Nah dran Entscheidungen am Limit – Wie Pfleger und Ärzte in Coswig um Leben und Tod kämpfen

Nirgendwo wütete die Pandemie so wie hier: Im Landkreis Meißen liegt die Inzidenz im Januar bundesweit am höchsten. Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger im Fachkrankenhaus Coswig arbeiten da bereits seit Wochen am Limit. Eine ganze Region ringt mit dem Virus. Dass der Kampf nun in die dritte große Runde geht, sieht Geschäftsführer Viktor Helmers beim Blick auf die Prognosen der Corona-Leitstelle der Universitätsklinik Dresden für Ostsachsen. Nach der kurzen Atempause rechnet er "mit weiteren belastungsreichen Wochen" - und baut auf sein Personal.

Entscheidungen am Limit: Eine Region kämpft gegen Corona
Pfleger Jan Günzel im Fachkrankenhaus Coswig, seit Monaten im Einsatz und Standby Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Anfang Januar meldet das Robert-Koch-Institut im Landkreis Meißen die bundesweit höchste Sieben-Tages-Inzidenz. Die Betten auf der Intensivstation im Fachkrankenhaus Coswig sind ständig belegt, die Lage angespannt. Eine spezielle Isolierstation wird für schwer infektiöse Patienten eingerichtet, die sogenannten Post-Covids.

Medizinisches Personal auf Intensivstation 44 min
Bildrechte: Carsten Sand

Reportagen und Dokumentationen im Ersten Mo 29.03.2021 23:35Uhr 44:15 min

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Der tägliche Abnutzungskampf auf Station

Entscheidungen am Limit: Eine Region kämpft gegen Corona
Das Fachkrankenhaus Coswig verfügt über ein Lungenzentrum. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ärzte, Krankenschwester und Pfleger sind im täglichen Abnutzungskampf: Sie arbeiten in Vollschutzmonturen, mehrmals am Tag müssen sie sich umziehen und desinfizieren. Die Angst, sich und ihre Familien anzustecken, ist ein ständiger Begleiter.

Pfleger Jan Günzel beschreibt, wie fordernd dieser Kampf physisch und mental für ihn ist:

Einerseits sieht man, dass es vormals gesunde Patienten trifft, quasi aus dem Nichts heraus, und andererseits gehen wir nahezu am Limit arbeiten; eine geregelte Arbeitszeit mit Dienstschluss gibt es im Prinzip nicht oder selten, unsere Kollegen machen alle Überstunden und demzufolge ist auch die Erholungsphase relativ kurz. Es zehrt.

Jan Günzel Pfleger Fachkrankenhaus Coswig

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Sechs Pfleger und drei Ärzte sind pro Schicht auf der Intensivstation im Einsatz. Die Betreuung von Covid-19-Patienten ist extrem aufwendig: Infusionen müssen neu gelegt werden, die Patienten müssen gefüttert, regelmäßig gedreht und umgelagert werden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit einem Monat kümmert sich Jan Günzel um einen 61-Jährigen, der mitten im Leben stand und Rennrad fuhr, wie dessen Frau ihm erzählt hat. Im Krankenhaus ist er nicht mehr in der Lage, allein Luft zu holen, das CT-Bild seiner Lunge: weiß. Sein Kreislauf bricht komplett zusammen.

Das Virus trifft auch die, die nicht daran glauben

Eberhard Uebelmann ist 20 Jahre älter und scheint glimpflich davonzukommen. Wann und wo genau er sich angesteckt hat, kann der 81-jährige nur vermuten. Möglicherweise beim Geburtstag seiner Lebensgefährtin, als Nachbarn zum Gratulieren kamen. Kurz danach bemerkt er die ersten Symptome. Essen kann er gar nichts mehr: keinen Appetit. Er verbringt das Weihnachtsfest im Krankenhaus, scheint zu genesen, ist optimistisch. Im Februar wird er entlassen. Doch noch immer kämpft er mit den Corona-Folgen.

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Sauerstoff-Behälter Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehrere Stunden am Tag muss er sich mit künstlichem Sauerstoff versorgen. Auch nachts, wenn er schläft.  Dass das Virus ihn so schwer schädigen würde, damit hat der Rentner nicht gerechnet. "Ich kannte mich so nicht. So umfangreich geschädigt: Luft, Knochen, Laufen, irgendwie war alles wie begrenzt, ich war entsetzt." Vor alldem hat er geglaubt, Corona sei nur eine Erfindung.

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Auch zuhause hängt Eberhard Uebelmann noch "am Schlauch". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich habe, bevor das mich betraf, die Meinung vertreten, das ist gemacht. Das ist Krieg im Kleinen, das ist eine wirtschaftliche Sache, das hat einer produziert und in die Welt gebracht, ehrlich. Heute weiß ich genau, das ist falsch und gefährlich so was zu verbreiten.

Eberhard Uebelmann Corona-Patient

Folgeschäden

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Intensivmediziner Jens Kraßler Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jens Kraßler hat die Corona-Patienten im Fachkrankenhaus Coswig als Intensivmediziner betreut. Nicht alle können gerettet werden. Es falle ihm in diesen Tagen schwer, nach der Arbeit abzuschalten, so Kraßler. Dabei ist er Ausnahmesituationen gewohnt, auch weil er seinen Urlaub oft in Bolivien verbringt, um mit Kollegen dort Menschen zu helfen, die sich eine Operation sonst nicht leisten könnten.

Die sogenannte Triage, also die Entscheidung, welcher Patient an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden kann und wer nicht, musste im Krankenhaus Coswig nicht getroffen werden, wie Kraßler betont. Zum Glück. Aber es sei auffällig, dass beispielsweise Menschen mit Krebserkrankungen zu spät in die Behandlung kommen.

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Als Intensivmediziner ist Jens Kraßler einiges gewöhnt. Das zerstörerische Wirken des Virus hat auch ihn überrascht: "Das Weiße sind sozusagen Belüftungsstörungen."
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Kein Abschied in Würde

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Bis in die Trauerhalle stapeln sich die Särge im Krematorium Meißen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Über 65.000 Menschen sind in Deutschland bis Mitte Februar an einer Corona-Infektion gestorben. In Sachsen verdoppelt sich die Zahl der Toten im Dezember 2020 im Vergleich zum Vorjahr. Die zweite Welle der Pandemie führt dazu, dass sich im Krematorium in Meißen die Särge stapeln. Bestatter Jörg Schaldach erzählt, dass er und seine Leute eigentlich schon seit November "auf dem Zahnfleisch kriechen". Die Toten werden im Drei-Schicht-System verbrannt. Die Angehörigen dürfen sie oft nicht mehr sehen. Das schreckt Ingo Thöring, der mit seinen 76 Jahren nun öfter in den Dienst zurückkehrt, um auszuhelfen und für den in all seinen Berufsjahren der würdevolle Abschied das Credo war. Nun kann er nicht mehr tun, als die Totenscheine zu kontrollieren.

Auch noch in der zweiten Januar-Woche sterben laut Statistischem Bundesamt in Sachsen deutlich mehr Menschen als in den vergangenen Jahren: 45 Prozent mehr als 2020.

Neue Hoffnungen, neue Enttäuschungen

Neue Hoffnung weckt die Aussicht auf die Impfungen. Um so größer ist die Enttäuschung auch bei Landrat Ralf Hänsel, als Ende Januar gähnende Leere vor dem Impfzentrum des Landeskreises, in der Sachsen-Arena Riesa, herrscht, weil der Impfstoff fehlt.

Ich hatte gehofft, wir haben es im Frühjahr geschafft. Nun gibt es den Impfstoff nicht und das bedeutet natürlich nun, dass wir im Zweifel die anderen Maßnahmen länger fortsetzen müssen.

Ralf Hänsel Landrat im Landkreis Meißen
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Kontrolle auf Einhaltung der Maskenpflicht Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Leben im Landkreis hat sich verändert. Polizisten kontrollieren die Einhaltung der sächsischen Corona-Verordnung und müssen auch scheinbar renitente Maskenverweigerer zur Ordnung rufen, einer stellt sich als Gewerbetreibender heraus, der um seine Existenz als Gewerbetreibender fürchtet.

Der Ton wird rauher. Die Pandemie ein einziger Drahtseilakt, der viele abstürzen lässt.

Die mobile Tafel als Ort der Solidarität

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Dirk Roscher von den Johannitern Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie sich derzeit die soziale Ungleichheit noch verschärft, kann auch Dirk Roscher von den Johannitern berichten. Geringfügig Beschäftigten bricht der Job weg. Sie sind auf die Tafel angewiesen. Damit das Angebot aufrechterhalten werden kann, hat er die Idee zu einer mobilen Variante, die nun auf dem Kirchplatz steht. So lassen sich die Abstandsregeln einhalten.

Etwa 150 Männer, Frauen und Kinder holen sich dort zwei Mal in der Woche die Spenden von Supermärkten, Bäckereien und Gewerbetreibenden ab. Damit sie sich nicht wie Almosenempfänger fühlen, zahlt jeder, jede fünf Euro. Dirk Roscher ist froh, diesen Ort der Solidarität jenseits der Hauptstraße gefunden zu haben: "Dieser Platz ist nun zentral, aber auch diskret genug, und bietet ein Stück weit einen sicheren Raum."

"Wir sind in Habachtstellung"

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Krankenschwester Anja Stettner Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Fachkrankenhaus Coswig hat sich die Lage Anfang März entspannt. Auf der Intensivstation sind wieder Betten frei. Zwei Drittel des Personals sind geimpft. Sorglos ist man trotzdem nicht, wie Krankenschwester Anja Stettner erklärt: "Wir sind in Habachtstellung, würde ich mal formulieren, man wird sehen, wie sich das entwickelt, jetzt auch mit diesen ganzen Mutationen."

Ende März beobachten sie in Coswig tatsächlich wieder "einen deutlichen Trend der Zunahme der Corona-Patienten auf unserer Intensivstation und den Normalstationen", wie Geschäftsführer Viktor Helmers mitteilt. Derzeit seien 25 Prozent der Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt, der Großteil hingegen mit anderen Patienten nach schwerwiegenden Lungenoperationen beispielsweise. Das wird wohl nicht so bleiben:

Schaltkonferenz der sächsischen Krankenhäuser zur Coronalage mit Dr. Jens Kraßler, Prof. Dr. Dirk Koschel und Geschäftsführer Viktor Helmers
Schaltkonferenz der sächsischen Krankenhäuser zur Coronalage mit Dr. Jens Kraßler, Prof. Dr. Dirk Koschel und Geschäftsführer Viktor Helmers Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit den uns bekannten und bislang sehr validen Prognosen der Corona-Leitstelle der Universitätsklinik Dresden für das Cluster Sachsen/Ostsachsen gehen wir von einer erneuten, starken Zunahme der Patientenzahlen aus. Damit verbunden ist auch eine deutliche Zunahme der Corona-Intensivpatienten. Aktuell beobachten wir dabei, dass der Altersschnitt der schwer erkrankten Patienten sinkt, also auch jüngere Patienten schwerer erkranken (um die 60 Jahre), zeitgleich beobachten wir auch vermehrt schwere Lungenschäden,  die öfters einen extrakorporalen Lungenersatz (ECMO) erfordern.

Nach einer kurzen Phase, welche einen Trend zur 'Normalisierung' erhoffen ließ, erwarten wir nun weitere belastungsreiche Wochen für alle Mitarbeitenden des Fachkrankenhauses.

Viktor Helmers Geschäftsführer Fachkrankenhaus Coswig, 23. März 2021

Helmers geht davon aus, dass eine "dauerhafte Besetzung der relevanten Stationen nach derzeitiger Kenntnislage aufgrund der Impfungen uneingeschränkt möglich" ist. Der überwiegende Teil des Personals sei geimpft, so dass man von einem geringeren Ansteckungsrisiko ausgehe. Inzwischen gehen die Mitarbeitenden in die dritte Welle der Pandemie, mitten in der zweiten meinte Pfleger Jan Günzel:

Entscheidungen am Limit: Eine Region kämpft gegen Corona / 2
Der lange Corona-Winter scheint kein Ende zu finden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese besondere Wertschätzung, das war am Anfang, letzten Endes kann man sich dafür nichts kaufen. Aber es ist mein Job. Ich habe den Beruf irgendwann aus Überzeugung und Leidenschaft erlernt und mache den nach wie vor gerne. Auch wenn man in dieser besonderen Situation immer öfter an seine Grenzen gerät.

Jan Günzel Pfleger

Intensivmediziner Jens Kraßler plädiert dafür, die Lehren aus dieser Pandemie zu ziehen:

Ich glaube nicht, dass das Virus einfach so verschwindet. Wir müssen insgesamt als Gesellschaft einen Weg finden, damit umzugehen. Was ich mir wünsche, ist, dass wir einmal ehrlich Bilanz ziehen und sagen, das und das ist falsch gewesen. Wir können nicht sagen, es ist ja am Ende alles gut gelaufen.

Jens Kraßler Intensivmediziner

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 15. April 2021 | 22:40 Uhr