Nah dran | MDR FERNSEHEN | 18.03.2021 | 22:40 Uhr Leben die Eltern getrennt, pendeln die Kinder – oder?

In Deutschland fußt das Familienrecht auf dem Residenzmodell. Das heißt, die überwiegende Zahl der Trennungskinder wohnt bei der Mutter, der Vater zahlt Unterhalt. Doch dieses Modell entspricht nicht mehr den Rollenbildern, die viele Eltern leben. Das Wechsel- und das Nestmodell stellen Gleichberechtigung und Kindeswohl stärker in den Fokus.

Ein kleiner Junge lächelt 29 min
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Mehr als jede dritte Ehe in Deutschland wird geschieden. Haben die Partner gemeinsame Kinder, ist die große Frage: Wo sollen sie leben? In Deutschland wachsen drei Millionen Kinder überwiegend bei der Mutter auf, während der Vater Unterhalt zahlt. Das ist das sogenannte Residenzmodell, auf dem das geltende Familienrecht fußt.

Gleichberechtigte Elternteile

Hildegund Sünderhauf-Kravets ist Professorin für Familien-, Jugend- und Kinderrecht an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Sie berät das Familienministerium. Obwohl alle vom Kindeswohl redeten, gehe es beim Residenzmodell um Macht und Geld, betont die Professorin: "Wenn ein Vater erheblich mitbetreut, zum Beispiel fast 50 Prozent, und trotzdem vollen Unterhalt zahlen muss, ist das natürlich krass ungerecht." Sie sagt, Mütter und Väter hätten heute ein gleichberechtigteres Rollenverständnis, das Familienrecht sei aber noch dasselbe wie vor hundert Jahren.

Die Juristin setzt sich für das Wechselmodell ein, in dem in Deutschland fünf Prozent der Kinder leben. Sie pendeln zwischen Mutter und Vater, häufig wöchentlich. So wie Luna aus Dresden. Sie hat bei beiden Eltern ein eigenes Zimmer und, wie sie sagt, zwei Zuhause. Aber: "Wenn ich bei Papa war, habe ich manchmal Mama vermisst. Und wenn ich bei Mama war, habe ich manchmal Papa vermisst", sagt sie. Und es gehört viel Organisation dazu, um zum Beispiel alle Schulunterlagen immer am richtigen Ort zu haben.

Gut für's Kind oder für die Eltern?

Ihr Vater, Roman Schlaack, ist kein Bespaßungsvater, der sein Kind am Wochenende ins Kino ausführt. Er macht mit ihr Hausaufgaben, erledigt den Alltag und passt auf, dass sie ihr Zimmer aufräumt. Zum Wechselmodell sagt er: "Ich kann aus heutiger Sicht sagen, dass das Wechselmodell für die Eltern eine super Sache ist. Für das Kind aber nicht, weil es immer pendelt."

Bei ihrer Mutter lebt Luna gemeinsam mit deren neuem Mann, einem kleinen Bruder und einer Katze. Wie Lunas Mutter sagt, ist es wichtig, dass die Eltern für das Kind gemeinsam agieren und nicht gegeneinander, damit das Modell funktioniert.

Nestmodell: Eltern pendeln

Es gibt noch eine Variante, für die ebenfalls Voraussetzung ist, dass die Eltern kooperieren statt sich zu bekriegen: Das Nestmodell. Dabei pendeln nicht die Kinder, sondern die Eltern. Tanja und Patrick B. wechseln sich teilweise sogar täglich ab, wer die Kinder im gemeinsamen Haus betreut. "Kein Modell ist einfach, aber für mich ist es das beste, weil ich sehe, dass es den Kindern gut geht damit", sagt Mutter Tanja.

Sie und ihr Ex-Mann Patrick haben jeweils zusätzlich eine eigene Wohnung. Teurer als Unterhaltszahlungen sei das aber nicht, betont Patrick. Dafür können beide Zeit mit den Kindern verbringen. Und die Geschwister Joshua und Charlotte sagen: "Wir müssen nicht ständig eine Tasche packen und Spielzeug aussuchen. Das ist blöd und anstrengend."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 18. März 2021 | 22:40 Uhr