren Gabriel, die Gemeindekirchenratsvorsitzende, ein hohes Maß an Verantwortung übernommen und viel ehrenamtliche Arbeit geleistet.

Ideen hatten die Eichholzer einige: Wie kam es denn zur Sonderedition mit den "Eichholz-Schreibern"?

Eichholz ist seit 2009 eventerprobt. Auf der Wiese unserer Ärztin feiern wir jährlich mehrere große Feste. Begonnen hat alles mit "Rock auf der Koppel" – beteiligt waren damals zwei Bands mit Musikern aus dem Dorf. 2015 gab es die Erweiterung auf den Sonntag mit Familien- und Seniorenprogramm, z. B. tanzten unsere Eichholzer Line-Dancer. Seitdem ist der Erlös des Kuchenbuffets für unsere Kirche bestimmt, immer über 1.000 Euro.

Auch der Dachstuhl wurde rundumerneuert, dabei wurden Gebinde aus dem 12. Jahrhundert erhalten.
Auch der Dachstuhl wurde rundumerneuert, dabei wurden Gebinde aus dem 12. Jahrhundert erhalten. Bildrechte: Gemeinde Eichholz

Die Geschichte der Eichholzschreiber beruht auf einer Begegnung unserer Ärztin mit Heiner Tognino und seinen "Wildstiften". Er bekam einen kleinen historischen Dachbalken und fertigte daraus wunderschöne Eichholz-Schreiber. Über 2.500 Euro kamen aus dieser Aktion zusammen. Zum Antrittsbesuch in Sachsen-Anhalt 2018 bekam Bundespräsident Steinmeier von der Landtagspräsidentin ein Exemplar geschenkt, Eichholz lag so zumindest kurzzeitig auch in den Händen des ersten Mannes im Staat.

Stationen der Rettung, Fördermittel und Spenden

Erste Planungen ab 2013
Sanierungsbeginn Oktober 2017
Abschluss der Sanierung mit Dankgottesdienst: 4. September 2022

Gesamtkosten incl. Einbau der aus Berlin geschenkten Orgel: ca. 775.000 Euro

Fördermittel
Land (126.000 Euro), Stiftung KiBa (135.000 Euro), Lotto Toto Sachsen Anhalt (78.000 Euro), Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V. (30.000 Euro), Landkreis Anhalt-Bitterfeld (20.000 Euro), Stadt Zerbst/Anhalt-Ortschaft Leps (20.000 Euro), Stiftung Entschlossene Kirchen (4.000 Euro)

Mittel aus Aktionen und Events, Einzelspenden von Privatpersonen und Institutionen, teilweise spendeten einige Menschen hohe vier- oder gar fünfstellige Beträge.

Die Evangelische Kirche Anhalts ist die kleinste Landeskirche in Deutschland und Eichholz ein 100-Seelen-Dorf bei Zerbst in einem eher säkularen Gebiet – gerade wurde die jüngste Statistik mit den Austrittszahlen veröffentlicht. Was bedeutet die Kirche von Eichholz fürs Gemeindeleben – über die Institution und die spirituelle Funktion hinaus, für Christen und Nicht-Christen?

Die Zahl der Gemeindeglieder geht auch hier langsam zurück. Aber nicht aufgrund von Austritten. Es gibt einfach mehr Beerdigungen als Taufen. Unsere Kirche liegt nicht nur den Gemeindegliedern am Herzen und sie soll auch für jeden offen stehen. Zum Beispiel finden darin auch Trauerfeiern für Menschen statt, die nicht zur Kirchengemeinde gehören. Ganztägig geöffnet ist sie als guter Ort erlebbar. Die Zeiten regelmäßiger Sonntagsgottesdienste sind auf dem Land vorbei. Wenn man aber die Zahl der Teilnehmer über das Jahr im Vergleich sieht, sieht es in den letzten zehn Jahren deutlich besser aus als in den vorangegangenen Jahrzehnten.

Menschen sitzen in einer Kirche
Ostermontag 2018 ist Gottesdienst noch auf der Baustelle. Bildrechte: Gemeine Eichholz

Wir schaffen als Gemeinde Anlässe für Gemeinschaft. Und hoffentlich gelingt es auch, neben Kaffee und Kuchen etwas Stärkendes zum Weiterdenken mit auf den Weg zu geben. Beim Rein- und Rausgehen blickt man stets auf den mittelalterlichen Taufstein, auch eine Einladung. Eine besondere Rolle spielt der Kirchturm, er ist eine Art Heimatführer. Aus allen Richtungen sieht man ihn als erstes und geht bzw. fährt auf ihn zu, schön für jeden, der gern nach Hause kommt.

In St. Trinitatis vereinen sich jetzt Alt und Neu. Links und rechts vom Altar, der auch aus historischem Gebälk gefertigt wurde, blicken die Besucherinnen und Besucher eines Gottesdienstes auf zwei raumhohe gelb-weiße Fensterbänder. Mit dem Werk von Johannes Schreiter ist Eichholz Teil des Glaskunstprojektes "Lichtungen" der Evangelischen Landeskirche Anhalts, das auf besondere Kirchenfenster gestaltet von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern in der Region aufmerksam macht. Aber kommen deswegen inzwischen Touristen, um die meditative Stimmung zu genießen?

Albrecht Lindemann (l), Pfarrer der Kirchengemeinden in Kermen und Eichholz, und Gunnar Schellenberger (r), Kultur-Staatssekretär des Landes Sachsen-Anhalt, stehen in der sanierten Kirche Sankt Trinitatis.
Meditative Stimmung: Im Hintergrund zu sehen sind der Altar aus dem Dachgebälk und die Kirchenfenster des Künstlers Johannes Schreiter. Bildrechte: dpa

Das Kunstprojekt entwickelt sich in einem Gebiet, in dem die meisten Menschen eher pragmatisch denken: Ein Fenster sollte dicht sein und Licht in den Raum lassen. Es macht Freude, wenn am Ende einer Sanierung dann doch unübersehbar wird, wie Kunst einen Raum aufwerten kann.

Wer hier lebt, sucht auch nicht unbedingt die Öffentlichkeit und bestimmt keine Menschenströme. Kulturtouristen sind aber in der Regel freundliche Menschen und treten nicht in Scharen auf. Unsere Kirchen sind fast alle ganztägig geöffnet, auch für Gäste. Und wenn die dann sagen: "Oh, habt ihr es hier schön!", freut sich der Mensch, nickt und kehrt in seinen Garten zurück.

Ok, aber Sie wollten schon mehr als sanieren und dichte Fenster, durch die etwas Licht fällt. Was gefällt Ihnen in der "neuen" Kirche besonders?

Kirche von Eichholz von innen.
Ostermontag 2021: In der sanierten Kirche mit neuen Fenstern von Johannes Schreiter. Von der mittelalterlichen Ausstattung sind der gotische Taufstein und die Glocke aus dem 13. Jahrhundert erhalten. Bildrechte: Gemeinde Eichholz

Sehr viel Freude macht mir derzeit unsere neue Tür im Südportal. Das war zugemauert und ist jetzt ein barrierefreier Zugang. Das Türblatt ist auch aus den alten Eichenbalken des alten Dachstuhls gefertigt. Unser Schmied hat nach Vorgabe feinsinniger Damen Bänder und Kastenschloss beigesteuert. So steckt in dieser Tür sehr viel Eichholz. Die Fenster von Johannes Schreiter und die Prinzipalstücke von Till Hausmann sind aber natürlich aus Sicht des Kunstfreundes die Highlights der Kirche.

Wir wollten Altes erhalten und unsere Kirche für unsere und kommende Generationen gestalten. Wir stehen in einer Tradition, nicht am Ende einer Entwicklung. Lebensfreude und Zuversicht soll man spüren können, nicht nur am Gebäude. Am 4. September 2022 feiern wir mit einem Dankgottesdienst den Abschluss der Sanierung.

Stichwort: St. Trinitatis

Die kleine Gemeinde Eichholz mit ihren 104 Einwohnern liegt bei Zerbst im Landkreis Anhalt-Bitterfeld, direkt am Biosphärenreservat Mittlere Elbe - und am Elberadweg. Im Ortskern befindet sich das Gasthaus "Zu Eichholz", welches seit nunmehr 150 Jahren und schon in fünfter Familiengeneration betrieben wird, zurzeit aber geschlossen ist. Auch die alte Schmiede inmitten des Dorfes gibt es seit 1856. Eichholz wurde erstmals 1173 urkundlich erwähnt. Aus dieser Zeit stammt auch die romanische Feldsteinkirche. St. Trinitatis ist einer der ältesten Dorfkirchen östlich der Elbe.

Nach sechs Jahren der Sanierung wurde St. Trinitatis im anhaltischen Eichholz bei Zerbst 2019 mit einem Gottesdienst wieder in Dienst genommen. Dabei wurde auch der neue Altar geweiht, der aus den über 800 Jahre alten Dachbalken der Feldsteinkirche besteht. Die von dem Bildhauer Till Hausmann geschaffenen so genannten Prinzipalstücke, Altar und Pult, verbinden historisches Eichenholz aus dem historischen Dachgebälk mit jüngerem. So verbindet sich das überlieferte Alte mit dem neu Geschaffenen in der Kirche. Neu errichtet wurde die Apsis, also der Abschluss des Chores, mit denbeiden raumhohen modernen Fenstern von Johannes Schreiter. Historisch sind hingegen das romanische Kirchenschiff und der mächtige Breitturm. Als Teil des Glaskunstprojektes "Lichtungen" der Evangelischen Landeskirche Anhalts soll die Kirche in Eichholz künftig beispielsweise auch Touristen auf dem Elberadweg zum Verweilen einladen.

Von der mittelalterlichen Ausstattung sind der gotische Taufstein und die Glocke aus dem 13. Jahrhundert erhalten.

Quelle: Gemeinde

Das Gespräch führte Katrin Schlenstedt für MDR Religion und Gesellschaft.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 17. Juli 2022 | 10:00 Uhr

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