Reportage: "Mama muss sterben" Wenn die Mutter Krebs hat - Wie Luca den Alltag meistert

Luca aus Landsberg im Saalkreis ist eigentlich ein ganz normaler Junge: Er geht aufs Gymnasium, spielt Gitarre, ist im Karate-Verein, liest viel und zockt gerne am Computer und liebt Tiere über alles. Doch manchmal scheint er erwachsener zu sein als andere in seinem Alter. Denn Lucas‘ Leben ist nicht unbeschwert: Seine Mama Katrin hat Krebs und wird sterben.

Luca mit Mama an der Ostsee 30 min
Luca mit Mama an der Ostsee Bildrechte: MDR/Werkblende

Der 12-jährige Luca wächst mit der Erkrankung seiner Mutter auf. Als er zwei Jahre alt ist, wird in Katrin Krauses Brust ein Tumor diagnostiziert, der schon einige Organe angegriffen hat. Doch Lucas Mama ist eine Kämpferin, übersteht mehrere Chemotherapien und Operationen. Zehn Jahre später folgt dann die bittere Gewissheit: Katrin wird den Kampf gegen den Krebs verlieren.

Luca übernimmt Verantwortung

Katrin Krause hat schon drei erwachsene Kinder aus ihrer ersten Ehe. Luca stammt aus einer zweiten Partnerschaft, die nicht hält. Für Katrin ist Luca nicht nur ihr Nesthäkchen, sondern auch ihr Anker. Zusammen sind sie ein starkes Team. Luca packt viel zu Hause mit an, kümmert sich um seine Mutter, übernimmt Verantwortung. Wie es sich anfühlt, eine gesunde Mutter zu haben, weiß Luca nicht:

"Ich habe es mir noch nicht vorgestellt. Aber ich würde es gerne. Zum Beispiel, dass Mama wieder Fahrradfahren kann, dass sie ihre linke Seite wieder komplett bewegen kann, wenn der Tumor irgendwann mal besiegt ist. Aber ich glaube, das wird nicht passieren."

Luca bei Mama im Krankenhaus
Nähe fühlen: Luca und Katrin im Krankenhaus Bildrechte: MDR/Werkblende

Daten und Fakten Von den rund 15 Millionen in Deutschland lebenden Eltern minderjähriger Kinder erkranken jährlich rund 37.000 - davon 20.000 Mütter - neu an Krebs.

Während bei Müttern Brustkrebs als die mit Abstand häufigste Diagnose errechnet wurde und fast die Hälfte aller Krebserkrankungen in diesem Lebensabschnitt ausmacht, verteilen sich die Diagnosen bei Vätern auf verschiedenste Krebserkrankungen. Die häufigsten sind Lungen-, Darm-, Prostata- sowie Blut- beziehungsweise Lymphdrüsenkrebs mit einem Anteil von jeweils gut 10 Prozent.

Pro Jahr sind schätzungsweise rund 50.000 Kinder von einer neu festgestellten Krebserkrankung eines Elternteils betroffen.

Eine Krebserkrankung verändert das Familienleben jedoch in den allermeisten Fällen nicht nur im ersten Jahr der Erkrankung.

Legt man die 5-Jahres-Prävalenz von Krebserkrankungen zugrunde, leben in Deutschland etwa 117.000 Familien mit einem oder mehreren minderjährigen Kindern, in denen mindestens ein Elternteil in den letzten fünf Jahren an Krebs erkrankt ist. Rund 152.000 oder gut ein Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland befinden sich aktuell in einer solchen Situation.

Quelle: Zentrum für Krebsregisterdaten

Es fällt schwer, über den Tod zu reden

Obwohl der Krebs schon viele Jahre zum Alltag gehört, fällt es Katrin Krause unglaublich schwer, mit ihrem Sohn über das Fortschreiten der Krankheit und ihren nahestehenden Tod zu sprechen:

Eigentlich lassen wir das Thema aus, weil wir beide nicht daran denken wollen. Luca soll so normal wie möglich den Übergang zum Teenageralter finden.

Katrin Krause

Ein letzter Urlaub an der Ostsee

Noch einmal unbeschwert Ferien mit Luca an der Ostsee machen, das ist Katrins letzter großer Wunsch. Im August 2021 fahren sie deshalb noch einmal in eine Reha-Klinik nach Graal-Müritz.

"Bevor ich sterbe, bevor ich gehen muss, wollte ich unbedingt noch mal hier her. Hier sind wir endlich mal glücklich, müssen nicht über Zuhause nachdenken und das ist unheimlich viel wert. Es entspannt mich, es entschleunigt mich", sagt die 50-Jährige.

Luca mit Mama an der Ostsee
Luca mit mit seiner Mutter im Strandkorb an der Ostsee. Bildrechte: MDR/Werkblend

Auch Luca genießt die Zeit mit seiner Mama an der Ostsee. Sein größter Wunsch ist jedoch ein anderer.

Ich möchte einfach nur, dass Mama nicht mehr krank ist und dass die ganzen Narben verschwinden.

Luca

Ein paar Wochen später verschlechtert sich Katrins Gesundheitszustand. Sie muss wieder in die Klinik und später auf die Palliativstation des Krankenhauses Martha-Maria in Halle.

Im Dezember 2021 stirbt Katrin Krause.

Die Reportage begleitet Katrin und Luca ein knappes Jahr lang und erzählt, wie Mutter und Sohn die letzten Monate miteinander erleben. Wie sie über die unheilbare Erkrankung sprechen, wie sie emotional mit der unerträglichen Situation umgehen und wie Luca auf den Tod seiner Mutter reagiert.

Luca mit seiner Schwester Kristin zu Hause
Trauer zulassen: Luca mit seiner Halbschwester Kristin Bildrechte: MDR/Werkblende

Es fällt Luca schwer, nach dem Tod seiner Mutter mit dem Film weiterzumachen. Eigentlich möchte er nicht mehr über das Thema sprechen. Dass er sich trotzdem bereiterklärt, hat einen einzigen Grund:

Ich bin nicht der Einzige und vielleicht hilft es ja anderen, die das auch erleben.

Luca

Lucas Halbschwester Kristin hat Luca in einer Trauergruppe für Kinder und Jugendliche angemeldet. Ihm bleibt Zeit, selbst zu entscheiden, ob und wann er das Angebot nutzen will.

Wenn Hilfe nötig ist - Angebote von Vereinen und Beratungsstellen

Wer für das Gespräch mit seinen Kindern Unterstützung benötigt, sollte professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die psychoonkologischen Beratungsstellen der Landeskrebsgesellschaften können eine erste Anlaufstelle sein. Manche Krebsberatungsstellen haben spezielle Angebote für Kinder, so zum Beispiel die Landeskrebsgesellschaft Sachsen-Anhalt und die Berliner Krebsgesellschaft. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere lokale Angebote zur Beratung und psychologischen Betreuung von Kindern – z. B. durch den Verbund "Hilfen für Kinder krebskranker Eltern e.V." an den Standorten Berlin, Hamburg, Heidelberg, Leipzig und Magdeburg.

Die Interessengruppe "Kinder krebskranker Eltern" in der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für psychosoziale Onkologie (dapo e.V.), hat eine Liste mit Einrichtungen für Kinder krebskranker Eltern zusammengestellt:

http://www.dapo-ev.de/fileadmin/templates/pdf/adressenliste_dapo_2016.pdf

Auch im Internet gibt es viele hilfreiche Anlaufstellen. So hat der Mainzer Verein "Flüsterpost e. V." zahlreiche Informationen zum Thema zusammengetragen und auf seiner Website veröffentlicht. Der Verein unterhält zudem eine eigene Beratungsstelle, an die sich Eltern und Kinder jeden Alters telefonisch oder per E-Mail wenden können. Auch das Online-Angebot des ONKO-Internetportal und der Deutschen Krebsgesellschaft bieten Basis-Informationen.

Im Krankenhaus Martha-Maria Halle-Dölau gibt das interdisziplinäre Bildungsprojekt "Jonas will´s wissen". Fachpersonal aus Medizin, Theologie, Kunst, Psychologie und Pädagogik haben gemeinsam dieses Projekt geschaffen, um Kinder und Eltern zu ermutigten, ihre schwerstkranken Angehörigen im Krankenhaus zu besuchen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 12. Mai 2022 | 22:40 Uhr